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Evolutionsforschung Darwins Sozialstaat

02.09.2010 ·  Ist die Umwelt tatsächlich stärker als die familiäre Genidentität? Forscher fanden heraus, dass die genetische Verwandtschaft vermutlich nur in einigen Fällen als die entscheidende Triebkraft der Sozialisation in Frage kommt.

Von Joachim Müller-Jung
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Ein Denkmal der Evolutionsforschung stürzt. Oder besser: Es bröckelt gewaltig. Wäre William D. Hamilton, der britische Pionier der Soziobiologie nicht schon vor zehn Jahren gestorben, er könnte die Brocken seiner längst in Lehr- und Schulbüchern verbreiteten „Theorie der Verwandtenselektion“ und der „Großmutter-Theorie“ umherfliegen sehen. In der ersten Theorie geht es um die auch für die menschliche Evolution zentrale Frage, wie sich hochgradig sozial organisierte Lebensgemeinschaften entwickeln konnten - wie es also im „Kampf ums Dasein“ zu Kooperationen kommen und wie sich damit selbstloses - altruistisches - Handeln etablieren konnte. Für Charles Darwin das „größte Paradoxon“.

In Hamiltons zweiter Theorie, die der Forscher Mitte der sechziger Jahre formuliert hatte, geht es auch um das Paradoxon der Sozialisation: Wieso, fragte er sich, leben die Großmütter noch so lange in der Gemeinschaft, obwohl sie die für die biologische Evolution entscheidende Währung der Fortpflanzung längst hinter sich gelassen haben und damit kaum mehr etwas zur Vermehrung des Genpools beitragen können? Hamiltons Antwort: Die Mitwirkung der langlebigen Omas erhöht die Überlebenschancen der Enkel und Urenkel. Sie verbessern die „Gesamtfitness“ der Sozietät.

Soziale Gruppen müssen nicht in Familien entstanden sein

Anne Kachel vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat dieses Modell jetzt mathematisch durchgerechnet und kommt in den „Proceedings B“ der Royal Society zu dem Schluss: Der Vorteil für die Gesamtfitness ist vergleichsweise gering. Die jungen Familien sind auf langlebige Omas nicht wirklich angewiesen, um die Kleinen durchzubringen. Dennoch kann die Anwesenheit der Großmütter evolutionsbiologisch etwas bewirken: Das engagierte Babysitten und die Unterstützung durch die ältere Generation sorgen dafür, dass die Frauen später ihr erstes Kind bekommen und die Fortpflanzungsintervalle verkürzen können - zumindest theoretisch.

Um die Gesamtfitness geht es auch in der Verwandtenselektion. Als Hamilton darüber nachdachte, was ursprünglich die Triebkraft gewesen sein könnte, dass sich konkurrierende Individuen zu Gleichgesinnten zusammenschlossen und schließlich hochgradig organisierte - eusoziale - „Superorganismen“ wie die Bienenvölker oder Ameisenstaaten entstanden, kam er auf die Genverwandtschaft. Hamilton meinte, dass die sterilen Arbeiterinnen in den Insektenstaaten durchaus etwas davon haben, wenn sie zugunsten ihrer Königin auf Fortpflanzung verzichten. Sie besitzen nämlich wie alle ihre Geschwister ein Großteil derselben Gene wie die Königin.

Die Biomasse der Ameisen

Dieses genetische Band macht den Sozialstaat stark. Und die resultierende Gesamtfitness ist in der Tat beeindruckend: Die ältesten bekannten „sozialen“ Fossilien sind 110 Millionen Jahre alt. Sozialisation scheint das evolutionäre Erfolgsmodell schlechthin. So ist die Biomasse der Ameisen allein heute größer als das Gewicht aller Landwirbeltiere auf dem Planeten zusammen. Und obwohl nur zwei Prozent der Insekten als eusozial gelten, stellen sie zwei Drittel der Insektenbiomasse.

Dass sich nun ausgerechnet einer von Hamiltons prominentesten Mitstreitern, Edward O. Wilson von der Harvard-Universität, von den nun schon vierzig Jahre alten theoretischen Grundlagen der Verwandtenselektion verabschiedet, lässt manche Evolutionsbiologen fragend zurück. Immerhin: Wilson kippt nicht die Theorie als Ganzes, er widerlegt sie nicht. Vielmehr erklärt er in der Zeitschrift „Nature“ (Bd. 466, S. 1057), weshalb die genetische Verwandtschaft vermutlich nur in einigen Fällen als die entscheidende Triebkraft der Sozialisation in Frage kommt.

Der soziale Superorganismus Mensch

Entscheidend für Wilson ist die in den neunziger Jahren begonnene Forschung an anderen sozialen Organismen, angefangen von Termiten, die gerade nicht in Hamiltons Modell passten. Auch die inzwischen 70 000 bekannten parasitären Hautflügler und mindestens 4000 Blatt- und Holzwespen, von denen viele zwar primitive Sozialverbände bilden, aber offenkundig nicht bis zum Stadium der eusozialen Organisation gelangt sind, gelten Wilson als Kronzeugen für den fälligen Abschied von Hamiltons These.

Die entscheidende Wende freilich dürften andere eingeleitet haben: Wilsons Mitautoren und seit einiger Zeit auch Kollegen in Harvard, Martin Nowak und Corina Tarnita. Nowak hatte sich mit seinen mathematischen Modellen der Kooperation längst einen Namen gemacht. Jetzt hat er den berühmten Ameisenforscher und Soziobiologen Wilson mit einem mathematischen Modell überzeugt, dass soziale Gruppen nicht in Familien entstanden sein müssen. Schon die gewöhnliche Selektion genüge, damit sich auch unverwandte Individuen einer Art zu Sozialverbänden bis hin zu extrem arbeitsteiligen Allianzen zusammenrotten. Die Forscher beschreiben fünf Phasen bis zum eusozialen Superorganismus, wobei viele Arten etwa unter Käfern schon durch einfaches kooperierendes Verhalten auf den ersten Stufen der sozialen Evolutionsleiter erfolgreich sein können.

Ob das Konzept auch beim sozialen Superorganismus Mensch greift und die Umwelt tatsächlich stärker als die familiäre Genidentität zur treibenden sozialen Kraft wurde, lassen die amerikanischen Evolutionsbiologen offen: „Es gibt bei uns Parallelen zur eusozialen Evolution der Tiere, die zu erforschen wert wären.“

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