12.06.2009 · Holländische Männer sind inzwischen acht Zentimeter länger als deutsche - warum? Und weshalb schrumpfen die Amerikaner? Spekuliert wird neuerdings über die Kost und mütterliche Zuneigung.
Von Hildegard KaulenDie meisten Europäer wachsen nicht mehr so schnell über die Köpfe ihrer Vorfahren hinweg wie früher. Der innerhalb von zehn Jahren erreichte Größenzuwachs liegt heute bei weniger als einem Zentimeter. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts waren noch zwei Zentimeter pro Dekade üblich.
Unter den Europäern erreichen die Holländer die stattlichsten Maße. Die durchschnittliche Größe eines dort ansässigen Mannes liegt heute bei 184 Zentimetern. Sie ist in den letzten 150 Jahren um neunzehn Zentimeter gestiegen. Deutsche Männer werden im Schnitt 1,80 Meter groß. Während der deutschen Nachkriegsgeschichte gab es sichtliche Unterschiede zwischen Ost und West. So geht aus den Musterungsunterlagen hervor, dass die Rekruten des Geburtsjahrgangs 1971 in der DDR rund 2,3 Zentimeter kleiner waren als die Wehrpflichtigen im Westen Deutschlands. Seit der Wiedervereinigung hat sich dieser Unterschied nivelliert.
Merkwürdige Kurven
In den Vereinigten Staaten ist ein gegenläufiger Trend im Gang. Dort schrumpfen die Menschen wieder. Während die 20 bis 29 Jahre alten Amerikaner vor 150 Jahren noch rund sieben Zentimeter größer waren als die Europäer, sind sie heute sechs bis sieben Zentimeter kleiner. Eine interessante Entwicklung gab es auch in Japan. Zwischen 1950 und 1960 nahm die Größe der Vierzehnjährigen gegenüber der Vorgängergeneration um acht Zentimeter zu. Seit diesem Rekordzuwachs hat sich die Entwicklung wieder abgeschwächt. Heute entspricht der dort erreichte Größenzuwachs pro Dekade dem in Europa üblichen Wert von unter einem Zentimeter.
Bettina Gohlke und Joachim Wölfle vom Zentrum für Kinderheilkunde der Universität Bonn, die diese Zahlen für das "Deutsche Ärzteblatt" (Bd. 106, S. 377) zusammengetragen haben, halten sich allerdings mit Schlussfolgerungen zurück. Es ist nicht klar, ob die Abflachung beim Größenzuwachs in Europa und Japan und das Schrumpfen der Körpergröße in den Vereinigten Staaten auf einen Endpunkt beim Längenwachstum hindeuten oder ob sie lediglich Ausdruck eines kurzfristigen Innehaltens sind und die Maße bald wieder stärker steigen werden.
Auf die ersten zwei Lebensjahre kommt es an
Mit dem Zuwachs an Körpergröße hat sich während des letzten Jahrhunderts auch der Beginn der Pubertät um vier Jahre nach vorne verschoben. Im neunzehnten Jahrhundert setzte die Regelblutung bei den Mädchen mit 17 Jahren ein, heute ist für die erste Regelblutung ein Alter von 12,8 Jahren üblich. Dieser Zeitpunkt hat sich allerdings seit 1960 nicht mehr verändert.
Bettina Gohlke und Joachim Wölfle verweisen in ihren Ausführungen auch darauf, dass der Zuwachs zur Endgröße in den ersten beiden Lebensjahren erworben wird. In diesem Zeitraum wird der Nettogewinn erzielt. Wer mit zwei Jahren groß ist, wird es auch als Erwachsener sein. Der im Vergleich zu früheren Generationen größere Wachstumsschub in der Pubertät führt lediglich dazu, dass die endgültige Körpergröße früher erreicht wird. Er ist kein Beitrag zum Nettogewinn. Die durchschnittliche Länge neugeborener Kinder ist über alle Kulturen hinweg konstant geblieben. Die Geburtsmaße haben also offensichtlich wenig mit der endgültigen Höhe zu tun.
Genetische Faktoren können nicht ausschlaggebend sein
Im "Ärzteblatt" werden auch mögliche Ursachen für den Größenzuwachs genannt. Es bestehe zwar, so Gohlke und Wölfle, eine Korrelation zwischen dem Wuchs der Eltern und dem der Kinder, trotzdem könnten nicht allein genetische Faktoren verantwortlich gemacht werden. Veränderungen im Genpool seien träge Prozesse. Außerdem gebe es keinen Selektionsdruck für eine größere Körperlänge, weil damit kein Reproduktionsvorteil verbunden sei.
Männer ohne Kinder seien nicht kleiner als Männer mit Kindern, auch wenn eine frühere Studie dies nahezulegen versuchte. Empirisch sei eine solche These nicht zu stützen. Auch die Ernährung könne nicht die alleinige Ursache sein. Unterernährung sei zwar ein Grund für Minderwuchs, spiele aber in den Industrienationen keine nennenswerte Rolle. Trotzdem gebe es in diesen Ländern deutliche Unterschiede zwischen den Körpergrößen, wie das Beispiel Holland und Deutschland zeige.
Offene Fragen und Spekulationen
Statt der Nahrungsmenge könne daher deren Qualität von Belang sein. Eine protein- und kalziumreiche Diät fördere das Wachstum eher als eine protein- und kalziumarme Kost. Die sozioökonomischen Bedingungen können nach Ansicht Gohlkes und Wölfles den Zuwachs beim Längenwachstum über die Zeit nicht erklären. Die Vereinigten Staaten haben zwar das weltweit höchste Pro-Kopf-Einkommen, trotzdem schrumpfen die Menschen dort wieder. Es müsse also noch andere Faktoren geben, die auf die genetisch festgelegte Körpergröße wirken und sie verändern, so die beiden Ärzte.
Aktuellen Studien zufolge könnte dies zum Beispiel die mütterliche Zuwendung sein. Der Einfluss der Mutter könnte die beweglichen Markierungen im Erbgut so verändern, dass wachstumsrelevante Gene stärker abgelesen werden. Ein solcher Zusammenhang sei allerdings derzeit rein spekulativ.
Auf weitere Ergenisse bin ich wirklich gespannt
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 12.06.2009, 14:46 Uhr
Migrationseinflüsse?
Carsten Balleier (balleier)
- 12.06.2009, 15:00 Uhr
Die hakt etwas gewaltig!
Shora Fix (shorafix)
- 12.06.2009, 22:32 Uhr
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