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Genauswilderung Wandernde Gene im Reisfeld

13.07.2004 ·  Das kreuzungsfreudige Getreide wird auf den Feldern der Gentechniker getestet. Ohne menschliches Einwirken kreuzt sich, besorgniserregend, Genreis mit Wildreis.

Von Diemut Klärner
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Für die Hälfte der Menschheit ist Reis das tägliche Brot - und nicht selten knapp bemessen. Somit zählt diese Feldfrucht zu jenen, die mit steigenden Erträgen eine wachsende Weltbevölkerung ernähren sollen. Dabei setzen die Pflanzenzüchter zunehmend auch auf die Gentechnik. Anders aber als Mais und Sojabohnen wird transgener Reis bislang noch nicht großflächig angebaut.

Daß es zuvor die ökologischen Risiken sorgfältig abzuwägen gilt, ist längst bekannt, und das zeigen auch die Forschungen von Wissenschaftlern um Li Juan Chen von der südkoreanischen Yeungnam-Universität in Kyongsan und Zhi Ping Song von der Fudan-Universität in Schanghai. Mit Freilandversuchen haben sie untersucht, wie freigebig der traditionell kreuzungsfreudige Reis seine Gene in der Nachbarschaft verteilt.

Oft keine zuverlässigen Kreuzungsbarrieren

Es ist eine alte Erfahrung in Reisanbauländern: Anders als Mais und Sojabohnen neigt Reis dazu, sich der Kontrolle der Landwirte zu entziehen. Verwilderte Sprößlinge machen sich vielerorts als Unkraut breit, und das nicht nur auf Reisfeldern. Ähnlich wie verwilderter Raps, der bisweilen zwischen Kraut und Rüben blüht, taucht verwilderter Reis auf Gemüsebeeten, Maisäckern und Bohnenfeldern auf. Davon abgesehen sind in asiatischen Anbaugebieten auch einige Arten von Wildreis heimisch.

Wie das Forscherteam aus China und Südkorea gezeigt hat, gibt es oft keine zuverlässigen Kreuzungsbarrieren. Wenn die angebauten Kultursorten zur gleichen Zeit blühen wie benachbarter Wildreis oder verwilderter Reis, ergibt sich ein mehr oder minder reger genetischer Austausch ("Annals of Botany", Bd. 93, S. 67).

Zuchtreisgen im Wildreis

Auf den chinesischen Versuchsfeldern pflanzten die Forscher eine in China entwickelte transgene Sorte vom Indica-Typ, der das Unkrautbekämpfungsmittel "Basta" (Glufosinat-Ammonium) nichts mehr anhaben kann. Dazwischen setzten sie einen Wildreis - Oryza rufipogon - aus, der ebenfalls Anfang September blüht. Als die Samen dieser wilden Reispflanzen keimten, blieben ein bis zwei Prozent der jungen Sprosse auch dann noch grün, wenn sie mit dem Herbizid besprüht wurden. Daß sie diese Widerstandsfähigkeit ihren transgenen Nachbarn verdankten, bestätigten molekulargenetische Analysen: Als untrüglicher Vaterschaftsnachweis fand sich das artfremde Gen auch bei diesen Wildreissprößlingen.

Oryza rufipogon ist hauptsächlich im Süden von China anzutreffen, dort aber so selten, daß er auf der Liste der gefährdeten Pflanzenarten steht. In anderen Regionen Südostasiens ist dieser Wildreis jedoch weit verbreitet, nicht nur am Ufer von Flüssen und Seen. Mancherorts wächst er auch auf den Feldern so üppig, daß er als Unkraut gilt. Ökonomisch bedeutsamer sind freilich die Schäden durch verwilderte Reispflanzen. Solche Varianten von Oryza sativa - aus diversen Kultursorten hervorgegangen - finden sich in Brasilien und den Vereinigten Staaten ebenso wie in den traditionellen Anbaugebieten in Süd- und Südostasien.

Verwilderter Reis breitet sich aus

Auf den koreanischen Versuchsfeldern wurden verschiedene Varianten von verwildertem Reis zwischen eine gängige Kultursorte des Japonica-Typs gepflanzt. Wie molekulargenetische Analysen belegen, blieb die Zahl der Kreuzungen gering: Bei höchstens einem halben Promille der geernteten Reiskörner fanden sich Gene der Kultursorte.

Wenn verwilderte Reispflanzen mit den angebauten Kultursorten um Licht und Nährstoffe konkurrieren, führt das zum einen zu geringeren Erträgen - in Südkorea werden die einschlägigen Verluste derzeit landesweit auf fünf bis zehn Prozent geschätzt. Zum anderen leidet die Qualität der Ernte, da sich die Körner unterschiedlicher Sorten vermischen.

In China gibt es damit bislang selten Probleme. Traditionell wird der Reis dort zunächst in kleinen Beeten herangezogen und dann in Handarbeit auf die Felder gepflanzt. Daraus ergibt sich ein Wachstumsvorsprung, der den Kultursorten hilft, sich gegen die später keimenden Unkrautfraktion durchzusetzen. In Korea - und nicht nur dort - gilt diese altbewährte Pflanztechnik jedoch als allzu mühselig. Daß der Reis zunehmend direkt aufs Feld gesät wird, kommt seinen unerwünschten Verwandten zugute. Mancherorts beanspruchen die verwilderten Reispflanzen schon bis zu einem Fünftel der Anbaufläche.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2004, Nr. 160 / Seite 32
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