03.04.2006 · Zwei junge Patienten der Frankfurter Universitätsklinik sind die ersten erwachsenen Menschen, die durch einen gezielten Eingriff in das Genom ihrer Blutstammzellen erfolgreich behandelt worden sind. Hoffnung auch im Kampf gegen Aids.
Von Joachim Müller-JungZwei junge Patienten der Frankfurter Universitätsklinik, der eine 25, der andere 26 Jahre alt, sind die ersten erwachsenen Menschen, die durch einen gezielten Eingriff in das Genom ihrer Blutstammzellen erfolgreich behandelt worden sind. Zumindest sind sie ersten, von denen das bekanntgeworden ist. In einer Online-Veröffentlichung der Zeitschrift "Natur Medicine", die am heutigen Montag online erscheint, berichten Genforscher und Mediziner über den klinischen Versuch an den beiden jungen Männern, die an einer extrem seltenen schweren Immunschwächekrankheit litten.
Von der angeborenen „X-chromosomalen chronischen Granulomatose“ sind etwa hundert Menschen in Deutschland betroffen. Die wichtigsten weißen Blutzellen, die normalerweise gefährliche Bakterien durch Phagozytose „schlucken“ - die neutrophilen Granulozyten -, sind bei ihnen wegen Gendefekten buchstäblich gelähmt. Die Immunzellen können die Keime zwar schlucken, aber diese werden nicht mehr unschädlich gemacht, weil in den Blutzellen die dafür erforderlichen aggressiven Verbindungen, insbesondere die freien Sauerstoffradikale, nicht mehr gebildet werden. In siebzig Prozent der Fälle betrifft das den Ausfall des gp91-phox-Gens auf dem X-Chromosom.
Versuche in Amerika zuvor gescheitert
Am Chemotherapeutischen Forschungsinstitut im Georg-Speyer-Haus in Frankfurt am Main hatte man zusammen mit anderen Forschern schon vor Jahren aus einem modizifizierten Retrovirus, der in der Lage ist, sich in das Genom der Knochenmarkzellen einzuschleusen, ein spezielles Genkonstrukt hergestellt - eine Genfähre, die mit der korrekten Version des defekten Gens und Steuerelementen beladen ist. Manuel Grez vom Georg-Speyer-Haus hat dann zusammen mit den Teams um Dieter Hoelzer von der Universitätsklinik und Christof von Kalle, der inzwischen am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg arbeitet, den Versuch gewagt, diesen Genvektor bei den zwei todkranken Männern anzuwenden. Für die beiden war kein passender Knochenmarkspender zu finden. Ganz ähnliche Genversuche in den Vereinigten Staaten waren zuvor gescheitert. Doch die Ergebnisse der Tierexperimente und einige Veränderungen im Therapieschema haben die Forscher zuversichtlich gestimmt. So wurden die beiden Patienten vor der Übertragung der gentechnisch veränderten Blutstammzellen einer Chemotherapie unterzogen. Diese führte dazu, daß im Knochenmark Zellen abgetötet und Platz geschaffen wurde für die "reparierten" Stammzellen, die sich erfolgreich einnisteten.
Inzwischen ist der erste Patient seit zwei Jahren und der zweite seit einem Jahr nicht mehr auf besondere Immunschutzmaßnahmen angewiesen. Sogar Bakterieninfektionen, die sie vorher jahrelang mit sich herumschleppten, sind seither verschwunden. Das bedeutet freilich nicht, daß alle weißen Blutkörperchen nun genetisch intakt sind. „Nur“ etwa ein Drittel der Abwehrzellen produziert wie gewünscht die keimtötenden Verbindungen - genug freilich für die Patienten, um eine annähernd normale Abwehrstärke wiederzuerlangen.
Irgendwann gegen Aids?
Im Prinzip eignet sich das Verfahren nach Auskunft der Wissenschaftler auch dazu, andere Blutkrankheiten zu therapieren, möglicherweise irgendwann sogar Aidskranken zu helfen. Aber vorher will man das schon jetzt offenkundig effiziente Gentherapieverfahren noch weiter optimieren. Insbesondere betrifft das den Genvektor selbst. In Therapieversuchen bei Kindern mit der X-SCID-Immunschwächekrankheit waren vor einigen Jahren plötzlich Leukämien aufgetreten. Was das betrifft, gibt es bei der chronischen Granulomatose zwar weniger Befürchtungen, weil das übertragene Gen keine potentiell krebsfördernden Eigenschaften besitzt und es auch bisher keine Hinweise auf Wucherungen der veränderten Blutzellen gibt.
Aber zumindest hat man festgestellt, daß sich im Blut der Patienten bestimmte Zellklone, die in wachstumsfördernde Genregionen eingeschleust wurden, stärker vermehren als andere. Mit anderen Worten: Es handelt sich zwar weder um eine bösartige Entartung noch um ein Vorstadium von Leukämie, wie die Forscher betonen. Aber natürlich könne niemand ausschließen, daß sich die erneuerten Blutstammzellen eines Tages ungehemmt vermehren. Die Wissenschaftler haben deshalb den Genvektor inzwischen weiter modizifiert. Satt zwei Steuerelementen - Promotoren - enthält der Vektor nur noch einen Promotor. So will man bei den nächsten Therapieversuchen sicherstellen, daß andere Gene im Erbgut noch weniger beeinflußt werden als bislang schon.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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