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DIN-Normen Die Ordnung der Dinge

Damit die tausend Sachen um uns herum auch zueinander passen, gibt es die DIN-Normen. Ein Blick auf eine Bürokratie, ohne die der Alltag sehr viel umständlicher wäre.

© Dieter Rüchel Vergrößern Nur wenn Gewinde nach Norm aufeinander abgestimmt sind, kommt es am Ende zum Heimwerkerglück.

Wem ist diesen Sommer beim Grillen mal die Bratwurst durch den Rost gerutscht und unschön in der Glut verkokelt? Sehr wahrscheinlich niemandem. Denn dafür, dass Bratwürste nicht abstürzen, sorgt die technische Vorschrift DIN EN 1860-1. Die besagt, dass der Abstand zwischen den Stäben eines Grillrostes maximal 20 Millimeter breit sein darf.

Dass wir Tag für Tag doch weitgehend unbehelligt von solchen und anderen Malheurs durch den Alltag kommen, ist das Ergebnis einer Einrichtung, die wenig bekannt ist, gemessen daran, wie sehr ihre Tätigkeit unser aller Leben prägt: das Deutsche Institut für Normung, kurz DIN, mit Sitz in Berlin. Seit 95 Jahren sorgt es dafür, dass Dinge passen, sich fügen und funktionieren.

Normen sind die Sprache der Weltwirtschaft

“Es ist ja schon schwierig genug, viele Dinge mit Normen zum Laufen zu bringen, wie sähe dann nur eine Welt ohne Normen aus?“, sagt Rüdiger Marquardt, stellvertretender Direktor des DIN. Rund 33.000 Normen gibt es derzeit, jede einzelne davon ein Dokument, das sich auf einen Gegenstand oder ein Verfahren bezieht und festlegt, wie etwas beschaffen sein muss: der Hustenschutz aus Plexiglas an der Salatbar im Hotel, die Reflektorfläche auf dem Schulranzen, das Verfahren, mit dem beim TÜV Geschirrspüler und Tiefkühlgeräte getestet werden - alles genormt.

Die bekannteste unter den Normen ist die für Papierformate. Alle haben schon in der ersten Klasse fein säuberlich in DIN-A4- und DIN-A5-Hefte geschrieben - ohne zu wissen, dass das gleiche Seitenverhältnis der unterschiedlich großen Hefte seit Anfang der 1920er Jahre als Norm definiert ist und die italienischen Schüler in Hefte genau der gleichen Formate schreiben wie die französischen oder finnischen.

Die Ordnung der Dinge Länger löschen © Dieter Rüchel Bilderstrecke 

Normen sind oft international. Sie sind so etwas wie die Sprache der Weltwirtschaft. Dank Normen können Teile für ein Produkt in Land A oder Land B oder Land X eingekauft werden - solange alle nach der entsprechend gültigen DIN produzieren, passt es. Umgekehrt können deutsche Unternehmen problemlos in andere Länder exportieren, wenn die sich ebenfalls an derselben Norm orientieren. Dadurch stärkt die Normierung die Wirtschaft letztlich wirksamer, als es Patente oder Lizenzen tun. Das Berliner Institut schätzt den volkswirtschaftlichen Nutzen seines Tätigkeitsfeldes für Deutschland auf mehr als 17 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei ist das DIN, obgleich es eng mit der Bundesregierung zusammenarbeitet, keine staatliche Institution, sondern der Rechtsform nach ein gemeinnütziger Verein. „Wir sind neutral“, erklärt Rüdiger Marquardt, „und fühlen uns sowohl der Wirtschaft als auch den Verbrauchern verpflichtet. Wir organisieren ja nur das Verfahren, das Ergebnis beeinflussen wir nicht.“

Deutsche Normen sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr internationalisiert worden. Sie heißen jetzt DIN EN, wenn eine europäische Norm vom DIN übernommen worden ist, oder DIN EN ISO, wenn es sich um eine internationale Norm handelt, die gleichzeitig auch europäische Norm ist. DIN ISO ist entsprechend eine international und in Deutschland gültige Norm, während DIN eine Norm bezeichnet, die ausschließlich oder überwiegend nationale Bedeutung hat.

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