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Forschung Krümel vor die Stammzellen

09.11.2006 ·  48 Cent pro Einwohner - mehr gibt es nicht für die Stammzellforschung in Deutschland. Das ist ein Bruchteil des amerikanischen Beitrags. Es herrscht zwar Einigkeit darüber, daß regenerative Medizin gefördert werden muß, doch niemand will viel zahlen.

Von Christian Schwägerl
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Kaum ein anderes Feld der Wissenschaft wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland so heiß diskutiert wie die Stammzellforschung. Das Potential dieser Zellen, Gewebe des menschlichen Körpers neu zu bilden, weckt die Hoffnung, daß man eines Tages kranke Körperteile durch gesunde ersetzen kann.

Für alternde Gesellschaften könnten Stammzelltherapien bedeutsam werden, um die Arbeitsfähigkeit älterer Menschen zu erhalten und die Gesundheitsausgaben für chronische Krankheiten zu reduzieren. Darüber, daß die regenerative Medizin gefördert werden muß und deutsche Wissenschaftler die Chancen der Stammzellmedizin erkunden sollen, herrscht Einigkeit, umstritten ist nur, ob menschliche Embryonen als Stammzellquelle genutzt werden dürfen.

Ethische Kontroverse von selbst erledigt

Um so erstaunlicher ist es, daß weder die Befürworter einer ungehemmten Forschung an embryonalen Stammzellen noch deren Kritiker die Gesamtausgaben für die Stammzellforschung bedeutend erhöht haben. Die Argumente beider Seiten zielen eigentlich darauf ab, die Investitionen in die Stammzellforschung drastisch aufzustocken.

So fordern Kritiker, die Forschung an ethisch unproblematischen Alternativen so stark voranzutreiben und zu beschleunigen, daß sich die ethische Kontroverse von selbst erledigt. Die prominenteste Vertreterin dieser Position ist die heutige Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU).

Zwei Dollar pro Einwohner

Doch knapp fünf Jahre nach dem Ja des Bundestags zu einer eng begrenzten Forschung an embryonalen Stammzellen ergibt sich ein erstaunliches Bild: Von den Politikern auf beiden Seiten der Kontroverse hat eigentlich keiner seinen Worten Taten folgen lassen. Die Gesamtausgaben von Bund, Ländern, Forschungsorganisationen und Stiftungen sind im internationalen Vergleich kaum erwähnenswert.

Am deutlichsten fällt der Unterschied zu Kalifornien auf, wo die Bevölkerung dafür votiert hat, über zehn Jahre insgesamt umgerechnet 2,4 Milliarden Euro Steuermittel für die Forschung an embryonalen Stammzellen auszugeben. Für jeden Kalifornier werden nun pro Jahr 6,50 Euro in die Stammzellforschung investiert.

Die amerikanische Bundesregierung stellt über ihre National Institutes of Health (NIH) rund 470 Millionen Euro jährlich zur Verfügung, was zwei Dollar pro Einwohner entspricht. 30 Millionen Euro davon entfallen auf die embryonalen Stammzellen, deren Verwendung Präsident Bush zugelassen hat. Weil die Demokraten nun stärkeren Einfluß auf die amerikanische Politik haben, werden diese Summen wahrscheinlich noch wachsen.

Biologischer Organersatz

Dagegen fallen die größten deutschen Investitionen mehr als bescheiden aus: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), wichtigster Geldgeber der universitären Forscher, investiert im Jahresmittel rund sieben Millionen Euro in die Stammzellforschung. Das Bundesforschungsministerium gibt für biologischen Organersatz, Gewebezucht und zellbasierte regenerative Medizin in diesem Jahr rund neun Millionen Euro aus, zwei Millionen Euro mehr als 2005.

Die größte Initiative, die speziell auf die Forschung an adulten Stammzellen ausgerichtet ist, hat das Bundesland Baden-Württemberg vorzuweisen. Die Landesstiftung bekam 12,5 Millionen Euro, die sie, über mehrere Jahre gestreckt, für insgesamt zwölf Forschungsprojekte ausgibt.

„Stammzellnetzwerk“ des Landes

Nordrhein-Westfalen finanziert das „Stammzellnetzwerk“ des Landes mit rund 800 000 Euro jährlich. Hinzu kommen Ausgaben an Universitäten und an Instituten wie dem neugebauten Max-Planck-Institut für Biomedizin in Münster. Aus dem Exzellenzwettbewerb erhält die TU Dresden nun einige Millionen Euro jährlich für Lehre und Forschung in der Stammzellmedizin.

Doch rechnet man alles zusammen, wird kaum mehr als 40 Millionen Euro pro Jahr für die Stammzellforschung herauskommen, was 48 Cent pro Einwohner entspricht und damit nur einem Bruchteil des amerikanischen und weniger als die Hälfte des britischen Beitrags.

Britische Stiftung investiert mehr als der Bund

Allein das Harvard Stem Cell Institute, das als Stiftung geführt wird und sich auf die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen konzentriert, stehen insgesamt rund 80 Millionen Euro für Projekte zur Verfügung. Den Betrag der jährlichen Gesamtausgaben unserer Bundesregierung investiert die britische Stiftung Wellcome Trust in kürzester Zeit für den Aufbau eines Stammzellzentrums an der Universität Cambridge.

Keine deutsche Stiftung reicht an solche Volumina heran, weder die Münchner Stiftungsprofessur für interdisziplinäre Stammzellforschung der Else Kröner-Fresenius-Stiftung noch die Investitionen der Hertie-Stiftung in das Institut des Stammzellforschers Brüstle an der Universität Bonn.

Davon lassen wir lieber die Finger

Trotz der geringen Fördermittel sind in Deutschland beachtliche Aktivitäten in der Stammzellforschung zu verzeichnen. Besonders in Berlin, Dresden und Hannover, in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen wird Stammzellforschung vorangetrieben.

Doch weder gibt es eine nationale Strategie noch einen Finanzierungsplan, wie die Ausgaben an ein international angemessenes Niveau herangeführt werden können. An der Stammzellstrategie wird im Bundesforschungsministerium seit langem gebastelt, doch bisher hat sich Ministerin Schavan davor gescheut, sich als Förderin des umstrittenen Gebiets zu profilieren.

Die Bundesländer sind gleichermaßen zurückhaltend, wohl weil mancher Ministerpräsident fürchtet, daß seine Bürger Stammzellforschung automatisch mit Embryonennutzung gleichsetzen. Ähnlich dürfte die Diskussion in manchem Stiftungsrat verlaufen: Davon lassen wir lieber die Finger.

Gesetzliche Restriktionen brandmarken

Selbst in der DFG wird es vom kommenden Jahr an keinen festen Platz für die Stammzellforschung mehr geben. Das bundesweite Schwerpunktprogramm unter Leitung der Gaterslebener Forscherin Anna Wobus, das die deutsche Stammzellszene überhaupt erst begründet hat, läuft im kommenden Jahr aus, ohne daß etwas Ähnliches in Sicht wäre.

Heute will DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker in Berlin einzelne gesetzliche Restriktionen für die Stammzellforschung brandmarken. Doch selbst wenn die Restriktionen allen bioethischen Bedenken zum Trotz abgeschafft werden, steht eine angemessene Finanzierung, auch durch die DFG, noch aus.

Wenn wiederum Forschungsministerin Schavan bei ihrem Nein zu einer ausgedehnten Embryonenforschung bleibt, dann ist sie bald eine Antwort schuldig, wie sie künftig alternative Formen der Stammzellforschung ausreichend fördern wird.

Quelle: F.A.Z., 10.11.2006, Nr. 262 / Seite 38
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