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Genforschung Der Wert des Klonens

09.03.2004 ·  Die Forschung mit Stammzellen wird kontrovers diskutiert. Es gibt Befürworter und Gegner. Hier ist eine Warnung vor übereilten Verdikten.

Von Detlev Ganten
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Es ist ruhiger geworden um Hwang Woo-suk und sein Team an der Nationaluniversität von Südkorea, die gezeigt haben, daß die Erzeugung von menschlichen Embryonen durch Zellkerntransfer und die Gewinnung von Stammzellen ein im Prinzip gangbarer Weg ist. Sie haben damit die ersten Schritte des sogenannten therapeutischen Klonens beim Menschen praktisch umgesetzt.

In Deutschland waren positive Reaktionen auf die Ergebnisse rar. Das therapeutische Klonen wurde auch von hochrangigen Vertretern der Forschung als "Irrweg" verurteilt: ein vorschnelles Verdikt, wie ich meine. In der Forschung kann man von einem Weg, den man gerade erst zaghaft beschritten hat, kaum wissen, wohin er führt.

Ersatzzellen für Patienten

Man kann persönlich optimistisch oder pessimistisch sein. Doch man muß sich schon weit vorwagen, bevor man einer wissenschaftlichen Methode vorwirft, ganz und gar fehlgeleitet zu sein. Niemand kann zu einem frühen Zeitpunkt späteren Erfolg in Gestalt von neuen Heilungsmethoden für schwere Krankheiten garantieren. Aber genausowenig kann ein Mißerfolg verläßlich vorhergesagt werden. Den meisten Kritikern scheint es jedoch auch weniger um die Aussichtslosigkeit als um die vermeintlich großen Nachteile der aktuellen Forschung zu gehen. Sie bestreiten nicht, daß das erhoffte Ziel irgendwann erreicht werden kann, sondern plädieren dafür, es erst gar nicht zu versuchen.

Drei Gründe für die Ablehnung der Methode werden häufig genannt. Erstens müßten bei einer späteren therapeutischen Anwendung für jeden Patienten eigene embryonale Stammzellen neu hergestellt werden. Das ist in der Tat der Fall. Bemerkenswerterweise ist es jedoch sogar der Grund, weshalb das therapeutische Klonen überhaupt angestrebt wird. Es sollen Ersatzzellen erzeugt werden, die genetisch mit den Zellen des Patienten übereinstimmen, damit es nicht zu einer Abstoßung kommt. Natürlich ist es ein Nachteil, so wie es ein Nachteil des Fliegens ist, daß das Flugzeug vom Boden abheben muß - ein Risiko und Nachteil, die in Kauf zu nehmen man bereit sein wird, falls auf diese Weise eine Heilung schwerer Leiden möglich ist.

Freiwillige Helfer

Zweitens wird auf die Notwendigkeit der Eizellspende verwiesen, die mit Risiken behaftet sei. Auch dies ist gewiß ein Nachteil. Aber wiegt er so schwer? Die Methoden zur Gewinnung von Eizellen für die In-vitro-Befruchtung sind seit Jahrzehnten entwickelt, die Prozedur wird viele hunderttausend Mal im Jahr durchgeführt, ernste Komplikationen sind selten. Hwang hat für seine Versuche insgesamt 242 Eizellen von freiwilligen Spenderinnen erhalten. Diese hatten sich selbst an das Institut gewandt, weil sie Interesse an der Forschung hatten und bereit waren, diese zu unterstützen. Ihre Motive waren gewiß unterschiedlich.

Oft sind es Angehörige oder Hinterbliebene von Kranken, die bereit sind, in welcher Form auch immer, bestimmte Forschungsrichtungen zu unterstützen, weil diese vielleicht irgendwann zu Heilungsmethoden führen. Trotz verbreiteter Skepsis gegenüber der Forschung werden sich immer genug Menschen finden, die überzeugt sind, daß Forschung es wert ist, Risiken auf sich zu nehmen. Während in Korea einige Frauen Eizellen spendeten, haben sich zum Beispiel in Deutschland Freiwillige einen neuen Impfstoff gegen das HI-Virus injizieren lassen. Ohne Freiwillige mit meist uneigennützigen Motiven wären die Möglichkeiten der medizinischen Forschung sehr eingeschränkt.

Möglichkeiten müssen erforscht werden

Darüber hinaus ist durchaus möglich, daß die Verwendung von Eizellen in Zukunft gar nicht mehr erforderlich sein wird. Es wäre denkbar, daß der Zellkern einer Patientenzelle in ganz andere Zellen implantiert werden könnte, zum Beispiel in pluripotente Stammzellen, die sich dann möglicherweise leichter zu den Drüsen-, Nerven- oder Blutzellen differenzieren, die für eine bestimmte Therapie erwünscht sind.

Auf diese Weise würde der Weg über die Eizelle und somit auch die totipotente embryonale Stammzelle unnötig. Schließlich ist es im letzten Jahr Hans Schöler und Karin Hübner von der Universität von Pennsylvania sogar gelungen, bei Mäusen auch Eizellen aus Stammzellen herzustellen, so daß diese nicht mehr gespendet werden müßten. Doch um all diese Möglichkeiten weiter verfolgen zu können, muß man eben auch an embryonalen Zellen forschen.

Drittens wird davor gewarnt, der Zellkerntransfer sei nicht nur der erste Schritt zur Erzeugung von Ersatzzellen für therapeutische Zwecke, sondern auch zur Erzeugung geklonter Menschen. Und wie wir wissen, stehen auch ein paar Spinner bereit, die das gerne mal ausprobieren würden. Ein Mißbrauch der Methode ist absolut nicht auszuschließen. Jedoch kann der Mißbrauch den richtigen Gebrauch nicht desavouieren, und er taugt schon gar nicht als Argument, um Grundlagenforschung zu behindern. Wann therapeutisches Klonen aufhört und reproduktives Klonen beginnt, läßt sich biologisch, medizinisch und juristisch klar eingrenzen.

Vertrauen ins Strafrecht

Eine versehentliche Einpflanzung einer Blastozyste in eine Gebärmutter, Voraussetzung für jede Weiterentwicklung zum Menschen, kann es nicht geben. Eine absichtliche Einpflanzung ist in Deutschland und Korea eine Straftat, und es ist unserem und anderen Staaten zuzutrauen, durch Strafandrohung und -verfolgung dafür zu sorgen, daß entsprechende Experimente wirksam unterbunden werden. Unser ganzes Rechtssystem basiert auf der Strategie, Straftaten zu definieren, zu verbieten und zu verfolgen. Es versucht nicht, Straftaten von vornherein unmöglich zu machen, denn das würde zum Beispiel bedeuten, Medikamente, die bei Überdosis schädlich sind, zu verbieten.

Hwang hat bei der Vorstellung seiner Ergebnisse betont, daß es nicht sein Ziel sei, Menschen zu klonen. Das ist redlich, aber es ist kein gutes Zeichen, daß Forscher sich heute mehr und mehr zu legitimierenden Aussagen genötigt sehen. Grund dafür ist die permanente Mißbrauchsvermutung. Grund ist im vorliegenden Fall auch der stets von neuem erläuterungsbedürftige Begriff des therapeutischen Klonens. Dieser ist nicht glücklich gewählt. Beim Klonen wird gemeinhin an das Duplizieren von Menschen gedacht, was jedoch nicht angestrebt wird. Man kann auch mit gutem Grund das Attribut "therapeutisch" als irreführend oder euphemistisch bezeichnen, wie dies kürzlich der Vorsitzende des Nationalen Ethikrats, Spiro Simitis, getan hat. Er schlug vor, vom "Forschungsklonen" zu sprechen.

Erst die Forschung, dann die Therapie

Und er hat recht, es geht hier ums Forschen. "Niemand weiß, ob und wann es tatsächlich möglich sein wird, mit Klon-Produkten medizinisch zu helfen", sagte Simitis. Um es herauszufinden, müssen wir forschen, möchte ich anfügen. So ist nun einmal die Reihenfolge. Erst kommt die Forschung, dann die Therapie. Vielleicht ermöglicht uns diese Forschung und Kenntnis der Differenzierungsvorgänge, die im Gewebe vorhandenen adulten Stammzellen mit Medikamenten so anzuregen, daß sie "intern" den Zellersatz bewerkstelligen können.

Vielleicht genügen auch einige etablierte Linien aus Stammzellbanken für die meisten Zwecke. All diese Möglichkeiten sollten begleitet werden von einem zukunftsoffenen Diskurs, der die Gesellschaft befähigt, mündige Entscheidungen für oder gegen neue Optionen zu treffen. Wer schon die Forschung nicht will, verhindert diese Entscheidungsfindung und braucht auf die Therapie nicht zu hoffen.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Charité, des größten Klinikums Europas, und zudem Mitglied im Nationalen Ethikrat.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2004, Nr. 59 / Seite 39
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