06.04.2004 · Stammzellforscher Schöler löst das Rätsel der toten Embryonen - Das Wohl und Wehe der geklonten Embryonen läßt sich in der Kulturschale gezielt steuern.
Von Joachim Müller-JungNordrhein-Westfalen ist, wenn es um die Stammzellforschung und um die darauf aufbauende regenerative Medizin geht, eine der ersten Adressen im Land. Das weiß spätestens seit dem Wochenende auch Ministerpräsident Peer Steinbrück, der die Eröffnung des Jahreskongresses des inzwischen weithin bekannten "Stammzell-Netzwerks Nordrhein-Westfalen" in Bad Godesberg nutzte, einen der ganz großen Forscher auf diesem Feld in der Mitte der deutschen Wissenschaftlergemeinde zu würdigen.
Hans Schöler, der mit der Züchtung von Eizellen aus embryonalen Stammzellen der Maus weltweit berühmt geworden ist, hat an diesem Tag, dem 1. April, offiziell seine Stelle als Direktor des neuen Max-Planck-Instituts für Molekulare Biomedizin in Münster angetreten. Schon vor vielen Monaten hatte er sich entschlossen, der University of Pennsylvania den Rücken zu kehren und seine Stammzellforschung allen politischen Auseinandersetzungen zum Trotz hier fortzuführen. Nicht nur das: Schöler hatte sich, als er noch in den Vereinigten Staaten tätig war, dazu entschlossen, die deutsche Debatte mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz zu bereichern.
Der wissenschaftliche Star
Er begann, mehr oder weniger regelmäßige Reisen nach Berlin zu unternehmen und die christdemokratische Bundestagsfraktion in Fragen der Stammzellforschung und des Klonens zu beraten. Die Politiker ihrerseits lernten Schölers biopolitisches Engagement und seine weltanschauliche Neutralität zu schätzen, parteiübergreifend sogar. Und so war der ausgesprochen herzliche Willkommensgruß, den nun Steinbrück in Bonn seinem neuen wissenschaftlichen Star zuteil werden ließ, auch nicht etwa durch parteitaktisches Kalkül getrübt.
Nicht ganz ungetrübt in ihren Hoffnungen aber werden all jene den darauf folgenden Vortrag Schölers verfolgt haben, die sich von ihm ein klares und unmißverständliches Bekenntnis zur offiziellen deutschen Stammzell- und Klonpolitik erwartet hatten. Insbesondere was die politisch korrekte Ablehnung des sogenannten therapeutischen Klonens betrifft. Schon früher hatte der Schüler des derzeitigen Max-Planck-Präsidenten, Peter Gruss, erkennen lassen, daß er gegen Experimente zum sogenannten therapeutischen Klonen grundsätzlich nichts einzuwenden habe, diese aber bei einer manifesten Ächtung durch die Gesellschaft - wie in Deutschland - selbstverständlich nicht selbst vorantreiben werde. An dieser Haltung hat sich nichts geändert.
Politische Weggefährten überfordert?
Daß er freilich die Forschung mit importierten embryonalen Stammzellen des Menschen anstrebt und dies in Bonn auch offiziell angekündigt hat, wird nicht nur die bioethischen Führungskräfte der christdemokratischen Bundestagsfraktion wurmen. Viel mehr noch dürfte die Kritiker der Embryonennutzung allerdings das wissenschaftliche Engagement des hochgeachteten Forschers in Sachen Klonen ärgern. Es könnte am Ende womöglich sogar die Toleranz seiner politischen Weggefährten überfordern und ihn am Ende zu einer tragischen Figur einer extrem polarisierten Biopolitik machen.
Tatsächlich hat es sich Schöler offenbar zur Aufgabe gemacht, dem therapeutischen Klonen den Ruch des Bösen zu nehmen, indem er es biologisch von dem auch für ihn moralisch untragbaren reproduktiven Klonen trennt. "Wir haben gute Hinweise dafür, daß das therapeutische Klonen nichtnotwendigerweise eine,slipperyslope' zum reproduktiven Klonen sein muß." Mit diesen Worten schloß er auf dem Stammzell-Kongreß in Bonn seinen wissenschaftlichen Vortrag, der schon wegen seiner Vorgeschichte bemerkenswert ist. Denn dieser basierte zum überwiegenden Teil auf einer Veröffentlichung von ihm selbst, seinem ehemaligen Mitarbeiter Michele Boiani und anderen Stammzellforschern, die aus dem vorigen Jahr datiert ("EMBO Journal", Bd. 22, S. 5304) und kaum Beachtung gefunden hatte.
Reprogrammierfehler im Erbmaterial
Schöler und seine Gruppe hatten seinerzeit die bei geklonten Mäusen fehlerhafte Reprogrammierung des genetischen Materials näher untersucht. Ihr Augenmerk lag auf dem sogenannten Oct4- Gen - einer Anlage, die für die "Pluripotenz" und damit die Wandlungsfähigkeit einer Stammzelle eine Schlüsselstellung einnimmt. Vielfach hatten Schöler und andere Klonexperten vorher schon gezeigt, daß die Aktivierung dieses Gens kurze Zeit nach der Übertragung des Spenderkerns in die Eizelle und den ersten Zellteilungen fehlerhaft, ja geradezu chaotisch verläuft. Nur ein Drittel der Zellen in einem Klonembryonen spult das Programm fehlerlos ab.
Solche Reprogrammierfehler im Erbmaterial des Klons betreffen zwar keineswegs nur dieses Gen, aber für die Forscher ist es so etwas wie ein Indikator für die biologische Integrität der heranreifenden Zellen. Die stochastischen Reprogrammierfehler werden schließlich auch dafür verantwortlich gemacht, daß das Klonen von Tieren - und Mensch - so ineffizient, nachgerade desaströs abläuft. Schöler und Boiani hatten nun Experimente unternommen, die Reprogrammierungsfehler zu kompensieren. Sie hatten vermutet, daß die Fehler womöglich mit der bei geklonten Embryonen beobachteten deutlich geringeren Zahl an Zellen zusammenhängen. So addierten sie kurzerhand in der Petrischale zwei oder drei geklonte Mausembryonen in einem sehr frühen Stadium, dem Vierzellstadium.
Zu diesem Zeitpunkt hat die Aktivierung des Oct4-Gens und vermutlich vieler anderer Erbanlagen im transplantierten Kern noch nicht begonnen. Das Ergebnis war frappierend: Die Klonaggregate mündeten bei der Anzucht in der Petrischale nicht nur in einer weitgehend normalisierten Zellzahl. Viel wichtiger war, daß sich die Überlebenschancen der daraus entstehenden Klonembryonen auch gewaltig, um das Achtfache, steigerten. Die Embryoaggregate erleichterten die korrekte Aktivierung des Oct4-Gens zur rechten Zeit, am richtigen Ort und in der richtigen Menge - und offenkundig nicht nur dieses speziellen Gens. Schöler und seine Gruppe hatten ein Erfolgsrezept für das reproduktive Klonen gefunden.
Der biochemische Cocktail
Wenn nur solche extremen Kunstgriffe das reproduktive Klonen möglich machen, so kann man wie Schöler argumentieren, dann könnte das aber auch bedeuten, daß man durch entsprechende biologische Schranken den Weg vom therapeutischen zum reproduktiven Klonen verbaut. Schon seit längerem denkt der Forscher darüber nach, die für das Klonen verwendeten Eizellen genetisch so zu manipulieren, daß sich die nach der Kernübertragung entstehende Blastozyste zwar für die Gewinnung von embryonalen Stammzellen eignet, die Weiterentwicklung des Embryos aber biologisch blockiert wird - ihm das Potential zum ganzen Menschen genommen wird. Ein Eingriff nach Art der "Terminatortechnik" freilich, den viele moralisch für nicht weniger bedenklich halten als die Embryonennutzung selbst.
In Bonn nun präsentierte Schöler auch die jüngste, noch unveröffentlichte Arbeit seines Mitarbeiters Luca Gentile, die auf eine nicht weniger wirkungsvolle biologische Schranke zum reproduktiven Klonen hindeutet. Gentile hat untersucht, welche Rolle die Zusammensetzung der Nährmedien in den Petrischalen für die Entwicklungschancen des wachsenden Embryos spielt. Und in der Tat: Von dem biochemischen Cocktail in der Kultur hängt offenbar das Wohl und Wehe der geklonten Embryonen im Laufe ihrer Entwicklung entscheidend ab. Auf diese Weise könnte man eines Tages die Entwicklungschancen eines Klonembryos gezielt so steuern, daß er realistische Entwicklungschancen allenfalls bis zum Stadium der Blastozyste besitzt. Stammzellen für die Zucht von Ersatzorganen lassen sich dann möglicherweise noch gewinnen. Die Chance zum Personsein hätte er nie gehabt.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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