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Genmais Was der Bauer nicht kennt...

18.07.2004 ·  Die grüne Gentechnik ist in Deutschland ein Reizthema. Deshalb bleiben die Standorte der jüngsten Versuche mit Maispflanzen auch beinahe geheim.

Von Volker Stollorz
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Sachsen-Anhalt. Rund fünfzig Landwirte sitzen in der Dorfschänke. Sie warten auf den "Undercover"-Bauern. Vor ihnen türmt sich das übliche Informationsmaterial. Auch orangefarbene Tütchen mit Weingummis in Form von Notenschlüsseln liegen aus. Sie sollen für das "frühe Multitalent Amadeo" werben, eine der neuen Maissorten der Kleinwanzlebener Saat AG (KWS). Doch um die geht es heute abend gar nicht.

Ärger um Geheimhaltung

Es geht um Genmais. Ein Bauer im Dorf hat ihn probeweise angebaut. Weil aber jeder Freilandversuch mit Genpflanzen in Deutschland ein Politikum ist, soll der Ort der Versammlung so geheim bleiben wie der Name des Bauern.

In der Dorfschänke sind deshalb auch nur geladene Gäste versammelt. Die KWS will zwar "lokale Transparenz" herstellen, aber überregional weiterhin Geheimhaltung betreiben. In diesem Jahr wurden schließlich schon Felder mit Genkartoffeln in Golm, mit Genweizen in Bernburg und mit Genmais in Nürtingen zerstört oder unbrauchbar gemacht (siehe "Bürger beobachten Petunien"). Bei den Gegnern der Anbauversuche stößt die Vorgehensweise der Firmen und Behörden verständlicherweise auf Unmut: Die Umweltorganisation BUND prozessiert bereits gegen die angebliche Geheimniskrämerei der Landesregierung von Sachsen-Anhalt.

Lokale Akzeptanz

In diesem Sommer entscheidet sich wahrscheinlich, ob in Deutschland künftig noch Gensaaten ausgebracht werden. An insgesamt dreißig Standorten wird Genmais zu Studienzwecken angebaut. Die Hersteller wollen herausfinden, wie weit Maispollen fliegen kann. Während die Firma Monsanto ihre Anbauflächen und die Bauern vollständig abschirmt, geht man bei der KWS den Weg der "Teiltransparenz".

Zwar müsse man den Landwirt und seinen Betrieb leider schützen, sagt Georg Folttmann von der KWS. Vor Ort aber wüßten inzwischen mindestens zweihundert Menschen über den Versuchsanbau Bescheid: "Hier ist die Akzeptanz da." Und von den fünfzig Bauern im Saal käme ohnehin niemand auf die Idee, die Lage des hiesigen Feldes an die Aktivisten von Greenpeace oder Attac zu verraten.

Von der Gentechnik zum Sonnensystem

Der Schlagabtausch um die grüne Gentechnik tönt in der Dorfschenke im Herzen von Sachsen-Anhalt tatsächlich sehr gedämpft. Als das Bier auf dem Tisch steht, beginnt der erste Vortrag. Ein Herr vom Landwirtschaftsamt führt in das scheinbar zeitlose Thema "Gentechnik: Chance oder Risiko?" ein. Er hält die grüne Gentechnik für unverzichtbar und rechnet zwanzig Minuten lang anhand der Mendelschen Regeln der Vererbungslehre das Risiko des Pollenfluges in Nachbarfelder klein.

Dann streift er kurz das Problem der Verwilderung von Kulturpflanzen: "Vor der Gentechnik sah da noch niemand ein Risiko." Am Ende zieht er sein sehr persönliches Fazit aus der Debatte: Der Fortschritt setze sich sowieso durch, und "das Sonnensystem verlassen wir auch irgendwann".

Bakterien-Gen gegen Raupen

Fragen zu diesem forschen Vortrag? Da die Bauern schweigend ihr Bier trinken, übernimmt die lokale Saatgutberaterin der KWS. Sie stellt den Feind aller Maisbauern im Bild vor. Die Raupen des Maiszünslers seien längst auch in Sachsen-Anhalt auf dem Vormarsch, mit konventionellen Methoden kein umfassender Schutz möglich.

Anders beim Genmais. Dieser stelle sein Insektenschutzmittel dank eingebautem Bakterien-Gen im Stengel selbst her. Die bakterielle Erbanlage aus Bacillus thuringiensis (Bt) sei das "bestuntersuchte Gen" überhaupt, tödlich im Darm der Zünsler-Raupen, für Säugetiere dagegen völlig unbedenklich. Der Bt-Mais könne dabei nicht nur die Ernte vor den gefräßigen Larven schützen, sondern bei großflächigem Anbau sogar die Ausbreitung des Insekts in bisher nicht befallene Gebiete stoppen.

Einer muß es mal ausprobieren

Das klingt sinnvoll in den Ohren der Bauern. Gäbe es da nicht dieses Akzeptanzproblem. Was Politik und Verbraucher umtreibt, verstehen die Männer und Frauen in der Dorfschänke nicht. "Einer muß ja vorangehen", erklären sie trotzig. Erfahrung müsse her, ob der Genmais überhaupt hält, was die Biotechnologen versprechen.

Nach den Vorträgen geht es mit Bussen hinaus auf das geheime Maisfeld. Während der Fahrt sinniert der Undercover-Bauer über Phantomängste der Verbraucher und den Verlust allen Wissens über die Sorgen der Landwirte. "Jeder ißt doch gern Steaks aus Argentinien", ärgert er sich über die Inkonsequenz der deutschen Verbraucher. Aber niemand wolle hören, daß Rinder in Argentinien heute zu "99 Prozent mit Gensoja gefüttert werden".

Risikodebatte

Glaubt er denn persönlich, daß das Bt-Gift im Genmais, wie Kritiker fürchten, seltene Schmetterlinge schädigen könne? "Da kann ich keine Antwort drauf geben", sagt er. Er vertraue da den Experten, und die haben fast einhellig Entwarnung gegeben.

Was er nicht sagt, ist, daß sich in Wahrheit auf seinem Schreibtisch die Studien türmen. Er hat sich reingekniet in die Risikodebatte, mit Freunden heiß diskutiert. Am Ende wurden Genpflanzen für ihn zu einer "Option, die im Einzelfall künftig einige agronomische Probleme lösen helfen kann".

Kein sichtbarer Unterschied

Inzwischen stehen die Bauern am Rande des fünfzig Hektar großen Versuchsackers, der friedlich in der Abendsonne liegt. Zwischen hüfthohen Maispflanzen stapfen die Besucher ins Feld. Etwas ratlos stehen sie dann inmitten der umkämpften Genpflanzen: Hier, im Auge des Orkans, bleibt der gentechnische Eingriff völlig unsichtbar. Bt-Mais bleibt Mais.

Und weil Zünslerraupen aufgrund der kühlen Witterung bisher nicht zu sehen sind, läßt sich noch nicht einmal die Schutzwirkung des Bt-Giftes begutachten. Erst Ende Juli wird bei den Faltern des Zünslers Hochzeitsflug sein, wenig später schlüpfen dann bis zu 1300 Raupen pro Eigelege. Die gefräßigen Raupen werden sich anschließend in die saftigen Stengel bohren. Die ersten Herbststürme legen später die durchlöcherten Maispflanzen flach. Windbruch heißt das. Weil das Schneidewerkzeug der Erntemaschinen die niedergedrückten Kolben bei der Ernte nicht mehr erwischt, werden je nach Befall zwischen drei und zwölf Prozent weniger Körner geerntet.

Ökobauern als Nutznießer?

"Ich persönlich zeige das Feld jedem, der es sehen will", sagt der Undercover Bauer. Angst hat er nur vor der "Emotionalität der Kritiker". Außerdem fürchtet er, daß sein Betrieb, durch negative Öffentlichkeit wirtschaftliche Nachteile haben könnte. Was ihn sehr ärgert, ist der Vorwurf, er sei von der Saatgutindustrie gekauft. "Geld spielt keine Rolle", sagt er. Er mache das hier aus Überzeugung. Wenn gegen die Krautfäule der Kartoffel ein Schutz-Gen gefunden würde oder ein "bißchen an den Genen von Weizen gedreht", um schädliche Pilze fernzuhalten, dann könnten seiner Ansicht nach am Ende sogar die Ökobauern die größten Nutznießer der Gentechnik werden.

In der Dorfschenke gibt es später noch Steaks vom Holzkohlengrill. Der Undercover-Bauer erzählt, wie sie schon einmal die Maiskörner eines Versuchsfeldes an die eigenen Rinder verfüttert und deren Fleisch nach der Schlachtung auf dem Hof gegrillt hätten. Das könne man ja wieder so machen, wenn es einen heißen Herbst geben sollte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.07.2004, Nr. 29 / Seite 55
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