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Genetik Die gemauste Stammzelle

27.03.2006 ·  Schon wieder gibt es Neues von der Stammzellfront. Diesmal kommt der Fortschritt aus Deutschland. Und er ist offenbar echt.

Von Björn Schwentker und Volker Stollorz
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Zum Glück kennt der Pförtner den Weg. Zwischen den großen Plakaten, die den Ärztestreik an der Göttinger Universitätsklinik begleiten, fällt das kleine Schild, das zum Multimedia-Raum weist, kaum auf. Die Pressekonferenz ist erst eine Stunde zuvor einberufen worden. Nur eine Handvoll Journalisten hat es in der kurzen Zeit geschafft hierherzukommen.

Trotzdem ist der Raum voll. In den hinteren Reihen drängeln sich Damen und Herren im weißen Kittel. Die Ärzte des Klinikums wollen dabeisein, wenn ihre Kollegen gleich das bekanntgeben, was ein echter „Durchbruch“ in der Stammzellforschung werden könnte. Eigentlich wollte man erst in einer Woche mit der Mitteilung herausrücken. Die Veröffentlichung in „Nature“ war für kommenden Mittwoch geplant. Doch dann erschien ein Bericht in der „Süddeutschen Zeitung“, der das verhängte Embargo brach. Die Redaktion von „Nature“ gab die Ergebnisse vorzeitig frei. Wissenschaftler und Journalisten in aller Welt begannen am Freitag mittag zu rätseln, wer denn wohl Gerd Hasenfuß sei. Vom Leiter des Göttinger Teams, dem Direktor der kardiologischen Abteilung, hatten selbst Stammzellexperten noch nicht gehört. Und schon gar nicht von der Erstautorin, der jungen Chinesin Kaomei Guan.

Frau Guan, im braunen Kostüm erschienen, ist sichtlich gut gelaunt. Immer wieder muß sie für den Fotografen des „Göttinger Tageblatts“ lächeln. Am Ende gibt es Blumen für sie. Dann stürmt das Fernsehen den Raum.

Herr Professor Hasenfuß, wie kommt ein Herzspezialist auf die Idee, im Hoden von Mäusen nach Stammzellen zu suchen?

Wir beschäftigen uns eigentlich mit der Herzregeneration. Wir versuchen Zellen zu züchten, mit denen Herzschwächen behandelt werden können. Das ist unser Traum. Aber daran arbeiten viele. Wir haben deshalb hier in Göttingen auf eine Kooperation mit dem Humangenetiker Wolfgang Engel gesetzt. Er und seine Mitarbeiter beschäftigen sich mit der Spermienreifung und mit männlicher Unfruchtbarkeit. Weil Keimzellen im Hoden grundsätzlich alle Zelltypen des Körpers bilden können, entstand die Idee, aus diesem Gewebe Spermienvorläufer zu isolieren. So sind wir dann zu den in Zellkultur vermehrbaren, multipotenten adulten Keimzellstammzellen gelangt.

Vor einiger Zeit hat eine japanische Arbeitsgruppe ähnliche Daten veröffentlicht. Sie konnte Stammzellen aber nur aus ungeborenen Mäusen isolieren. Wieso ist Ihnen der Trick erstmals bei erwachsenen Mäusen gelungen?

Ich weiß es nicht. Aber ich bin glücklich, daß wir die ersten sind. Mit Kaomei Guan haben wir eine exzellente Stammzellbiologin im Labor. Sie hat viele Erfahrungen gesammelt. Wir haben verschiedene Kulturmedien ausprobiert, es geht nicht mit jedem. Im Januar vergangenen Jahres hat Guan dann beobachtet, wie sich Zellen entwickelten, die aussahen wie die von embryonalen Stammzellkulturen der Maus. An denen hat sie etwas angewandt, was wir „die Methode der hängenden Tropfen“ nennen. Da haben die Zellen plötzlich ihr unglaubliches Potential gezeigt: Sie verwandelten sich in schlagende Herzzellen, in Nerven-, Haut- und Leberzellen.

Nature hat Ihre Veröffentlichung sicher besonders kritisch beäugt. Denn Ihre Arbeit landete just zu jener Zeit in der Redaktion, als der koreanische Klonforscher Hwang Woo Suk als Fälscher enttarnt wurde . . .

Eigentlich war das sogar ein Glück für uns. Die Gutachter haben alles mit Argusaugen überprüft. Denn sonst würde uns ja niemand glauben. „Nature“ hat von uns verlangt, daß wir einen genetischen Fingerabdruck, eine Art von Vaterschaftsnachweis für alle neuen Stammzellen und allen anderen Zellen in unserem Labor vorlegen. Das war ein Riesenaufwand. Aber jetzt können wir sicher sein, daß es zu keiner Verunreinigung gekommen ist.

Maus ist Maus. Nun denkt natürlich jeder gleich an den Menschen. Wäre eine Entnahme von Spermienvorläuferzellen aus dem Hoden von Männern machbar?

Absolut. Wir haben schon erste Proben isoliert und sind derzeit dabei, die Zellen zu kultivieren. Die entscheidende Frage wird sein, ob es uns wirklich gelingt, den Prozeß der Gewinnung der Spermatogonien beim Menschen zu etablieren und daraus vermehrungsfähige Stammzellen abzuleiten. Und wir müssen uns dabei beeilen. Das Rezept ist ja nun öffentlich und von jedem Forscher auf der Welt nachzuvollziehen.

Wie gut ist der Mensch biologisch mit der Maus vergleichbar?

Also, in dieser Hinsicht erwarten wir keine größeren Hürden. Aber die Zellkulturbedingungen sind bei menschlichen Stammzellen anders und schwieriger als bei der Maus.

Haben Sie die Zellen und das Verfahren schon patentiert?

Klar, das Patent ist angemeldet.

Was sind die nächsten Schritte?

Ich halte es für wichtig, zunächst am Modell der Maus Behandlungsverfahren zu entwickeln, um ethisch tragbare Grundlagen für spätere Stammzelltherapien beim Menschen zu legen.

Sie spielen auf die kontroverse Debatte um die Herkunft menschlicher Stammzellen aus Embryonen an. Haben Sie bewußt nach Alternativen gesucht?

Uns war klar, daß der männliche Hoden als Quelle für Stammzellen eine mögliche Lösung des ethischen Dilemmas des Embryonenverbrauchs wäre. Ich persönlich glaube, daß das Problem der Gewinnung menschlicher embryonaler Stammzellen in Deutschland gelöst wäre, wenn die Übertragung unserer Ergebnisse von der Maus auf den Menschen gelingen würde.

Und was macht der Kardiologe bis dahin mit den Keimstammzellen der Maus?

Jetzt testen wir erst einmal, ob wir die aus Hodenstammzellen nach einem Infarkt verlorengegangenen Herzzellen ersetzen können.

Die Fragen stellte Volker Stollorz

„Die Chance ist garantiert da“

Wissenschaftler aus aller Welt zeigten sich am Freitag von der Publikation aus Göttingen überrascht. Die ersten Reaktionen waren überwiegend positiv.

„Sehr aufregend.“ (Ian Wilmut, Schöpfer des Klonschafs Dolly)

„Sehr überzeugend. Weitere Studien müssen allerdings zeigen, ob die Zellen auch über längere Zeit hinweg normal wachsen.“ (Rudolf Jaenisch, Stammzellforscher am Whitehead Institute for Biomedical Research in Cambridge, Massachusetts)

„Das ist eine richtig gute und solide Publikation. Sie zeigt, was in der Natur für Möglichkeiten schlummern. Wenn das bei der Maus in so überzeugender Weise gelingt, sehe ich überhaupt keinen Grund, daß es beim Menschen nicht funktionieren soll. Die Chance ist garantiert da.“ (Henning Beier, Reproduktionsmediziner aus Aachen und Mitglied der Zentralen Ethikkommission des Robert-Koch-Instituts)

„Das ist wirklich ein Durchbruch. Bisher war unklar, wie sich Stammzellen im Embryo von den Keimzellen im Hoden unterscheiden. Diese Arbeit zeigt nun, daß es womöglich von der Umgebung abhängt. Nimmt man Spermienvorläuferzellen aus dem Hoden heraus, können sie offenbar reprogrammiert werden.“ (Hannu Sariola, Entwicklungsbiologe an der Universität Helsinki)

„Wenn das auch beim Menschen gelingen würde, wäre das eine tolle Sache. Aber ich bin vorsichtig geworden, habe schon viele Träume platzen sehen. Wichtig wird sein, zu prüfen, was diese Zellen wirklich wert sind. Ob daraus zum Beispiel Spermien werden können oder ob sie wirklich eine ganze Maus bilden können. Dieser letzte Beweis ihrer Pluripotenz fehlt noch.“ (Hans Schöler, Direktor des Max-PlanckInstituts für molekulare Biomedizin in Münster)

„Wir müssen uns nun in Deutschland sehr beeilen, geeignetes Material zu bekommen, um den Beweis für die Existenz dieser Zellen auch beim Menschen antreten zu können. Was wir jetzt brauchen, wäre beispielsweise Hodenmaterial von Verunglückten, die einer Organtransplantation zugestimmt haben. Oder Zellen von transsexuellen Männern, denen ja nach einer entsprechenden Hormonbehandlung die Hoden entfernt werden. Daraus kann man wahrscheinlich Stammzellen gewinnen. Ich bin guten Mutes, daß wir solche Zellen in den nächsten sechs bis acht Monaten haben werden. Das kann allerdings auch schon morgen passieren. Oder übermorgen. Wir sind ja jetzt nicht mehr die einzigen, die das machen. Trotzdem haben wir natürlich zunächst mal eine Spitzenreiterfunktion erreicht.“ (Wolfgang Engel, Direktor der Abteilung Humangenetik am Universitätsklinikum Göttingen)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite 71
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