03.01.2005 · Wer kennt nicht Geschichten wie jene von einer Mutter, die erst starb, als der ferne Sohn ans Krankenbett kam. Aber Forscher beweisen: Der Todeszeitpunkt entzieht sich der Willenskraft des Kranken.
Von Martina Lenzen-SchulteGerade in diesen Tagen machten Familien die Erfahrung, daß todkranke Verwandte sich gegen das Ende stemmten, um noch einmal miteinander Weihnachten und den Jahreswechsel zu feiern. Viele Menschen glauben an eine solche aufschiebende Kraft des Willens. Wer kennt nicht zumindest vom Hörensagen Geschichten wie jene von einer Mutter, die nicht eher starb, als bis der ferne Sohn noch einmal ans Krankenbett kam, oder von dem Großvater, der erst nach der Geburt des ersehnten Enkels der Krankheit erlag.
Solche Einzelschicksale liefern indes nur scheinbar einen Beweis. Tatsächlich vermag die schiere Willenskraft den Todeszeitpunkt auch um eines wichtigen Ereignisses willen nicht hinauszuschieben. Das belegen die Ergebnisse, zu denen jetzt eine Forschergruppe der Universität in Columbus (Ohio) nach der Analyse von mehr als 300.000 Todesfällen von Krebspatienten gekommen ist.
Festtage als Anreiz
Die Wissenschaftler haben anhand detaillierter Krankenakten überprüfen können, ob es den im Sterben liegenden Patienten gelang, wenige Tage oder eine Woche durchzuhalten, um noch einen unmittelbar anstehenden Festtag zu erleben, nämlich Weihnachten, den eigenen Geburtstag oder das in den Vereinigten Staaten so bedeutsame Thanksgiving. Dabei stellten sie weder eine merkbare Abnahme der Sterbensrate vor dem entscheidenden Ereignis fest noch einen Anstieg danach. Beides wäre ein Hinweis für einen Aufschub des Todeszeitpunktes gewesen.
Daß Krebspatienten ausgewählt wurden, hatte zwei Gründe. Erstens haben jahreszeitliche Schwankungen keinen Einfluß auf die Krebstodesrate. Bei Herzerkrankungen ist das anders. Diese führen zum Beispiel in der kalten Jahreszeit häufiger zum Tod. Eine derartige Abhängigkeit von äußeren Umständen hätte das Ergebnis verfälschen können. Zweitens tritt bei Krebs in fortgeschrittenem Stadium der Tod eher vorhersehbar und nicht so unerwartet ein wie etwa bei einem Schlaganfall. Derart plötzliche Ereignisse hätten sich ebenfalls nicht dazu geeignet, eine mögliche Beeinflußbarkeit durch den Lebenswillen des Kranken zu testen.
Fallzahlen sind zu klein
Es gibt nur wenige Studien, die auf einen möglichen Aufschub des Todeszeitpunktes im Hinblick auf bedeutsame Ereignisse hinweisen. So fand man einen geringen Abfall der Sterberaten bei jüdischen Männern vor dem Pessachfest und einen entsprechenden Anstieg danach, aber kein solches Muster für das jüdische Neujahrsfest und den Yom Kippur. Bei älteren Amerikanerinnen aus chinesischen Familien wurde beobachtet, daß vor dem sogenannten Mondfest weniger von ihnen starben, als statistisch zu erwarten gewesen wäre, aber um so mehr danach. Allerdings haben diese Untersuchungen deutliche Mängel. So sind die Fallzahlen eigentlich zu klein, als daß man aus ihnen sinnvolle Aussagen ableiten könnte. Außerdem identifizierte man die Zugehörigkeit zum Judentum lediglich über den Vornamen.
Die Forscher sind sich dessen bewußt, daß sie mit ihren Ergebnissen womöglich manchen Patienten die Hoffnung nehmen, es stünde in ihrer Macht, eine Lebensverlängerung zu erzwingen, wenn der Wunsch nur stark genug wäre. Ihre wissenschaftliche Schlußfolgerung im "Journal" der Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft (Bd. 292, S. 3012) kommt einer Mahnung gleich. Man solle das, was einem am Herzen liege, nicht unerledigt lassen, denn niemand wisse, wann es soweit sei. Da trifft sich der Biostatistiker mit dem Gläubigen.