20.04.2004 · Daß das Altern zu einem guten Teil vorbestimmt ist, daran bestehen keine Zweifel. Viele Hochbetagte haben eine genetische Veranlagung für ein schlagkräftiges Immunsystem.
Von Martina Lenzen-SchulteWenn man Mäusen nur noch zwei Drittel ihrer üblichen Kalorien zugesteht, verlängert sich ihre Lebensspanne um ein Drittel. Taufliegen leben deutlich länger, wenn man die Umgebungstemperatur senkt. Nun ist es einerseits nicht gerade erstrebenswert, hungernd und frierend zu leben, um hochbetagt zu sterben, und andererseits lassen sich diese Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragen. Schon bei Affen zögert eine entsprechende Diät das Lebensende nicht merklich hinaus. Statt Mühen und Einschränkungen auf sich zu nehmen, scheint es attraktiver, nach jenen Mechanismen zu fahnden, mit denen sich der menschliche Organismus gegen das Altern stemmt. Diese Strategie stellte Claudio Franceschi von der Universität Bologna, einer der renommiertesten europäischen Altersforscher, auf dem diesjährigen Internistenkongreß in Wiesbaden vor.
Der italienische Wissenschaftler sucht bei Hundertjährigen nach jenen Genen, die diese Menschen in die Lage versetzt haben, so alt zu werden. Daß das Altern zu einem guten Teil genetisch vorbestimmt ist, daran bestehen keine Zweifel. Die Nachkommen von Hochbetagten sind in körperlich deutlich besserer Verfassung als Gleichaltrige, deren Eltern früher starben. Eine Untersuchung aus Island bestätigt die Beobachtung, daß Verwandte ersten Grades von steinalten Menschen ebenfalls wieder besonders alt werden. Einen solchen Zusammenhang weist auch eine Zwillingsstudie aus Dänemark nach. Die meisten Wissenschaftler beziffern den Einfluß der Gene auf 25 Prozent, Franceschi hält dies noch für eine Unterschätzung.
Chronische Entzündung
Für den Faktor Vererbung spricht überdies die mitunter zu beobachtende regionale Häufung von Hochbetagten. In Italien gilt zum Beispiel, daß man um so mehr ältere Männer findet, je weiter man nach Süden kommt. Eine außergewöhnliche Ansammlung von Menschen, die mehr als hundert Jahre alt sind, hat Franceschi in Sardinien ausgemacht. Um den Ort Nuoro an der Ostküste werden vor allem die Männer im Durchschnitt weit älter als im übrigen Europa. Das scheinen sie vorrangig ihrem guten Immunsystem zu verdanken. Für den italienischen Forscher hat das Altern in vielerlei Hinsicht mit einer chronischen Entzündung zu tun.
Ein solches Konzept mag zunächst überraschen, sind es doch vor allem Krebsleiden und Erkrankungen des Gefäßsystems, an denen die meisten Menschen sterben. Bei der Abwehr von Krebszellen kommt es indes ebenfalls auf ein funktionierendes Immunsystem an. Jüngste Forschungen an Würmern haben ergeben, daß Signalstrukturen, die für Alterungsprozesse bedeutsam sind, auch die Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen beeinflussen. Wie Hans Reiser von Boehringer Ingelheim auf dem Wiesbadener Kongreß erläuterte, lassen sich so unterschiedliche Alterskrankheiten wie die Alzheimer Demenz, Herzinfarkte, Schlaganfälle und der Altersdiabetes heute mehr denn je als Entzündungsgeschehen interpretieren.
Langlebigkeitsgene aufzuspüren
Die Gruppe um Franceschi hat gerade bei jenen Genen Unterschiede zwischen besonders alten und durchschnittlich alten Menschen gefunden, die so wichtige Entzündungsmodulatoren wie die Interleukine 10 und 6 bilden. Die Italiener koordinieren ein ehrgeiziges Forschungsprojekt, das am 1. Mai starten wird. Es heißt Genetics of Healthy Aging (Geha) und zielt auf Untersuchungen an rund 3000 Hochbetagten von mindestens 90 Jahren aus elf europäischen Ländern. Man hofft, bei diesen Menschen Langlebigkeitsgene aufzuspüren. Die Euphorie der Genfischer etwas zu dämpfen und auf die großen Löcher in ihren Netzen hinzuweisen blieb Almut Nebel vorbehalten. Die Forscherin, die von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg zu der Arbeitsgruppe des Kongreßpräsidenten Ulrich Fölsch an der Universität Kiel gestoßen ist, erläuterte, welchen Aufwandes es bedarf, im Erbgut der Hochbetagten nach charakteristischen Genvarianten für Langlebigkeit zu fahnden. Für solche Untersuchungen benötigt man DNS-Proben von Hunderten von uralten Geschwisterpaaren.
Anders als bei Fliegen, Würmern und Mäusen ist beim Menschen bislang lediglich ein einziger Genort aufgespürt worden, der anscheinend mit Langlebigkeit zu tun hat. Er befindet sich auf dem langen Arm von Chromosom 4. Ob es sich bei der Erbanlage, die man dort gefunden zu haben glaubt, tatsächlich um ein Langlebigkeitsgen handelt, ist jedoch fraglich. Wie Almut Nebel ausführte, würde eine solche Funktion zwar theoretisch passen, da das Gen eine Rolle in dem für Alterungsprozesse nicht unerheblichen Fettstoffwechsel spielt. Der bei Probanden in den Vereinigten Staaten entdeckte Zusammenhang konnte aber in einer an Franzosen vorgenommenen Untersuchung nicht bestätigt werden.
Fehlprogrammierte Immunzellen
Wer nicht genetisch perfekt für ein hohes Alter ausgestattet ist, darf dennoch hoffen. Susanna Nikolaus von der Universität Kiel stellte Berechnungen vor, denen zufolge im Jahre 2080 in Deutschland die Frauen eine Lebenserwartung von mehr als 90 Jahren, die Männer immerhin von rund 85 Jahren haben werden. Alle zehn Jahre verdoppelt sich die Zahl der mindestens hundert Jahre alten Menschen. Allerdings werden die meisten Menschen im Alter überaus gebrechlich, vor allem die Frauen. Wer im hohen Alter besonders gefährdet ist, scheint sich ebenfalls am Immunsystem ablesen zu lassen. Graham Pawelec vom Zentrum für Medizinische Forschung der Universität Tübingen erläuterte dies am Beispiel der schweren Lungenkrankheit Sars. Während nur eins von hundert infizierten Kindern der Seuche zum Opfer fiel, wurden rund 90 von 100 alten Menschen durch die Krankheit hinweggerafft.
Schon wenige charakteristische Parameter geben Auskunft darüber, ob alte Menschen besonders stark durch Infektionen gefährdet sind. Bei dieser Risikogruppe ist ein großer Teil der Abwehrzellen so fehlprogrammiert, daß er seine Funktion nicht mehr erfüllt. Für sich genommen wäre das noch nicht verhängnisvoll. Weil aber die Reserve an gut funktionierenden Immunzellen schwindet, können bei einer Infektion nicht genügend Abwehrkräfte mobilisiert werden. Für Pawelec ist es vorstellbar, alte Menschen gegen jene Erreger - es sind vor allem Zytomegalieviren - zu impfen, die zur Fehlprogrammierung der Immunzellen führen. Das wäre ein weiterer Schritt zum gesunden Altern.