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Gentechnik Wie verpackt man eine Kulturrevolution in Watte?

13.11.2007 ·  Indiens Bauern, die bereits von der „grünen Revolution“ enorm profitiert haben, erleben einen beispiellosen Boom der Gentechnik. Doch das ist nur der Anfang. Der nächste große Umbruch ist mächtig in Fahrt. Joachim Müller-Jung berichtet.

Von Joachim Müller-Jung
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Früher, und das ist noch keine drei Jahre her, hatten die „Biotech-Farmer“ im Distrikt Sirsa, zweihundertfünfzig Kilometer nördlich von Neu Delhi, noch Seltenheitswert. Heute ist Murari lal Mehta, Eigner von vierzig Hektar Baumwollfeldern, einer unter Millionen. Mehr als zweieinhalb Millionen Kleinbauern, so schätzt die Regierung in Neu Delhi, haben wie Murari dieses Jahr gentechnisch veränderte Baumwolle angebaut - auf mehr als fünf Millionen Hektar Land.

Das entspricht einer Vervierfachung in weniger als drei Jahren. Nirgendwo auf der Welt hat die grüne Gentechnik so schnell reißenden Absatz gefunden wie hier in Indien. Und die Bauern wie die Regierungsbeamten berichten von atemberaubenden Veränderungen: „Jahrelang ging bei uns nichts voran“, sagt Murari, der seinen Hof mit seinem Sohn und älteren Bruder am Rande von Penjuana bewirtschaftet. Heute freuten sie sich über zwei- bis dreimal so hohe Erträge, und statt der bis zu neun Pestitizid-Spritzungen, genügten je nach Witterung nun drei bis vier Durchgänge. Der gefürchtete Baumwollkapselwurm wird nun in den transgenen Sorten - der Bt-Baumwolle - von dem Gift des Bakteriums Bacillus thuriengiensis getötet, das nach dem gentechnischen Eingriff von den Pflanzen selbst erzeugt wird.

Zwanzig Prozent weniger Pestizide

Einer von Muraris direkten Nachbarn sei bis jetzt bei den alten Sorten geblieben, vor allem, weil die Samen im Einkauf billiger seien. Aber bis auch der reagiert und genau nachrechnet, ist für Murari nur eine Frage der Zeit. Tatsächlich gehört der Nachbar schon jetzt, nur fünf Jahre nach dem ersten kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle, zu einer klaren Minderheit im Land. Und obwohl Umweltaktivisten wie Medien und manche Politiker ähnlich wie in Europa enormen Druck aufgebaut und immer wieder Zweifel an der Sicherheit und dem Nutzen der neuen Sorten gesät haben, war der Zug der Hightech-Sorten unaufhaltsam ins Rollen geraten.

Der Grund liegt für Charudutt Mayee, einen der führenden indischen Agrarforscher und als leitender Angestellter des Umweltministeriums für Zulassung und Überwachung der transgenen Pflanzen verantwortlich, auf der Hand: „In fünf Jahren ist der Pestizidgebrauch auf den Baumwollfeldern um fast zwanzig Prozent zurückgegangen, das ist bares Geld.“ In einem Land mit schon jetzt mehr als einer Milliarde Menschen, von denen mehr als neunzig Millionen in bäuerlichen Haushalten leben - und von diesen wiederum mehr als neunzig Prozent wegen Ernteausfällen und der grassierender Armut weniger verdienen als sie in ihre Felder stecken -, in einem solchen Land jede gesparte Rupie doppelt.

Vom Import- zum Exportland

Nach Regierungsangaben haben sich die durchschnittlichen Baumwollerträge von 308 Kilogramm je Hektar auf mindestens 520 Kilo vergrößert. Die Zahl der kommerziellen Hybridsorten ist von drei im Jahr 2003 auf mittlerweile 45 gestiegen. „Wir sind vom Import- zum Baumwollexportland geworden. Wir stehen hinter den Vereinigten Staaten weltweit schon an zweiter Stelle“, schwärmt S. R. Rao vom Departement of Biotechnology, einer der Regierung direkt unterstellten Forschungs- und Wirtschaftsbehörde. In dieser Funktion ist Rao an einer der Schaltstellen der indischen Biotechnik-Revolution tätig. Auf ihn und seine Mitarbeiter geht wesentlich auch die Gründung eines „National Biotechnology Regulatory Body“ zurück, der demnächst in Delhi installiert wird und dessen oberste Aufgabe die Fortschreibung und Harmonisierung von einem guten Dutzend schon beschlossener und bevorstehender Gentechnik-Gesetze ist.

Obgleich die transgenen Baumwollpflanzen die indischen Felder inzwischen buchstäblich im Sturm zu erobern scheinen, gibt man sich in Neu Delhi keinen Illusionen hin. Die grüne Gentechnik darf sich keine Fehler in ihrem Kampf um die Gunst der Konsumenten leisten. Und dazu gehört, dass man sich, oft genug auch zum Unwillen der inzwischen weit mehr als hunderttausend Agrarforscher im Land, für strenge und am liebsten international abgestimmte Zulassungs- und Sicherheitsregeln entscheidet. „Neu sind Forderungen nach einer rigiden Kennzeichnung und Nachverfolgung der gentechnisch erzeugten Produkte, aber auch die werden wir erfüllen“, sagt Rao. „Internationale Harmonisierung“ ist für ihn der Schlüssel zum Erfolg. Für seine Kollegen wie K.C.Bansal vom Nationalen Forschungszentrum für Pflanzen-Biotechnologie in Neu Delhi ist der Import von „Überregulierungen“ - verglichen mit den Regelungen für konventionell gezüchteten Nutzpflanzen - ein Ärgernis. Vor allem aber ein Hindernis für den schnellen Fortschritt auf dem eingeschlagenen Weg. Und der führt, daran lässt keiner der maßgeblichen indischen Wissenschaftler einen Zweifel, weiter in die Nutzung der Agrarbiotechnik.

Baumwolle ist nur der Anfang

„Die Gentechnik ist, das lässt sich zehn Jahre nach dem Beginn der kommerziellen Biotechnik im Agrarsektor sagen, die bisher am schnellsten angenommene Technologie in der Landwirtschaft“, meint Clive James. Das muss aus seinem Mund nicht wundern. Der Direktor der ISAAA, einer der Biotechnikindustrie nahe stehenden Agentur, die als einer der treibenden Kräfte an der Verbreitung der Gentechnik selbst mitwirkt und größtes Interesse an deren Erfolg hat, spart selten mit großen Vergleichen. Was freilich Indien angeht, muss er nicht tief in die Rhetorikkiste greifen. Während er nun davon spricht, die Biotechnik sei „nicht die Lösung, aber sie kann einen Beitrag leisten“, versprechen sich die indischen Verantwortlichen große Dinge. Indien habe in der Biotechnik schon Kooperationen mit 39 Ländern, „allein im vergangenen Jahr sind 170 Joint Ventures gegründet worden“, sagt Rao, vierzig Prozent davon mit europäischen Firmen und mehr als ein Viertel mit asiatischen. Zunehmend würden Agrarprodukte auch in andere Entwicklungsländer exportiert. Und die Harmonisierung der internationalen Regeln im Umgang mit der Gentechnik sei der beste Weg, Vertrauen zu schaffen. Erst die Hürden schaffen, danach müsse an der Beschleunigung der Zulassung gearbeitet werden. Indien sieht sich in dieser Hinsicht bestens gerüstet.

Schon im Laufe des kommenden Jahres wird die Zulassung der ersten gentechnisch veränderten Nahrungspflanze erwartet: eine Sorte Avokado, die besser als alles bisher dagewesene gegen Stress und Schädlinge gefeit sein soll. Insgesamt sind 23 unterschiedliche Kulturpflanzen in den unterschiedlichsten Stadien der Entwicklung und Zulassung. Neben Avokados stehen Kartoffeln, Papayas, Reis und Tomaten ganz oben auf der Liste. Und dabei geht es längst nicht mehr nur um die Bildung von pflanzeneigenen Pestiziden durch Fremdgene, sondern um ganz unterschiedliche, neu eingeführte Eigenschaften: Dürretolerante Sorten etwa sind gefragt, weil man in der Regierung davon ausgeht, dass sich mit dem Klimawandel die Versteppung großer Landstriche Indiens beschleunigt. Und man arbeitet an Erntegut - Reis und Gemüse etwa - dessen Gehalt an gesundheitsförderlichen Antioxidantien und Spurenelementen wie Eisen sich erhöht und dessen Lagerfähigkeit sich durch gentechnische Eingriffe verbessern lässt. „Wir müssen Technologie-Pakete entwickeln“, sagt Agrarforscher Mayee, und dabei klingt er fast wie die Computerrevolutionäre aus Indiens Hightech-Metropole Bangalore, die gerade dabei sind, die exportorientierten Industrieländer ökonomisch das Fürchten zu lehren.

Quelle: F.A.Z., 07.11.2007, Nr. 259 / Seite N1
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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