17.08.2007 · Die sogenannte fötale Programmierung prägt schon im Mutterleib die Neigung zu Übergewicht und Diabetes. Eine kritische Rolle spielt dabei der immer häufiger auftretende Schwangerschaftsdiabetes. Obwohl jede zehnte Mutter betroffen ist, gibt es bislang praktisch keine Prävention.
Von Rainer FlöhlRauchen und Alkohol während der Schwangerschaft gefährden den im Mutterleib heranwachsenden Fötus. Doch auch andere, bislang weniger beachtete Umwelteinflüsse, etwa das hormonelle Milieu, können die Entwicklung des Kindes während der Schwangerschaft und sogar noch einige Zeit nach der Geburt beeinflussen. Diese Erkenntnisse widersprechen den traditionellen Vorstellungen von der Entwicklung eines Individuums, die allein von der genetischen Ausstattung und den Wechselwirkungen mit der Umwelt abzuhängen schien.
Offensichtlich kommt es während einer bestimmten „kritischen“ Entwicklungsphase durch die Einwirkung ganz unterschiedlicher Faktoren zu einer dauerhaften Prägung einzelner Körperfunktionen. Dieser bei jedem Fötus individuell ablaufende Prozess wird inzwischen als „fötale Programmierung“ bezeichnet. Dieses Phänomen entscheidet neben dem genetischen Hintergrund über Gesundheit und Krankheit. Es wird gewissermaßen der Sollwert festgelegt, an dem sich der Organismus bei seinen Reaktionen auf die Umwelt orientiert.
„Experimentelle Geburtsmedizin“
Das Konzept der fötalen Programmierung, das inzwischen durch vielfältige epidemiologische, klinische und experimentelle Befunde abgesichert werden konnte, geht auf Günter Dörner zurück, der Anfang der siebziger Jahre am Institut für Experimentelle Endokrinologie an der Berliner Charité zunächst den Begriff „funktionelle Teratologie“ prägte. Er stellte den Fehlbildungen von Organen gewissermaßen die subtileren Funktionsstörungen zur Seite, denen - wie sich mehr und mehr herausstellt - allerdings ebenfalls gewisse anatomische Veränderungen zugrunde liegen.
In Deutschland befasst sich derzeit eine Forschergruppe besonders intensiv mit der Programmierung um den Geburtszeitpunkt herum. Es handelt sich um die Arbeitsgruppe „Experimentelle Geburtsmedizin“ an der Klinik für Geburtsmedizin des zur Charité gehörenden Virchow-Klinikums. Die von J. W. Dudenhausen geleitete Klinik ist mit jährlich rund 3500 Entbindungen die größte geburtsmedizinische Einrichtung Deutschlands. Der Leiter der Gruppe, A. Plagemann, verfügt also über hervorragende Voraussetzungen für eine patienten- und anwendungsorientierte klinische Forschung. Als Schüler Dörners gilt er seit langem als Experte auf diesem jungen, aussichtsreichen Forschungsgebiet.
Fehlprogrammierung zum Übergewicht
Die Berliner Arbeitsgruppe konzentriert sich auf die Erforschung der Regulation von Körpergewicht und Stoffwechsel. Die Lernprozesse und die Steuerung kybernetischer Regelkreise lassen sich hier besonders gut verfolgen, weil immer mehr Schwangere einen Schwangerschaftsdiabetes entwickeln oder bereits vor der Empfängnis zuckerkrank sind. Es gibt eine ganze Reihe epidemiologischer und klinischer Studien, die zeigen, dass Kinder solcher Schwangeren - unabhängig von ihrer genetischen Veranlagung - im späteren Leben öfter an Übergewicht, Stoffwechselstörungen oder gar an Diabetes leiden als die Nachkommen stoffwechselgesunder Frauen.
Die hohen Insulinkonzentrationen der Schwangeren, aber auch eine Überernährung nach der Geburt führen, so die Hypothese, zu einer Fehlprogrammierung der für Nahrungsaufnahme, Körpergewicht und Stoffwechsel zuständigen zentralnervösen Regelsysteme. Experimente mit Ratten haben die Vorstellungen voll bestätigt. Im Hypothalamus, der wesentlich an der Steuerung zentralnervöser Funktionen beteiligt ist, kommt es bei übermäßiger Insulinzufuhr zu bleibenden anatomischen Veränderungen. Sie resultieren in einer Störung des Gleichgewichts zwischen den die Nahrungsaufnahme fördernden und hemmenden Substanzen, so dass die Anfälligkeit zu Übergewicht und Diabetes steigt.
Acht bis zehn Prozent der Föten betroffen
Da die Töchter von Müttern mit solchen angeborenen Stoffwechselstörungen bei einer Schwangerschaft wiederum ihre Nachkommen entsprechend belasten, können solche erworbenen Merkmale über mehrere Generationen - epigenetisch - weitergegeben werden. Ein derartiger Effekt könnte, wie Plagemann in einem Gespräch sagte, sogar für die weltweit zu beobachtende drastische Zunahme von Übergewicht und Diabetes von Bedeutung sein, die weder allein über genetische Ursachen noch allein über Veränderungen im Lebensstil erklärbar scheint.
Da acht bis zehn Prozent, möglicherweise sogar noch mehr werdende Mütter an Schwangerschaftsdiabetes leiden, fordert Plagemann eine konsequente Bekämpfung dieser Störung, die auch die Föten unnötig gefährdet. Bislang werden nur zehn Prozent dieser Schwangeren entdeckt, noch weniger werden angemessen behandelt. Dies bedeutet, praktisch auf die mögliche Primärprävention zu verzichten. Dies gilt nicht nur für den Diabetes und Übergewicht, auch andere, durch fötale Programmierung verursachte Störungen etwa an Herz und Kreislauf, am Gehirn oder am Immunsystem ließen sich durch eine bessere Vorsorge bei Schwangeren und Neugeborenen eindämmen.
Trotz ihrer hohen internationalen Reputation ist die Existenz der Berliner Arbeitsgruppe bedroht. Plagemann hat den Ruf auf den ersten Lehrstuhl für fötale Programmierung erhalten, und zwar am renommierten King's College in London. Der Wissenschaftler möchte in Berlin bleiben, doch die Bedingungen, die die Charité bietet, können - bisher jedenfalls - längst nicht mit dem Angebot Londons konkurrieren. Vieles spricht dafür, dass bald ein weiterer Spitzenforscher Deutschland verlässt.
Primärprävention ?
Hendrik Friederichs (hfriederichs)
- 17.08.2007, 16:33 Uhr
Diabetes ist männlich! Immer!
Klaus Brand (Roman-Ferkl)
- 17.08.2007, 17:08 Uhr