13.03.2006 · Bis heute fehlen Belege dafür, daß Kaffeetrinker häufiger an hohem Blutdruck oder Herzinfarkten erkranken. Jetzt scheint klar: Ob der regelmäßige Konsum dem Herzen schadet oder nützt, hängt maßgeblich von den Genen ab.
Von Nicola von LutterottiOb der regelmäßige Konsum von Kaffee dem Herzen schadet oder nützt, hängt maßgeblich von den Genen des Kaffeeliebhabers ab. Das legen die Ergebnisse einer Studie nahe, die eine kanadisch-amerikanische Forschergruppe um Marilyn Cornelis von der Universität in Toronto vorgenommen hat. Schon lange beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, wie sich der Konsum von Kaffee auf die Gesundheit auswirkt. Viele Arbeitsgruppen richten ihr Augenmerk dabei auf Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, zumal der stimulierende Trunk zu einem akuten Anstieg des Blutdrucks führt und zudem den Gehalt des Blutfetts Cholesterin erhöhen kann.
Bis heute fehlen stichhaltige Belege für die vielfach geäußerte Vermutung, Kaffeetrinker würden häufiger an hohem Blutdruck, Herzinfarkten oder anderen Herz-Kreislauf-Leiden erkranken. Einige Beobachtungen weisen zwar in eine solche Richtung, andere jedoch sprechen dagegen. Keinen Einfluß scheint regelmäßiger Kaffeekonsum auf die Entstehung einer Hypertonie zu haben. Zu diesem Ergebnis kommt wenigstens eine umfassende amerikanische Studie, an der mehr als 150.000 Frauen beteiligt waren (“Jama“, Bd.294, S.230). Selbst der Konsum von mindestens sechs Tassen Kaffee am Tag erhöhte nicht das Risiko, an Hochdruck zu erkranken.
Einmal starke und einmal schwache Wirkungen
Es ist erstaunlich, daß die gesundheitlichen Auswirkungen eines der weltweit beliebtesten Getränke so schwer faßbar sind. Des Rätsels Lösung könnten nun die Forscher aus Toronto gefunden haben. Demnach bestehen in der Bevölkerung große genetische Unterschiede, was den Abbau von Koffein angeht. Dieser Kaffeebestandteil schadet dem Herz-Kreislauf-System offenbar nur, wenn er zu lange im Organismus verweilt. Bedingt durch die Erbanlagen kann eine ganze Reihe von Menschen das Stimulans nur langsam entsorgen. Für solche Personen scheint ein erhöhter Kaffeekonsum schädlich zu sein. Denn wie die Forscher herausgefunden haben, steigt in diesem Fall das Infarktrisiko teilweise erheblich an.
Verantwortlich für die Beseitigung von Koffein sind bestimmte Eiweißstoffe des Cytochrom-Systems, einer etliche Fermente umfassenden Entgiftungsanlage in der Leber. Genetisch bedingte Unterschiede im Aufbau der Cytochrom-Fermente können die Effizienz der Giftmüllbeseitigung im Körper enorm verändern. Sie tragen auch dazu bei, daß Medikamente nicht von allen Menschen gleich rasch entsorgt werden, dieselbe Menge an Arzneien daher einmal starke und ein anderes Mal schwache Wirkungen zeigen kann.
Koffein abbauendes Leberferment CYP1A2
Wie die Forscher um Marilyn Cornelis in der aktuellen Ausgabe der Medizinzeitschrift „Jama“ (Bd.295, S.1135) berichten, haben sie im Erbgut von rund 2.000 Infarktkranken und 2.000 gesunden Personen nach zwei häufig vorkommenden Spielarten des Koffein abbauenden Leberferments CYP1A2 gefahndet. Es handelt sich dabei um die Varianten 1A und 1F. Personen mit der Enzymversion 1A können das Aufputschmittel rasch aus ihrem Organismus entfernen, solche mit der Spielart 1F hingegen nur äußerst langsam.
Beide Versionen ließen sich bei rund der Hälfte aller Studienteilnehmer nachweisen, waren jedoch nicht gleichmäßig über die Kollektive verteilt. So fand sich bei Personen, die einen Infarkt erlitten und viel Kaffee getrunken hatten, auffallend oft die „träge“ Enzymvariante. Der Konsum von täglich mindestens vier Tassen Kaffee erhöht bei Menschen mit diesem Enzym das Risiko eines Herzinfarkts auf das Zwei- bis Vierfache. Je jünger zudem der Träger der Enzymmutante 1F war, desto eher führte der Genuß von Bohnenkaffee zur Herzattacke.
Ernährungsstudien ohne große Aussagekraft
Den Studienteilnehmern mit effizienter Koffein-Entgiftung konnte der braune Trunk demgegenüber nichts anhaben. Bei ihnen schien geringer und mäßiger Kaffeekonsum sogar vor Herzanfällen zu schützen. Eine Erklärung für diese Beobachtung mag sein, daß der rasche Abbau von Koffein die günstigen Inhaltsstoffe des beliebten Heißgetränks - hierzu zählen etwa Antioxidantien - stärker zur Geltung bringt.
Auf welche Weise Koffein bei entsprechender genetischer Veranlagung dem Herzen zusetzt, ist noch nicht geklärt. Die Forscher halten es für denkbar, daß die den Blutfluß mindernden Wirkungen des Aufputschmittels dabei eine wichtige Rolle spielen. Denn Koffein kann die Gefäße nicht nur direkt verengen, sondern auch indirekt über die Hemmung gefäßerweiternder Botenstoffe. Für Patienten mit verkalkten Herzkranzarterien kann ein solcher Mechanismus fatale Folgen haben. Jede zusätzliche Verringerung des Blutflusses in den ohnehin verengten Herzschlagadern birgt bei ihnen die Gefahr, daß der Blutstrom ganz versiegt und somit ein Infarkt entsteht.
Die Ergebnisse der kanadisch-amerikanischen Forschergruppe sind ein weiteres Indiz dafür, daß die Erbanlagen den gesundheitlichen Einfluß von Lebensmitteln maßgeblich bestimmen können. Ernährungsstudien, die die individuellen Erbanlagen nicht berücksichtigen, besitzen daher mitunter keine große Aussagekraft.
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