16.06.2009 · Ein geschädigtes X-Chromosom kann zu Verhaltensstörungen führen. Dann hilft nur Disziplin. Aber demnächst könnte vielleicht auch ein Medikament für die Therapie zur Verfügung stehen.
Von Sonja Kastilan"Button ist cool, aber Vettel ist der bessere Fahrer", sagt Dominik und lässt daran keinen Zweifel. Rolf-Oliver Meiners zuckt mit den Schultern: "Ich kann da gar nicht mitreden." Sein 13-jähriger Sohn ist der Formel-1-Experte in der Familie und verfolgt begeistert das Renngeschehen. Würde es nach Dominik gehen, fände jedes Wochenende ein Wettkampf statt.
Wenn der coole Brite siegt und sein Favorit nicht vorne mitfährt, ist das für Dominik ein Unglück. "Er ärgert sich sehr über das Ergebnis, aber Gott sei Dank ist es bald wieder gut", sagt Rolf-Oliver Meiners, froh, dass das keine ernsteren Konflikte zu Hause im hessischen Neu-Anspach auslöst. Dabei wäre eine heftige Überreaktion nicht ungewöhnlich. Denn Dominik hat ein Fragiles-X-Syndrom (Frax; siehe "Defekt nach Verlängerung"). Eine Erbkrankheit, bei der die Betroffenen besonders sensibel auf emotionale Situationen reagieren, sei es nun ein Stimmungstief, Familienstreit oder eben ein verlorenes Rennen. Schlimm genug, dass es eine Winterpause gibt, in der Fußball als Ersatz herhalten muss.
Symptome mildern
Dominik ist ein Autonarr, aber er selbst wird nie einen Wagen steuern dürfen. Er kann nicht lesen, und seine Zahlenwelt reicht ungefähr bis zwanzig - für den Führerschein zu wenig. Das Fragile-X-Syndrom ist eine geistige Behinderung, die vor allem Männer trifft und ihnen einen IQ von 70 oder nur 40 bescheren kann, wobei sich diese Testwerte kaum vergleichen lassen. "Manche Betroffene erreichen das Niveau eines 16-Jährigen, andere bleiben bei der Entwicklungsstufe von neun oder zwei Jahren stehen", so beschreibt daher Gottfried Barth vom Universitätsklinikum Tübingen die unterschiedlichen Fähigkeiten.
Der Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt X-Syndrom-Patienten bei Verhaltensstörungen. Einige können zwar eine normale Grund- und Hauptschule besuchen, brauchen aber zusätzliche Betreuung und in bestimmten Fällen Medikamente wie Neuroleptika oder Ritalin. "Das Erscheinungsbild dieses Defekts umfasst ein weites Spektrum mit autistischen Verhaltensweisen", sagt Barth. Förderprogramme helfen den Kindern, ihr Sprach- und Lernvermögen zu verbessern, doch die Behandlung setzt lediglich an Symptomen an, etwa der Hyperaktivität.
Fehlerhafte Proteinproduktion
Eine Therapie, die gezielt dort eingreift, wo das Geschehen im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten ist, weil ein Protein in den Synapsen der Nervenzellen fehlt, ist noch nicht auf dem Markt. Allerdings werden jetzt Wirkstoffe in klinischen Studien getestet, die genau das erreichen sollen: den Gendefekt ausgleichen (siehe Grafik), die Gedächtnisleistung verbessern und das Fragile-X-Syndrom lindern, wenn nicht gar heilen. Eine Hoffnung, die das Feld der Neurowissenschaften derzeit in helle Aufregung versetzt: "Bisher dachten wir, es wäre unmöglich, neuronale Entwicklungsstörungen umzukehren. Jetzt zeigen die ersten, vorläufigen Resultate, dass sich kognitive Defizite wie das Fragile-X vielleicht ausgleichen lassen", sagt Thomas Insel, Direktor des amerikanischen National Institute of Mental Health. Auf einer Fachkonferenz, die das Magazin Nature Medicine mit dem Pharmakonzern Roche in der Schweiz organisierte, sprach Insel kürzlich vom "heiligen Gral, der die Welt verändern wird".
Bisher hält die Welt ziemlich viele Überraschungen für Frax-Patienten bereit. Sie können sich schlecht an eine fremde Umgebung anpassen, jede Veränderung des Gewohnten wird zum Problem, ihr Alltag braucht eine klare Struktur und Rituale. Abgesehen von vielen anderen Dingen - der Suche nach der richtigen Schule, Fahrdiensten, den Amts- und Arztbesuchen -, stellt allein das eine enorme Herausforderung für die Eltern dar. Sie müssen das Familienleben konsequent danach ausrichten, den Tagesablauf genau planen. "Es kostet sehr viel Kraft", sagt Nadja Meiners, die für den Sohn ihren Beruf als Chemielaborantin aufgeben musste. "Aber wir haben es als Familie geschafft, und das strukturierte Leben gibt Dominik den nötigen Halt." Endete früher ein Zoonachmittag in einer Katastrophe, weil ihn die Situation überforderte und die Menschen ängstigten, ist heute ein Musicalbesuch möglich: "Cool, die grüne Hexe", sagt Dominik zu "Wicked".
Ein Verdacht bestätigt sich
Der Junge war zweieinhalb Jahre alt, als seine Behinderung dia- gnostiziert wurde. Schon vorher hatten ihn die Eltern zum Logopäden und zur Ergotherapie gebracht. Er konnte schlecht laufen und brabbelte nur. Auffallend waren auch die häufigen Mittelohrentzündungen, die schließlich einen operativen Eingriff erforderten. Damals äußerte eine Krankenschwester den Verdacht, den der Test beim Humangenetiker schließlich bestätigte: Fragiles-X-Syndrom. "Niemand in der Verwandtschaft ist davon betroffen - für uns war diese Erbkrankheit völlig neu", erinnert sich Nadja Meiners. Ihr Mann ergänzt: "Die frühe Diagnose half uns, weil sie erklärte, warum Dominik sich anders verhält." Unterstützung fanden die Meiners bei der Interessengemeinschaft Fragiles-X, einer Selbsthilfeorganisation, in der sie sich jetzt selbst engagieren. "Das erste Treffen mit anderen Betroffenen zeigte: Wir sind nicht allein, wir können zurück zu unserem Leben finden und zum Beispiel wieder gemeinsam ins Restaurant gehen."
Für Nahrungsmittel hat der großgewachsene Junge genauso ein Faible wie für schnelle Autos: "Ferrari, Porsche und Mercedes", zählt Dominik auf. Der A4 des Vaters findet ebenfalls seine Gnade, im Gegensatz zum Mazda der Mutter, immerhin ein Cabrio: "Das Blau ist hässlich." Womöglich stört ihn dabei nicht die Farbe, sondern der Wind und die Sinneseindrücke, die während der Fahrt mit offenem Verdeck auf ihn einströmen.
Dominik sitzt neben seiner Mutter, nestelt am Ärmel des Kapuzen-Shirts. Er hat sich lange geziert und das Gespräch im Wohnzimmer vom ersten Stock aus verfolgt. Schließlich siegte die alte Neugier über das neue Schamgefühl des Pubertierenden, der Fragen eher knapp beantwortet. Willst du etwas trinken? Nö. Werken, das mag er in der Schule am liebsten, und Kochen. Dann klappen selbst komplexe Handlungsabläufe, und wenn Dominik Pudding rührt, will er "Schoko". Seine Konzentration hält allerdings nur kurz an. Wird es ihm zu viel, weicht Dominik geschickt mit Gegenfragen aus, ruft nach seiner drei Jahre älteren Schwester: "Wo ist die denn?" Aber er ist dran, Kelly, den Collie, auszuführen, und schnappt sich sein Fahrrad. In Neu-Anspach kennt jeder den rasanten Radler.
Ein neuartiger Wirkstoff
Kelly ist weit mehr als Pflichterfüllung, Kuscheltier und treue Gefährtin: Die Hündin bietet Dominik die Chance, selbständiger zu werden, vielleicht später in einer integrativen Dorfgemeinschaft zu arbeiten, dort den Garten zu bestellen, die Hühner oder Schweine zu füttern. "Wäre er Tiere nicht gewohnt, würde ihn der Kontakt in Angst und Panik versetzen", erklärt Nadja Meiners. Die Eltern bereiten den Sohn darauf vor, ohne sie zurechtzukommen, übertragen ihm Aufgaben und wissen, dass Druck allein nichts bringt. Sie motivieren.
Dominik wurde recht früh logopädisch gefördert. Das erleben Kinder mit Fragilem-X-Syndrom selten genug. "Viele werden erst spät diagnostiziert, dabei würde ihnen der frühe Sprachunterricht enorm helfen", sagt Randi Hagerman. Die Direktorin des auf solche Fälle spezialisierten Mind-Instituts im kalifornischen Sacramento arbeitet seit Jahrzehnten mit Betroffenen und deren Familien, wobei die Überträger der Erbkrankheit ebenfalls Beachtung finden. Oft haben sie mit eigenen Gesundheitsproblemen zu kämpfen.
Randi Hagerman setzt bei Bedarf Psychopharmaka ein, doch ihrer Meinung nach bricht nun eine völlig neue Ära an. In einer Studie erhielten zwölf Patienten einen neuartigen Wirkstoff: Fenobam.
Ganz neu ist dieses Medikament nicht, das Imidazolin-Derivat wurde bereits Anfang der 1980er Jahre in Phase-II-Studien zur Angsthemmung geprüft und galt als vielversprechend. Weil aber einige Patienten von Halluzinationen berichteten und der Wirkmechanismus nicht bekannt war, legte man Fenobam auf Eis. Seine Renaissance erlebt das Mittel, seit es 2005 von den Roche-Forschern Will Spooren und Georg Jaeschke als sogenannter mGluR5-Antagonist erkannt wurde: Fenobam bindet spezifisch an einen Rezeptor, dessen Schlüsselrolle für das Fragile-X-Syndrom kurz zuvor der Neurologe Mark Bear entdeckt hatte. Weitere Versuche bestätigten den Mechanismus.
Neue Studien geplant
Plötzlich scheint erstmals eine Art Wurzelbehandlung der geistigen Behinderung möglich. "Fenobam und die mGluR5-Antagonisten der kommenden Generationen werden die Behandlung verändern", sagt Hagerman. Sie beobachtete, wie erwachsene Patienten nach dem Verabreichen einer Dosis für kurze Zeit ihre Ruhelosigkeit und Angst verloren, sogar Augenkontakt suchten, den sie sonst meiden: "Vielleicht könnten sie damit sogar lesen lernen. Aber es sind keine Zauberpillen. Wenn die Synapsen ihre Plastizität behalten sollen, muss man diese Medikamente ständig nehmen, und ohne zusätzliche Lernförderung wird es keinesfalls gehen."
Das sieht auch Stephen Warren so, der Entdecker des verantwortlichen Gendefekts. "Erwachsene können sich verbessern, aber am meisten werden Kinder profitieren." Das bedeutet: Langzeitbehandlung. Die Pillen müssen also sicher und verträglich sein, sollten als Tagespille aber möglichst keine kurze Halbwertszeit im Körper besitzen. Randi Hagerman hofft, dass bald größere Studien starten. Fenobam ist nur der Türöffner: "Einen von Roche entwickelten Antagonisten testen wir vielleicht noch in diesem Jahr."
Bis dahin planen auch Konkurrenzunternehmen wie Novartis eigene Studien. Der Konzern will eine Substanz testen, die unter anderem bei Parkinson helfen soll. Eine erste Studie mit dreißig Betroffenen wird derzeit ausgewertet. Aber auch kleinere Firmen beteiligen sich an der Suche nach dem von Thomas Insel beschworenen Gral, wie etwa die von Mark Bear gegründete Seaside Therapeutics.
Winke für andere Therapien
"Das Fragile-X-Syndrom ebnet uns den Weg für andere Autismus-Formen", ist Hagerman überzeugt. "Der Ansatz bietet eine großartige Chance", sagt auch Gottfried Barth. Der Tübinger Arzt verfolgt die Suche nach den spezifischen Wirkstoffen für die genetische Erkrankung mit Spannung, erwartet aber keine Wunder: Gerade Psychopharmaka hielten in der Praxis häufig nicht, was die Theorie verspricht.
Dominik Meiners muss bisher keine Medikamente schlucken. Aber seine Eltern verfolgen die aktuellen Forschungsprojekte: "Es wäre toll, wenn es eine Möglichkeit gäbe, seine Wahrnehmungsstörung zu beheben und ihm so auf biochemischem Weg die Konzentration und das logische Denken zu erleichtern." Plötzlich bruchrechnen? Daran wagen sie nicht einmal zu denken.
Sonja Kastilan Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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