25.01.2008 · Die Vision vom künstlichen Leben nimmt Formen an - und abermals steht der Name J. Craig Venter dahinter. In seinem Institut ist es gelungen, das erste vollständige Genom eines lebensfähigen Organismus chemisch zu erzeugen.
Von Joachim Müller-JungAls Anfang dieser Woche in Übersee wieder einmal ein historischer Wendepunkt in der Genomforschung angekündigt wurde, saß J. Craig Venter mit Richard Dawkins gerade in kleiner intellektueller Runde in München und phantasierte, was das Genzeug hielt. Es gibt nicht viele in der Branche, die das so gut beherrschen wie er. Und so thematisierte der amerikanische Sonderling, der vor Jahren das private Projekt zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms anführte, auch gar nicht dieses neue, ganz und gar bodenständige Mammutprojekt namens „1000 Genomes Project“.
Tausend Menschen will man in den nächsten drei Jahren in einer weltumspannenden Dekodieroffensive genetisch entziffern. Noch mehr Feinheiten und Varianten unseres Erbguts sollen entschlüsselt werden. Und alle sind an Bord: Amerikaner, Asiaten, Europäer. Alle Genomprotagonisten schwärmen. Nur eben J. Craig Venter nicht. Dessen wissenschaftliches und unternehmerisches Interesse hat sich mittlerweile so vehement auf eine so völlig neue Vision gerichtet, dass die Eingeweihten schon seit Monaten auf eine große Nachricht aus der Zentrale von „JCVI“ – dem J. Craig Venter Institute – warteten. Mit der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Science“ ist die Meldung nun in der Welt: Venter ist zum ersten Genom-Großerzeuger geworden.
Venters Vision vom künstlichen Leben nimmt Formen an
In Rockville wurde das erste vollständige Genom eines lebensfähigen Organismus, des Bakteriums Mycoplasma genitalum, chemisch erzeugt, schrittweise zusammengefügt und schließlich auch noch in fremden Zellen vermehrt. Venters Vision vom künstlichen Leben nimmt Formen an. Doch Venter ist damit nicht allein. Hinter ihm steht ein immerhin fünfhundertköpfiges Team mit einem Mann an der Spitze, der die Öffentlichkeit ebenso scheut wie Venter sie sucht: Hamilton O. Smith, ein schlaksiger weißhaariger Herr, der mit einem Medizin-Nobelpreis dekoriert ist und seit Jahren loyal an der Seite des Querdenkers aus Rockville wirkt.
Smith ist der Feinmechaniker in Venters Truppe. Zusammen wollen sie die Genomforschung zur Ingenieurswissenschaft machen. Genome, meinen sie, sind nicht nur Naturprodukte, die man erforschen und nutzen, aber alles in allem als gegeben hinnehmen kann. Die Genome sollten vielmehr mit dem richtigen Design dem Zukunftsmenschen technologisch zu Diensten sein. Am Reißbrett entworfene und in Laboren zusammengefügte Genapparate, verpackt in Bakterienhüllen, wollen Venter und Smith etwa an die Klimafront schicken: In Bioreaktoren sollen sie Energie liefern, Kohlendioxid vernichten oder maßgeschneiderte grüne Materialien herstellen.
Soweit das Konzept der „synthetischen Biologie“. Es wäre der biotechnische iPod, würde es funktionieren. Dass sich das Geschäftsmodell aber in der rauhen Komplexität des Lebens bisher keineswegs so geschmeidig entwickelt wie die Digitaltechnik, haben Venter und Smith selbst erfahren. Ethische Bedenken und Sicherheitsfragen scheinen für sie dabei vorerst die geringere Hürde. Venter gibt sich in dieser Hinsicht gerne proaktiv.
System der wissenschaftlichen Selbstkontrolle gefordert
Vor einem Jahr hatte er in Rockville eine Konferenz mit nationalen Biosicherheitsexperten einberufen und buchstäblich nach einer Reglementierung gebettelt. Ein System der wissenschaftlichen Selbstkontrolle müsse her, hieß es in dem Abschlussbericht, damit Missbrauch oder auch nur die unwillentliche Bereitstellung von Originalrezepten zum Design neuer, unberechenbarer Biowaffen verhindert wird. Was Venter und die Seinen zu fürchten haben, sind ein weltweiter Aufschrei und Verbotsinitiativen, wie sie das reproduktive Klonen provoziert hat – und zwar noch ehe die biotechnischen Möglichkeiten „künstlichen Lebens“ überhaupt ausgelotet sind.
Was freilich die Möglichkeiten angeht, fallen den Genomdesignern bislang die Früchte nicht gerade vom Himmel. Zwischen der Entschlüsselung des Mycoplasma-Genoms in Venters alter Firma und dem Nachbau heute liegen mehr als zwölf Jahre. Eine kleine biotechnische Ewigkeit. Dazu musste man Kolibakterien und Bäckerhefe zum Zusammenfügen der annähernd fünfhundert Gene zu Hilfe nehmen. Smith und Venter haben ein zwar praktikables, aber alles andere als unkompliziertes „schlankes“ Verfahren entwickelt. Und dabei ist das Bakteriengenom von Mycoplasma mit 582.070 „Buchstaben“ noch das allerkleinste Erbgut im ganzen freien Organismenreich.
Viel Arbeit also für die neuen Bioingenieure. Wer weiß, vielleicht wünscht sich Venter manchmal sogar zurück in die Humangenomszene: Dort konstruiert man zwar kein Genome, aber analytisch schwebt man schon durchaus in den iPod-Sphären: Im „1000 Genom“-Projekt etwa würde man für die Entzifferung der genetischen Bauanleitung von der Größe des Mycoplasma-Bakteriums keine zehn Sekunden mehr benötigen.
Ein wirklich großartiges Stück Arbeit..
Ellen Gotthardt (MPIH)
- 25.01.2008, 00:42 Uhr
Verhinderung von Greueltaten
Jan Klasen (janklasen)
- 25.01.2008, 14:51 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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