Amerikanische Wissenschaftler haben erstmals mit künstlich gezüchteten Spermien weibliche Eizellen befruchtet und dadurch Embryonen erzeugt. Die Versuche an Mäusen eröffnen völlig neue Wege, Lebewesen im Labor zu erschaffen und Erbinformationen dauerhaft zu verändern. Bereits im Mai hatte der amerikanische Molekulkarbiologe Hans Schöler berichtet, er habe aus embryonalen Stammzellen der Maus zum ersten Mal Eizellen gezüchtet. Anfang September vermeldete dann der japanische Forscher Toshiaki Noce die Gewinnung von Spermien.
Damit wurde erstmals klar, daß die beiden Keimzellen des Lebens, mit denen Erbinformationen von Generation zu Generation wandern, außerhalb des menschlichen Körpers aus Stammzellkulturen erzeugt werden können. Ein Team um George Daley von der Harvard Medical School hat nun den nächsten Schritt getan und gezeigt, daß die gezüchteten Spermien auch funktionstüchtig sind. Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" schreiben, beobachteten sie zwar sowohl bei der Gewinnung von Spermien als auch bei der Befruchtung eine sehr niedrige Erfolgsrate. Doch es sei gelungen, zahlreiche Mäuseembryonen zu erzeugen. Nun will Daley erforschen, ob sich aus den Embryonen gesunde Mäuse entwickeln können.
Große grundsätzliche Bedeutung
Die Forschungsarbeiten von Daley, Noce und Schöler haben, auch wenn sie auf wenige Tierversuche begrenzt sind, eine große grundsätzliche Bedeutung. Ließen sie sich auf den Menschen übertragen, entstünden zahlreiche neue biomedizinische Möglichkeiten und ethische Herausforderungen. Keiner der beteiligten Forscher propagiert die Schaffung eines "Homunculus", doch ihre Arbeiten eröffnen diesen Weg. Würden Eizellen und Spermien aus Stammzellkulturen gezüchtet und dann fusioniert, entstünden Embryonen ohne wirkliche biologische Eltern.
Derzeit ist es unwahrscheinlich, daß sich jemand an diesem Experiment versucht. Näher liegt, daß die Keimzellzucht eingesetzt wird, um defekte oder unerwünschte Gene dauerhaft aus dem Erbgut zu entfernen. Sind Keimzellen im Labor züchtbar und vermehrbar, erleichtert das gentechnische Experimente nämlich ungemein. Außerdem könnte das Verfahren eingesetzt werden, um unfruchtbaren Menschen via therapeutischem Klonen zu Spermien oder Eizellen zu verhelfen.
