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Einschulung Reif für die erste Klasse?

 ·  Wie lässt sich beurteilen, ob ein Kind schon zur Schule gehen oder noch im Kindergarten bleiben soll? Über vorschulischen Ehrgeiz der Eltern und wirklich begabte Kinder.

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© AP „Ich will aber auch einen Schulranzen“ - oder wäre ein weiteres Jahr Kindergarten besser gewesen?

Glubschaugen und zu lange Gliedmaßen, schütteres Haar und ausgeprägte Stammfettsucht. Ein schöner Mann sieht anders aus. Aber immerhin winkt dieser mit beiden Händen und lächelt äußerst gewinnend. Der Schweizer Schulpsychologe, nennen wir ihn Herrn Bürgin, beugt sich über die vor ihm liegende Kinderzeichnung und denkt nach. „Genug Details, das schon, aber wir sehen, wie sich seine zehn Finger nach oben recken, vielleicht sucht er Halt“, überlegt der Mittvierziger laut. Auch das Haus, das er den fünfjährigen Jeremias zu malen bat, sei groß geraten - fast einschüchternd groß sogar.

Bürgin soll die Schulfähigkeit des Jungen abklären helfen, nachdem der Kindergarten eine frühe Einschulung des aufgeweckten Jungen angeregt hatte. „Die kognitiven Aufgaben hat ihr Sohn hervorragend gelöst“, erklärt er der Mutter. Also Dinge wie: bei Lückenmustern aus einer Auswahl das fehlende Puzzleteil identifizieren oder aus einer Bilderfolge das unpassende Bild aussortieren und zu wissen, dass die Heugabel zwischen Essgeschirr nichts zu suchen hat. Er soll eine große Zahl nennen und sagt „Milliarde“. Ob er auch eine ganz kleine kennte? Klar, sagt Jeremias. minus eins. Keine Frage: Jeremias’ Kopf wäre bereit, im Sommer in die Grundschule zu gehen. Aber wäre das ganze Kind es auch? Während seine Mutter und der Psychologe sich beraten, übt Jeremias Weitsprung im langen Flur des Schulpsychologischen Dienstes.

Die „Kann“-Regelung

Eigentlich sollte die Frage, wann ein Kind zur Schule gehen soll, einfach zu beantworten sein. Schließlich gibt es in Deutschland auf Länderebene ebenso wie in der Schweiz auf kantonaler Ebene Gesetze und variierende Stichtage für eine Schulpflicht. Meist gilt der 30. Juni, aber in Baden-Württemberg zum Beispiel ist es der 30. September, bis zu dem Erstklässler ihr sechstes Lebensjahr vollendet haben sollten. Trotzdem diskutieren Kindergarteneltern immer dann, wenn gegen Frühsommer das „Ich will aber auch einen Schulranzen“-Gequengel und „Anna darf aber auch schon zur Schule“-Geheule losgeht, ob man die staatlichen Vorschriften einfach so hinnehmen soll. Außerdem gibt es viele „kann“-Regelungen. So waren im vergangenen Schuljahr auch rund drei Prozent der 91.236 Anfänger Baden-Württembergs früher dran, knapp neun Prozent wurden spät eingeschult.

Ähnliche Wellen, wie sie die Schulpolitik kennt, die in den 1960er Jahren auf frühe Einschulung setzte, in den Achtzigern dann auf späte und nach dem Pisa-Schock 2000 wieder auf frühe, sieht man zeitversetzt auch im elterlichen Verhalten. Bei allem Auf und Ab scheint es aber eine gefühlte Altersgrenze bei etwa fünfdreiviertel Jahren zu geben: Ist diese noch nicht erreicht, fühlen sich die meisten Eltern nicht wohl, ein Kind in die Schule zu schicken. Passend dazu nahm der nordrhein-westfälische Landtag im letzten Jahr eine Novelle des Schulgesetzes wieder zurück, die vorgesehen hatte, das Einschulalter schrittweise von sechs auf fünf Jahre vorzuverlegen.

Der Trend zum hochbegabten Kind

Zur Begründung für dieses Umdenken schrieb die damalige rot-grüne Minderheitsregierung, in diesem Alter seien die Entwicklungsunterschiede einfach zu erheblich. Wie wahr. Trotzdem fällt es vor allem bildungsnahen Familien nicht leicht, den Blick wirklich nur auf das eigene, wunderbar individuelle Kind und seine Bildungsbedürfnisse scharf zu stellen. Oft flimmert am Bildrand die gesamte soziale Nachbarschaft mit, all die Amerikaner, Chinesen und Inder, mit denen ihr Kind, wie sie ängstlich imaginieren, dereinst um Lohn und Brot konkurrieren muss. Sollte man die Plastizität des kindlichen Gehirns nicht nutzen, es formen und Synapsen herbeikneten, was das Zeug hält?

In psychologischen Beratungsstellen werden immer häufiger Eltern junger Kinder vorstellig, die sich eine Potenzialabklärung für ihr Kind wünschen, am besten mit dem Zertifikat: außergewöhnlich schlau. „Es gibt einen Trend, ein hochbegabtes Kind haben zu wollen. Und doch erweisen sich viele, die gute Leistungen zeigen, einfach als sehr gut gefördert, aber schon an ihrem Maximum agierend“, sagt Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg.

Schon vor Schulbeginn lesen zu können, gilt etwa nicht als ein Hinweis auf besondere Begabung, es sei denn, das Kind hat sich dies selbständig beigebracht. „Ein Kind, das autodidaktisch lernt, behält den Vorsprung. Sind seine Kenntnisse von den Eltern instruiert, verflüchtigt sich der antrainierte Vorteil in den ersten Schuljahren gewöhnlich wieder“, erklärt Stamm. Die geistige Autonomie des Kindes spielt nun mal die zentrale Rolle auf seinem Bildungsweg. Lässt der vorschulische Ehrgeiz der Eltern irgendwann nach, tun es auch die Kinder.

Früh eingeschulte Kinder sind nicht erfolgreicher

„Die großen repräsentativen Studien wie IGLU oder LAU zeigen, dass die früher eingeschulten Kinder im Schnitt nicht erfolgreicher sind als die spät eingeschulten Kinder“, sagt Stamm. Wem es im Kindergarten gefällt, der kann also durchaus dort bleiben - und ist dort oft auch besser aufgehoben. Tatsächlich tragen die frühen Vögel unter den normalbegabten Kindern nicht unbedingt den fettesten Wurm nachhause, sondern haben im Gegenteil ein höheres Risiko, irgendwann einmal sitzenzubleiben, als die regulären oder spät eingeschulten Schulanfänger. Im Kanton Zürich werden Schätzungen zufolge drei von fünf frühen Kindern, die drei Monate zur Probe in die Schule gehen, wieder in den Kindergarten geschickt.

Das muss nicht daran liegen, dass lauter ehrgeizige Zürcher ihre Kinder massiv überschätzen, sondern folgt wohl auch ökonomischen Erwägungen. Die Kosten für private Betreuung sind enorm im Vergleich zu denen eines Schulhortes. Ähnliche finanzielle Motive sind aus amerikanischen Untersuchungen zur frühen Einschulung an die kostenlosen Ganztagsschulen ebenfalls bekannt. Was aber tun, wenn das Kind kein gut gefülltes Fass, sondern eine brennende Fackel ist und zu den etwa zwei Prozent intellektuell hochbegabter Kinder gehört? Manche Grundschullehrerinnen und -lehrer sehen das sehr pragmatisch. Und von ihnen hängt maßgeblich ab, ob die Einschulung gelingt. Es gibt vierjährige Erstklässler, und erste Klassen mit knapp fünf- bis sogar achtjährigen Kindern sind keine Seltenheit mehr.

„Sportlichkeit ist wichtiger als Körpergröße“

Lehrkräfte an Grundschulen sind heute gezwungen, sich auf beträchtliche Entwicklungsunterschiede gefasst zu machen und wann immer möglich Binnendifferenzierung zu betreiben. Trotzdem beobachtet die Forschung, dass Lehrer häufig mehr Mühe haben, Kindern gerecht zu werden, die geistig nach oben ausscheren, als denen, die unten sind. Sie tun sich schwer mit der asynchronen Entwicklung von Kindern, deren Verstand davonrennt, während sie das Kuscheltier hinter sich herziehen. Und Eltern sorgen sich um die emotionalen und körperlichen Entwicklungsunterschiede. Gerade bei Jungs, die seltener früh eingeschult werden als die reiferen Mädchen und bei denen es auch eher mal schiefgeht, fragen sie sich, wie es um die Frustrationstoleranz der kleinen Wilden bestellt ist, ob ihre Beharrlichkeit ausreicht, wie das Stillsitzen klappt.

Die Überlegung, ob es wichtig ist, auch physisch in der Schicksalsgemeinschaft Schulklasse zu bestehen, verunsichert Eltern zusätzlich. „Sportlichkeit ist wichtiger als Körpergröße“, sagt dazu kurz und knapp Annette Heinbokel, Mitbegründerin der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind. Fixe Stichtage zur Einschulung findet sie in etwa so plausibel wie die Einschulung nach Körpergewicht. Für hochbegabte Kinder könne der Termin für eine rechtzeitige Einschulung deutlich früher liegen als der Termin, der für die Mehrzahl der Kinder tatsächlich richtig ist. „Wenn man schon ahnt, dass das Kind entweder früher zur Schule geht oder anderenfalls eine Grundschulklasse überspringen wird, ist das frühe Einschulen oft der bessere Weg“, sagt Heinbokel.

Bremst man solche kleinen Adler dagegen aus, können sie Motivationsprobleme und Störungen ihrer emotionalen Befindlichkeit entwickeln. Eine gute Möglichkeit, den Dingen ihren Lauf zu lassen, ohne etwas zu verpassen, bietet sich, wenn Kinder flexible Eingangsstufen besuchen können oder jahrgangsgemischter Unterricht angeboten wird, wie es vor allem Montessori- oder Jena-Plan-Schulen kennen.

Eine Studie des bayerischen Kultusministeriums zur Jahrgangsmischung zeigte, dass die Leistungen der Kinder in den gemischten Klassen höher sind als in Klassen mit Gleichaltrigen. Besonders Kinder mit Vorkenntnissen können profitieren. Und die Besseren können ihre Grundschulzeit ohne formalen Aufwand verkürzen oder nur partiell vom reichhaltigeren Angebot profitieren.

Was zeichnerische Leistungen bedeuten

Jeremias wird nun eine Schule besuchen, die das letzte Kindergartenjahr und die ersten beiden Schuljahre zusammenlegt. Mal machen alle alles zusammen, mal sind sie in der Alterskohorte, mal in ihrer Lernstandsgruppe: also Sport und Schreiben mit anderen Fünfjährigen, Mathe mit den Großen. Was Jeremias’ Kritzeleien über seine intellektuelle und emotionale Entwicklung prognostizieren sollen, kann seiner Mutter dabei ziemlich schnuppe sein.

Die zeichnerischen Leistungen von normalbegabten Sechsjährigen können bis zu vier Jahre auseinanderliegen, ohne dass das Aussagen über den Schulerfolg zuließe, zeigte eine Studie des Zürcher Kinderhospitals von 2009. Erst mit etwa acht Jahren lassen sich Zeichnen und Intelligenz korrelieren. Der Glubschaugenmann klebt jetzt am Kühlschrank und lacht.

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