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Veröffentlicht: 02.07.2008, 07:01 Uhr

F.A.Z.-Serie: Gehirntraining Verändert Schönheit unser Gehirn?

Die Hirnforschung hat in den Künsten Verbündete gefunden. Von ihnen möchte sie sich Winke geben lassen für die Erforschung der neuronalen Prozesse bei der Wahrnehmung von Formen und Farben oder dann, wenn wir einen Gegenstand als schön beurteilen.

© Bildvorlage: Bundesverband Gedächtnistraining e.V. In Schönheit untergegangen: eine kleine Suchübung

Es gehört zu den erklärten Zielen der Neuroästhetik, durch die Erforschung der typisch menschlichen Eigenschaften zu einem besseren Verständnis der menschlichen Natur zu gelangen. Über Sprache verfügt nur der Mensch, andere Eigenschaften wie die Fähigkeit, Wissen zu erzeugen, zu erwerben und weiterzugeben, erreichen beim Menschen ihre höchste Entwicklung. Wer allerdings heute etwas über die überwältigenden Leidenschaften in Erfahrung bringen möchte, die Menschen zu heroischen, aber auch schändlichen Taten treiben, zum Beispiel die Suche nach Schönheit, die Sehnsucht nach Liebe oder den Drang, zu lernen und sich in konstruktiver wie auch destruktiver Weise schöpferisch zu betätigen, der fände dazu in der neurobiologischen Literatur bisher nur wenig Substantielles.

Er griffe zu diesem Zweck eher auf die großen Klassiker der Literatur und die philosophischen Debatten der letzten zweitausend Jahre zurück oder auch, neben anderen Dingen, auf große Kunstwerke der Malerei, Bildhauerei und Musik. Deshalb habe ich vor mehr als einem Jahrzehnt die Neuroästhetik ins Leben gerufen, die das Ziel verfolgt, Erkenntnisse der Geisteswissenschaften für die Erforschung des menschlichen Gehirns zu nutzen.

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Lust auf Neurobiologie

Es gibt gute Gründe, weshalb die Naturwissenschaften im Allgemeinen und die Neurobiologie im Besonderen die Geisteswissenschaften bei der Erforschung des Gehirns bisher kaum genutzt oder sich nicht experimentell mit den dort aufgeworfenen Fragen befasst haben. Dieselben Gründe vermögen auch zu erklären, warum die Geisteswissenschaften sich mit Fragen auseinandersetzen können, die für die Neurobiologie von fundamentaler Bedeutung sind oder sein sollten. Sie liegen in der Tatsache, dass die Naturwissenschaften objektive, quantifizierbare Daten verlangen. Während sich die Konzentration eines Neurohormons in einem bestimmten Hirnbereich objektiv nachweisen und quantifizieren lässt, gibt es – oder gab es zumindest bis vor kurzem – keine Möglichkeit, Aussagen wie „Ich habe große Lust auf X“ oder „Ich finde dieses Gemälde sehr schön“ zu verifizieren. Die Geisteswissenschaften haben sich keine Beschränkungen durch solche anspruchsvollen Kriterien auferlegt. Sie halten es nicht für notwendig, objektive, quantifizierbare Daten zur Stützung ihrer Annahmen und Hypothesen beizubringen.

Ohne Beschränkungen dieser Art erörtern sie zahlreiche Fragen, die für die Neurobiologie von großer Bedeutung sind: das Wesen der Schönheit oder der Liebe, die Bestimmungsgründe der Erkenntnis und deren Beschränkungen, die Merkmale des Sinns für Ästhetik und vieles andere. Auch bildende Künstler experimentieren in ihrer Arbeit mit Themen von großem neurobiologischen Interesse. So befassten sich Picasso und Braque in der frühen analytischen Phase des Kubismus intensiv mit der Frage, wie man Formen so darstellen kann, dass Entfernung, Blickwinkel und Lichtverhältnisse keine Rolle mehr spielen. Das ist nichts anderes als das neurobiologische Problem der Formenkonstanz, also die Frage, wie wir eine Form erkennen, wenn wir sie unter ganz verschiedenen Bedingungen betrachten. Mondrian beschäftigte sich intensiv mit den universellen Bestandteilen oder Bausteinen aller Formen. Neurobiologen befassten sich später mit demselben Problem und gelangten zu ganz ähnlichen (in meinen Augen wahrscheinlich ebenso falschen) Schlussfolgerungen, wonach die Gerade das Grundelement jeglicher Form bildet.

Kunstübungen des Gehirns

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