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Dienstag, 14. Februar 2012
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Die lieben Kleinen (6) Schlaf, Kindlein, schlaf

31.10.2005 ·  Frischgebackene Eltern wirken oft wie gerädert. Das hat seinen Grund: Der Nachwuchs hält sie nachts auf Trab. Was kann man dagegen tun? Hilfreich ist wie immer ein verläßlicher Tagesablauf: möglichst zur gleichen Zeit und am selben Ort.

Von Sigrid Tinz
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Es klingt vielleicht etwas hart. Aber am liebsten haben viele Eltern ihre Kleinen, wenn die endlich im Bett liegen und schlummern. Das war so, das ist so, das wird so bleiben - davon zeugen schon die vielen Lieder über Sternlein, Lämmlein und Männer im Mond, die dabei helfen sollen, diesen friedlichen Zustand zu erreichen. Auch Besuch, der den Nachwuchs bestaunen kommt, fragt spätestens nach "Wie heißt es denn?" und "Wem sieht es denn nun ähnlich?": "Schläft es schon durch?"

Nein, meistens nicht. Je nachdem, welcher Studie man glauben darf, wacht rund ein Drittel aller Kinder nachts mehrmals auf. Neugeborene tun das fast immer, Kindergarten- und Schulkinder fast nie. Allerdings: Genaugenommen schläft auch unser neugieriger Besucher nicht durch, die Eltern nicht, niemand. Ein Erwachsener wacht im Durchschnitt alle anderthalb Stunden auf, wenn ein Zyklus aus Tiefschlafphase und Traumschlaf herum ist. Hindern ihn keine Einbrecher oder kalten Füße, nickt er sofort wieder ein, ohne sich morgens daran zu erinnern.

Träumen sie tatsächlich?

Dieses scheinbare Durchschlafen beherrschen Babys noch nicht. Sie schlafen weniger tief, träumen häufiger und mehr - auch wenn kein seriöser Wissenschaftler entscheiden mag, ob sie tatsächlich und, wenn ja, was sie träumen oder ob ihr kleines Gehirn schlicht und einfach Reize verarbeitet und Nervenbahnen trainiert.

Sie schlafen in jedem Falle sehr unruhig und wachen bis zu acht-, neun-, zehnmal pro Nacht kurz auf. Und meistens ist ihnen irgend etwas in dieser neuen Welt zu kühl, zu warm, zu laut, zu unheimlich. Oder ihre schnell wachsenden Körper melden schlicht und einfach: Hunger. Außerdem muß sich ihre innere Uhr vom Bauch- aufs Erdenleben umstellen, also unter anderem auch darauf, daß nachts alle schlafen und keiner mit ihnen schmust und singt.

Ins Bett, wenn sie müde sind

Mit der Zeit wird sich das allmählich legen. Aber wann? Das hat sich schon mancher verzweifelte Elternteil gefragt. Rein organisch sollte es nach sechs Monaten soweit sein. "Spätestens", sagt mancher Fachmann. "Seelisch", behaupten allerdings andere, könne ein Kind das frühestens mit einem Jahr. Eltern wissen ohnehin: Jedes Kind ist anders. Julius zum Beispiel war ein ruhiges, mit sich zufriedenes Kerlchen und schlummerte seit der ersten Nacht sieben Stunden am Stück. Der kleine Bruder Peter dagegen schläft auch heute als Zweijähriger noch wenig und schlecht. Mona schläft nicht vor Mitternacht ein, Emma ist nachts oft wach, spielt oder weint, und für den bald dreijährigen Johannes beginnt sommers wie winters der Tag um halb fünf.

In vielen Ländern der Erde geht man die Frage, wann Kinder in die Falle müssen, eher gelassen an. Ob in Asien, in Ostafrika oder bei den Yupuama-Indianern in Venezuela: Die Kleinen kommen ins Bett, wenn sie müde sind, und nicht, weil es zwanzig Uhr ist und die "Tagesschau" beginnt. Ein- und Durchschlafstörungen, wie sie Umfragen zufolge bei uns etwa zehn Prozent aller kleinen Kinder haben, kennt man dort nicht. Oder sieht zumindest kein Problem darin. Denn natürlich schlafen manche Kinder auch schon mal dauerhaft schlecht, meist weil sie organisch krank sind und deshalb im Schlaf zuwenig Luft bekommen.

Drehen und wenden, um nicht zu ersticken

Der Schlafmediziner Bernhard Hoch vom Krankenhaus für Kinder und Jugendliche in Augsburg erklärt das so: "Bei jedem von uns erschlafft im Tiefschlaf die Muskulatur, die Zunge rutscht nach hinten. Hat das Kind zu große Mandeln oder Polypen oder ist es sehr dick, kann der Luftstrom dadurch ganz abbrechen. Das Kind muß immer wieder halb wach werden oder sich drehen und wenden, um nicht zu ersticken." Dementsprechend gerädert wacht es morgens auf und ist je nach Alter weinerlich und zappelig oder müde und schlecht in der Schule. Erstes Warnsignal für diese sogenannte Schlaf-Apnoe ist das Schnarchen. Ein, zwei Nächte in einem Schlaflabor bringen meist eine sichere Diagnose.

Kinder wie Mona oder Emma dagegen sind nicht einmal müde oder schlecht gelaunt. Häufig leiden nur die Eltern unter den Schlafstörungen ihrer Kleinen, zumindest deutlich mehr als diese. Zum einen, weil die Abende purer Stress sind und die Nächte zu kurz, worunter nicht zuletzt die Ehe leidet. Zum anderen, weil sich ihre Erwartungen vom zwölf Stunden süß schlummernden Nachwuchs und die Forderungen von Ärzten, Schwiegereltern und anderen Ratgebern an ein Durchschnittsbaby nicht mit den Bedürfnissen und Eigenheiten eines jeden kleinen Individuums vereinbaren lassen.

Krank sind Mona oder Emma deswegen noch lange nicht, und sie sind auch keine kleinen Haustyrannen, die ihre Eltern erpressen und unbedingt jeden Abend ihre Grenzen testen wollen.

Extinktieren ist Konditionierung

Das heißt im Klartext: keine Medikamente verabreichen. Auch nicht "extinktieren", wie sich das Schreienlassen vornehm nannte, als Disziplin und Autorität noch die Säulen der Erziehung waren. Die Extinktionsmethode wirkt zwar, wie zahlreiche Studien belegt haben. Weil das Kind lernt, daß es sinnlos ist, seine Bedürfnisse durch Weinen zu äußern; wenn niemand darauf reagiert, gibt es schließlich auf. Das ist allerdings reine Verhaltensbiologie und nennt sich Konditionierung: Hunde lernen so ihr "Sitz" und "Platz". Ein Kind wird so aber nicht zu einem guten Schläfer, der sich zufrieden und geborgen ins Bett kuschelt und nachts auch nach kurzem Aufwachen alles in Ordnung findet und wieder einschlummert.

Groß in Mode war und ist teilweise noch das kontrollierte Schreienlassen. Davon existieren verschiedene Rezepte, die fast alle auf die Grundidee des Bostoner Kinderarztes Richard Ferber zurückgehen. Auch danach haben die Kleinen einfach nur schlechte Gewohnheiten, die man ihnen mit ein bißchen Nervenstärke leicht abgewöhnen kann, und zwar folgendermaßen: Das Kind wird ins Bett gebracht, die Eltern verlassen das Zimmer. Anders als beim puren Schreienlassen gehen die Eltern nach ein paar Minuten wieder hinein, wenn das Kind Theater macht, reden mit ihm, sollen sich aber "zu keiner Zärtlichkeit erpressen lassen". Die Wartezeiten werden von Mal zu Mal und von Tag zu Tag etwas länger. Für Bettverlasser, Aufwacher oder Frühaufsteher beziehungsweise Mittagsschlafverweigerer gilt die gleiche Prozedur, bis das wunschgemäße Verhalten erreicht ist, sprich: das Kind gelernt hat, allein in seinem Bett ein- und durchzuschlafen. Auch das kontrollierte Schreienlassen funktioniert häufig - aber ist das Kind dann ein guter Schläfer?

Stundenlange Rituale

Gerd Lehmkuhl, Kinderpsychiater und Professor an der Kölner Universitätsklinik, hält solche Behandlungspläne für "viel zu grobmaschig, mechanistisch und zu wenig individuell". In einer Studie unter Schulanfängern stellte er ein "multifaktorielles Bedingungsgefüge für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Ein- und Durchschlafstörungen" fest. Vielleicht ist die Wohnung zu eng, die Stimmung in der Familie schlecht, das Kind einfach sehr quirlig und die Mutter sehr erschöpft? Oder ist das abendliche Hunger- und Durstspiel vielleicht nur der unbeholfen ausgedrückte Wunsch, noch mehr Zeit mit Papa zu verbringen, der immer erst spätabends nach Hause kommt? Vielleicht ist es ja dies oder das oder alles zusammen.

Es gibt Familien mit erheblichen Problemen, die Kind und Eltern belasten. Das kann sich zum Beispiel darin äußern, daß sich das Kind vor Aufregung beim Schlafengehen mehrfach übergeben muß. Oder wenn sich komplizierte Rituale über mehrere Stunden abspielen, wie auf den Arm nehmen und Tee nuckeln, aber bitte nur Fencheltee, gleichzeitig an Mamas Haaren spielen, während die dem Kind die Hand vor die Augen halten muß. Solche ausgeprägten Störungen haben sich Schritt für Schritt eingeschlichen. "Und genauso, nämlich Schritt für Schritt, muß man das Problem dann auch angehen", sagt die Neunkirchener Neuropädiaterin Evemarie Feldmann-Ulrich. Jede Familie muß ihren eigenen Weg zu mehr Ruhe, Entspannung und besserem Schlaf suchen.

15 Stunden für Zweijährige zuviel

Oft reicht reine Mathematik, wie bei Mona. Da war das Vormittagsnickerchen, das die Mutter gerne zum Duschen und Zeitunglesen nutzte, der Nachmittagsschlaf von zwei bis fünf und der gewünschte Nachtschlaf von neun bis sieben. Machte zusammen immerhin fünfzehn Stunden - für eine Zweijährige eindeutig zuviel. Nur Neugeborene schlafen im Schnitt rund sechzehn Stunden, häppchenweise auf den Tag verteilt. Im ersten Lebensjahr sind es dann bloß noch dreizehn bis vierzehn Stunden, und dann wird es pro Lebensjahr etwa eine Stunde weniger. Die Lösung lautet in diesem Fall also: den tatsächlichen Schlafbedarf feststellen, anschließend planen, wie es am besten zum Kind und in die Familie paßt, und dann viertelstundenweise umgewöhnen.

Hilfreich wie immer ist ein verläßlicher Tagesablauf. Das heißt beim Thema Schlafen: möglichst immer zur gleichen Zeit, jedenfalls ungefähr, und am gleichen Ort. Ob das der Stubenwagen, das Gitterbett oder das Elternbett ist, ist im Grunde egal. Letzteres ist historisch und global gesehen allerdings die gängigste Variante, mit gewissen Vorteilen: Kinder brauchen kein eigenes Zimmer, sondern das Gefühl von Geborgenheit, um sich dem Schlaf überlassen zu können. Und wenn es etwas möchte, müssen die Eltern sich nur kurz rüberrollen und nicht in der Kälte nach den Puschen angeln.

Festes Abendritual ist sinnvoll

Sinnvoll ist auch ein festes Abendritual, empfiehlt die Mannheimer Familienberaterin Angelika Schick-Schmitt. Das geht von Anfang an, auch wenn es einem Neugeborenen schnurzegal sein mag: trinken, baden, Schlafanzug anziehen, das immer gleiche Liedchen, später dann Zimmer aufräumen, allen Familienmitgliedern und Stofftieren gute Nacht sagen, singen, schmusen, lesen. Oder noch mal kitzeln und lachen und toben. Oder beten oder den Tag besprechen. Regeln gibt es dabei keine. Ist die Familie zufrieden, kann sie schlafen, wo, wann und wie sie will.

Unruhige Nächte wird es trotzdem immer mal wieder geben. Wie bei Niels, der zeit seines dreijährigen Lebens bei seinen Eltern im Bett schlief und mehrmals nachts wach wurde. Bis vor zwei Monaten, als er in den Kindergarten kam. Nach ein paar Tagen fühlte er sich als großer Mann, der sein eigenes Bett im eigenen Zimmer wollte. Auf die Frage, ob ihr Sohn durchschläft, können die Eltern jetzt zwar mit Ja antworten. Niels' Vater hat nun allerdings Einschlafstörungen - ihm fehlt sein warmer, an seinen Rücken gekuschelter Sohn.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.10.2005, Nr. 43 / Seite 73
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