Home
http://www.faz.net/-gx5-pl50
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gentest-Gesetz Wuchern mit dem Biochip

18.11.2004 ·  Versicherungen leben zwar von der Ungewißheit, mögen diese bezüglich ihres eigenen Geschäftes aber gar nicht: Warum die Versicherungswirtschaft das Gentest-Gesetz fürchtet.

Von Christian Schwägerl
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Versicherungen leben von der Ungewißheit. Gäbe es nicht genug Menschen, die irgendwie Angst vor einem Unfall, vor Berufsunfähigkeit oder einem frühzeitigen Ableben durch Krankheit hätten, würden ihnen die prämienzahlenden Kunden ausgehen. Könnte man dagegen die Zukunft vorhersagen und genau ermitteln, wann jemand vom Baum fallen oder von einem tödlichen Krebsleiden heimgesucht wird, wären Versicherungen sinnlos. Am liebsten sei es den Versicherern, wenn sie und ihre Kunden in exakt der gleichen Ungewißheit lebten, wie wahrscheinlich der Versicherungsfall denn eintreten werde, sagte Achim Regenauer von der "Münchener Rück" am Donnerstag bei einer Veranstaltung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin.

Die rot-grüne Koalition will nun aber dieses ideale Gleichgewicht der Ungewißheit durch ein neues Gesetz einschränken. Mit dem geplanten Gendiagnostikgesetz soll es verboten werden, die Ergebnisse von Gentests beim Abschluß einer Versicherungspolice einzubeziehen oder einen solchen Test anzuordnen. Gewisse Ausnahmen sollen nur für Lebensversicherungen über mehr als 250.000 Euro und Berufsunfähigkeitsrenten von mehr als 30.000 Euro jährlich möglich sein, was nur auf einen kleinen Teil der Policen zutrifft. Zwar hat sich die private Versicherungswirtschaft bis 2011 zu diesen Regeln freiwillig verpflichtet. Aber ein gesetzliches Verbot, sagte Regenauer, lehne man kategorisch ab.

„Versicherung“ gegen Informationsvorsprung

Die Versicherungswirtschaft will sicherstellen, daß ein Türchen offenbleibt, beim Aushandeln der Prämie doch auf Gentests zurückzugreifen. Kommt es zu einem Boom der Biochips, auf denen Forscher Dutzende von Gentests für Volkskrankheiten programmieren wollen, könnte sich eine große Zahl von Kunden nämlich einen strategischen Informationsvorsprung verschaffen. Erführen sie durch einen Gentest von einem gesteigerten Krankheitsrisiko oder gar vom sicheren künftigen Ausbruch einer Erbkrankheit, könnten sie sich gezielt um Policen mit hohen Versicherungssummen bemühen.

Der heutige Stand der Gendiagnostik macht den Versicherern keine Sorgen, weswegen ihnen die Selbstverpflichtung bis 2011 leichtfällt. Mittelfristig aber fürchten sie um ihr Geschäftsmodell. Daß Gentests auch Vorbeugung und rechtzeitige Therapie erlauben, erwähnte Regenauer nur am Rand. Daß Kunden sich zu ungerechtfertigt niedrigen Preisen riesige Versicherungssummen verschaffen könnten, ist den Versicherern Anlaß genug, sich gegen gesetzliche Einschränkungen zu wehren. Die Ungewißheit darüber, wie sich das Geschäft entwickeln könnte, ist ihnen einfach zu groß.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2004, Nr. 271 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 11 8