Wer hat vor Gentechnik in Lebensmitteln keine Angst? Nur Menschen, so scheint es, die bei Fastfood-Ketten frühstücken, schimmliges Brot essen und sich auch sonst nicht sonderlich darum scheren, was sie ihrem Körper zumuten. Die große Mehrheit ist dagegen, sagt der Ernährungsminister, und richtet sich, statt aufzuklären, nach der kollektiven Angst. Als drohe die Pest oder Schlimmeres, lässt Horst Seehofer Äcker, auf denen genveränderte Pflanzen wachsen, mit Sicherheitskorridoren umgeben, Spuren von Gentechnik mit Labortests verfolgen und schreibt Warnhinweise auf Verpackungen vor.
In den Kirchen wird gegen den „Eingriff in die Schöpfung“ gepredigt, in bayerischen Städten verbieten CSU-Bürgermeister den Anbau von „Gen-Pflanzen“ auf kommunalem Pachtland, in Bio-Supermärkten wird „Frei von Gentechnik“ als Qualitätsmerkmal und Kaufanreiz präsentiert, was allgemeinen Beifall findet, vom Stammtisch in Niederbayern bis zur schwulen Bio-Einkaufsgemeinschaft in Kreuzberg.
Ein selbstverstärkendes System
Den Verbrauchern wird es leichtgemacht, pauschal gegen Gentechnik zu sein. Dort, wo gentechnisch veränderte Lebewesen längst eingesetzt werden, als Futtermittel für Rinder und Schweine beispielsweise und als bakterielle Fabriken für Vitamine und Enzyme, erfahren sie nichts davon. Eine umfassende Kennzeichnungspflicht für alle Produkte, die mit Hilfe genveränderter Organismen hergestellt werden, haben die „Verbraucheranwälte“ in der Regierung soeben verhindert - wohl wissend, dass sonst auf fast allen Produkten ein Gentechnik-Zeichen zu finden wäre. Was eine Massenhysterie auslösen würde - oder einen raschen Gewöhnungseffekt. Produkte wiederum, für die eine Kennzeichnung vorgeschrieben ist, bekommt der Verbraucher gar nicht zu sehen: Vor nichts haben die Lebensmittelketten mehr Angst als vor der Angst ihrer Kunden. Ein selbstverstärkendes System.
„Ohne Gentechnik“ - wie natürlich das klingt. Fast wie: Meine Lebensmittel kommen aus dem Garten Eden. „Ohne Gentechnik“, das signalisiert: alles in Ordnung, diese Karotte wurde von lächelnden und liebevollen Menschen herangezogen. Keine Gentechnik, und schon ist das Gewissen rein. Pestizide, Pilzgifte, Wasserverschwendung für Treibhausware, alles halb so wild. Hauptsache, keine Gentechnik.
Der Verbraucher fragt nach schwarz oder weiß
Der Ekel sitzt tief. Bakteriengene, gezielt eingeschleust in Mais, das ist widernatürlich. Da reden plötzlich auch Agnostiker von der „Schöpfung“. Der Ekel richtet sich nicht gegen sich selbst, obwohl das menschliche Erbgut Gene von Bakterien und Viren aufweist, die dort über Jahrzehntausende hinweg eingewandert sind. Problemlos hingenommen wird auch fast alles, was bei der Entwicklung neuer Pflanzensorten längst geschieht: Sie werden radioaktiv bestrahlt und mit Chemikalien behandelt, die das Erbgut wahllos mutieren, sie werden in Zellkulturen gepäppelt und über Artgrenzen hinweg zwangsgekreuzt. Nur wenn einzelne Gene isoliert und in einen anderen Organismus übertragen werden, wo sie ein paar zusätzliche Proteine erzeugen, dann ist die Aufregung groß.
Achtung Gentechnik - das gilt nicht nur, wenn unsensible Forscher Fischgene in Tomaten überführen (ohne dass die Tomaten schwimmen könnten) oder Schmetterlingsgene in Apfelbäume (ohne dass diesen Flügel wüchsen). Selbst Gentransfer innerhalb einer Art wird skandalisiert. Spaghetti sind „gentechnisch verändert“, wenn einzelne Erbanlagen aus einer ertragsschwachen, aber schädlingsresistenten Weizensorte in eine leistungsstarke Weizensorte überführt werden. Beide Weizensorten gehören zu einer Art und können sich in der Natur kreuzen. Das natürliche Kreuzungsprodukt wäre aber keine Hochleistungssorte mehr. Gentechnik wiederum würde es möglich machen, nah an der Natur schädlingsresistente Hochleistungssorten zu erzeugen. Doch leider fragt niemand, welche Art von Gentechnik bei einem bestimmten Produkt zum Einsatz kommt und zu welchem Zweck. Schwarz oder weiß, mit dieser Information begnügen sich die Verbraucher.
Das eigentliche Potential der Technologie
In Deutschland gibt es Lebensmittel im Überfluss. Ob hier Gentech-Mais angebaut wird oder nicht, ist im Grunde völlig egal. Schließlich ist Gentechnik kein Selbstzweck, und es sollte niemand Gentech-Produkte essen müssen, allein um seine Innovationsbereitschaft unter Beweis zu stellen. Nicht gleichgültig aber kann es lassen, wenn die drittgrößte Industrie- und Forschungsnation sich systematisch einer Technologie verschließt, mit der Kulturpflanzen gegen Überschwemmung und Trockenheit tolerant und gegen Bakterien, Pilze, Viren, Würmer resistent gemacht werden können. Denn das ist das eigentliche Potential der Technologie: den Prozess der Pflanzenzucht, aus dem die Menschheit seit zehntausend Jahren ihren Überlebensvorteil in einer widrigen Umwelt voller Fresskonkurrenten schöpft, in einem Jahrhundert rasanter Veränderung fortzuführen.
Neun Milliarden Menschen werden bald auf der Welt leben, der Klimawandel führt zu Extrembedingungen auf den Äckern und Weiden, der Wohlstandsboom in Asien verschlingt wertvolle Agrarflächen, Erdöl soll durch Pflanzenmasse ersetzt werden. Da brauchen Züchter alle Methoden, die Kulturpflanzen mit neuen, angepassten Merkmalen auszustatten, alle klassischen, gendiagnostischen, molekularbiologischen Werkzeuge. Und wenn die Entwicklung nicht wenigen global tätigen Unternehmen überlassen bleiben soll, müssten mittelständische Pflanzenzuchtfirmen sowie staatlich bezahlte Wissenschaftler damit betraut werden, Pflanzensorten für die Welt von morgen zu konzipieren. Durch die deutsche Gentechnik-Hysterie werden ausgerechnet sie gebremst, während die Konzerne einfach ins Ausland gehen.
Biopolitischer Zirkelschluss
„Warum sind Sie eigentlich gegen Gentechnik?“ Diese Frage wird zu selten gestellt, weil die Gegnerschaft vorausgesetzt wird. Da ist die Mitteilung des Bundeslandwirtschaftsministers bemerkenswert, dass es derzeit keine Belege für gesundheitliche oder ökologische Schäden durch genveränderte Pflanzen gibt - bei weltweit 102 Millionen Hektar Anbaufläche. Mit einer Einschränkung, gibt Horst Seehofer zu bedenken: Das Bundesamt für Naturschutz habe Studien entdeckt, in denen mögliche negative Folgen für Bodenorganismen beschrieben sind. Mit den Folgen der normalen Landwirtschaft für Bodenorganismen (etwa durch Pestizide oder Tiefpflügen) wird kein Vergleich angestellt.
Es geht, das bestätigt die Bundesregierung, aktuell nicht um reale „Schäden“ und „Risiken“, sondern nur um mögliche Verluste jener Betriebe, die von der Angst vor der Gentechnik mit höheren Preisen profitieren. Dass die Politik strenge Haftungsregeln erlässt, um diesen angstgetriebenen Mehrwert ersetzen zu lassen, falls sich doch Spuren von Gentechnik in einem Produkt finden, kommt einem biopolitischer Zirkelschluss gleich. Die Grüne Gentechnik wirft viele Fragen auf, auch Probleme. Es gibt aber gute Gründe, mehr vor einer Welt Angst zu haben, in der Pflanzenzüchtern die Hände gebunden sind, weil ihnen gentechnische Methoden nicht zur Verfügung stehen. Ein Allheilmittel ist auch diese Technologie nicht, doch die pauschale Angst vor ihr könnte sich böse rächen.
endlich einmal jemand, der nachdenkt
Heiner Mäder (heinerparis)
- 26.07.2007, 00:34 Uhr
Die "deutsche Angst", Standortbeschneidungen und gepflegte Informationsdefizite
(danieri)
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