18.02.2010 · Fünf menschliche Genome liegen vollständig sequenziert vor - von vier afrikanischen Buschmännern und dem südafrikanischen Erzbischof Desmond Tutu. Der Vergleich der Gendaten von Afrikanern, Asiaten und Europäern zeigt: Das Konzept der Rasse löst sich in genetischer Betrachtung auf.
Von Joachim Müller-JungDesmond Tutu und James Watson, Seite an Seite – der schwarze anglikanische Erzbischof mit dem weißen atheistischen Genomkrösus, die Bibel unterm Arm und die Genomspeicherkarte in den Händen? Eine geradezu surrealistische Vorstellung, gewiss, aber gar nicht so weit entfernt von den realen Verhältnissen einer Branche, die sich im Schatten der digitalen Revolution – und mit ihrer tatkräftigen Hilfe – mithin explosionsartig, in alle gesellschaftlichen Kontexte vorarbeitet und dabei ihre eigene und für den Normalsterblichen nicht weniger virtuelle Wirklichkeit erzeugt. Möglich machen das die hochgezüchteten Dechiffriermaschinen in den Genomfabriken, die menschliches Erbgut mittlerweile im Minutentakt schlucken.
Im Genomcenter des Baylor College in Houston, Texas, jedenfalls lagern nun Watsons und Tutus ausbuchstabierte Geninformationen nebeneinander. Die Wissenschaftler haben das Erbmaterial beider Männer, zuletzt das des anglikanischen Bischofs, mit deren schriftlichem Segen sequenziert. Vollständig und unbegrenzt – über das Internet kann jeder, der will, die Genominformationen einsehen, herunterladen und weiterverwerten. Kein Urheberrecht kann ihn davon abhalten.
Vier Buschmänner und ein Erzbischof
Die Wissenschaftszeitschrift „Nature“, die in der heutigen Ausgabe über die Dechiffrierung des Bischofgenoms berichtet, honoriert die Mitarbeit des Friedensnobelpreisträgers im Namen des Fortschritts mit dem Abdruck seines Konterfeis. Acht vollständige Genome waren bis dahin veröffentlicht worden, Hunderte sind in den Pipelines diverser Genomfirmen, aber zum ersten Mal ist das Schaufenster der Genomindustrie so offensiv mit der Prominenz des Materialspenders beworben worden.
In der „Nature“-Publikation geht es um ein Projekt, das ein internationales Konsortium verwirklicht hat: Vier hochbetagte Buschmänner aus Namibia sowie der fast achtzigjährige Erzbischof Tutu, der die Bantu-Mehrheit Südafrikas repräsentiert, sollten als Mitglieder der mutmaßlich ältesten Jäger- und Sammler-Gesellschaften die genetische Informationsbasis der Menschheit verbreitern. Nicht bloß zum Zwecke der Forschung freilich sollten die Männer ihr Erbmaterial lassen, auch die Ethnomedizin soll davon profitieren und die Entwicklung von genetisch maßgeschneiderten Arzneien – was die Teilnahmebereitschaft Tutus erheblich gesteigert haben dürfte.
Rassen werden genetisch zu Schall und Rauch
Das Glück blieb den Genomforschern bis zur Ergebnisauswertung treu. Beim Vergleich mit den Gendaten von Europäern, Asiaten und anderen Afrikanern hat man aufregende Entdeckungen gemacht. Eine ungeahnte Vielfalt breitete sich vor den Augen der Forscher aus. Fast anderthalb Millionen neuer, bislang unbekannter Genvarianten, unzählige Krankheits- und Merkmalsdispositionen, die sich nun unbeschränkt mit den Genomspendern in Verbindung bringen lassen.
Zwei Buschmänner aus der Kalahari-Wüste unterscheiden sich, wie man jetzt weiß, genetisch stärker voneinander als ein Europäer von einem Asiaten. Mit anderen Worten: Ethnien und Rassen sind gentheoretisch Schall und Rauch. Was wäre eine schönere Bestätigung im Kampf gegen das Pulverfass Apartheid? Tutus Lebenswerk wird so in einem texanischen Genlabor zur runden Sache.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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