Langsam führt Lillemor ihr Händchen zum Kinn und tippt es kurz mit den Fingerspitzen an. Dann schiebt sie ihre Hand schnell wieder vom Gesicht weg. In der anderen Hand rasselt das Spielzeug. Im Gesicht ihrer Mutter macht sich Zufriedenheit breit. Endlich, eine Geste, ein Danke! „Lillemor ist die beste Werbung für mich“, sagt die Mutter des 17 Monate alten Mädchens.
Manuela Steen gibt Kurse für Babyzeichensprache. Sie will, sagt sie, Müttern die Chance geben, mit ihren Babys zu kommunizieren, bevor diese überhaupt sprechen können. Solange die Kleinen noch keine Wörter über die Lippen bringen, soll der Austausch zwischen Eltern und Kleinkind über Handzeichen funktionieren. 75 unterschiedliche Gesten lernen die Mütter in dem Kurs, der 12 Wochen dauert.
Fuchtelnde Erwachsene
„Möchtest du den Bär, Victoria?“, fragt eine Kursteilnehmerin ihre 13 Monate alte Tochter. Während sie das Wort Bär spricht, winkelt sie die Arme eng am Körper an und rotiert mit den Unterarmen auf und ab. Der kleine Blondschopf schaut kurz auf, wendet sich dann aber den auf dem Boden verstreuten Blättern mit Liedtexten zu und grapscht hinein. Und Lillemor, das Vorzeigekind? Unentwegt läuft das Mädchen in die andere Ecke des Raumes, wo sie sich den Blicken der Gruppe entziehen kann. Dort scheint es noch Interessanteres zu geben als fuchtelnde Erwachsene.
Wenn die Kleinen bereits verstünden, welche entwicklungspsychologischen Sprünge ihnen das Gestikulieren einbringen soll, wären sie vielleicht etwas mehr bei der Sache. Denn glaubt man Vivian König, die ihre Babyschule namens „Zwergensprache“ 2004 ins Leben rief und mittlerweile nahezu bundesweit Kurse anbietet, so befördern die Gesten die frühkindliche Sprachentwicklung.
Mit acht Jahren noch im Vorteil
Um das zu belegen, verweisen Anhänger der Babyzeichensprache gerne auf Beobachtungen amerikanischer Psychologen aus den 1980er Jahren. Linda Acredolo und Susan Goodwyn, die heute als die Begründerinnen des sogenannten Baby Signings gelten, glaubten zeigen zu können, dass Gebärdenkommunikation den Spracherwerb deutlich voranbringt. Sie beobachteten 140 Familien mit anfangs 11 Monate alten Babys über einen Zeitraum von drei Jahren. Die eine Hälfte der Eltern lernte Babyzeichen. Sie sollten, wenn sie mit ihren Babys redeten, das Gesagte immer mit passenden Gesten unterstreichen. Die andere Elterngruppe verständigte sich jeweils nur verbal mit den Zöglingen.
Die „Baby Signs“ schienen die Sprachentwicklung der Kleinen regelrecht zu beschleunigen. Die hatten im Alter von 24 Monaten bereits das Sprachniveau von 28 Monate alten Kleinkindern erreicht. Im Alter von drei Jahren plapperten sie wie fast Vierjährige drauflos. Sogar noch bei Achtjährigen wollen die Forscherinnen die positiven Spuren der Zeichensprache nachgewiesen haben. Diese mit Gesten aufgewachsenen Kinder schnitten bei Intelligenztests im Durchnitt um zwölf Punktwerte besser ab als solche Achtjährige, die nur verbale Kommunikation erfahren hatten.
„Baby Sign Class“ ist in Amerika fast schon Pflicht
Das machte schnell Furore. Andere Psychologen nahmen sich des Themas an und brachten ähnliche Beobachtungen zutage. Inzwischen ist der Besuch einer „Baby Sign Class“ in den Vereinigten Staaten für engagierte Eltern fast schon Pflicht. Auch in Großbritannien ist Baby Signing in Mode. In Deutschland kündigt sich eine ähnliche Entwicklung an.
Doch die Wissenschaftler sind skeptisch. Tatsächlich sind die zahlreichen Studien zum Baby Signing methodisch fragwürdig. Das stellte Cyne Johnston von der University of Ottawa fest, als sie 2004 im Auftrag des Canadian Language and Literacy Research Network alle im Zeitraum von 1980 bis 2003 unternommenen Studien zum Baby Signing sichtete und auf ihre Aussagekraft hin prüfte. Von den 1208 Studien erfüllte keine die Kriterien, die eine wissenschaftlich fundierte Aussage erlaubt. Die spektakulären Resultate erklärten sich dadurch, dass bereits der Studienaufbau das Ergebnis vorherbestimmte. Anders gesagt: Die Studien wiesen erhebliche methodische Mängel auf.
Deutsche Wissenschaftler sind skeptisch
Doch selbst, wenn zukünftige Studien methodisch ausgefeilt angelegt wären - leicht nachzuweisen sind die vermeintlichen Erfolge des Baby Signings nicht. „Wenn Eltern Babyzeichen verwenden und dazu sprechen, kommunizieren sie mit ihrem Kind auf zwei unterschiedliche Arten“, sagt Kathy Hirsh-Pasek, Leiterin des Kindersprachlabors der Temple University in Philadelphia. Sind es die Zeichen oder ist es einfach nur das Mehr an Aufmerksamkeit, das eine obendrein gestikulierende Mutter ihrem Baby entgegenbringt? „Das können wir einfach nicht sagen“, meint die Psychologie-Professorin. Bislang gebe es nur wenige Studien darüber, wie stark unterschiedliche präverbale Formen von Kommunikation zwischen Eltern und Kind Einfluss auf die spätere Sprachentwicklung der Kleinen nehmen.
Fest steht unter Säuglingsforschern offenbar nur: Babys brauchen viel einfühlsame Aufmerksamkeit, um sich positiv zu entwickeln. „Da ist es nicht so wichtig, ob die Mutter mit ihrem Kind liebevoll kuschelt, lacht oder eben gebärdet“, sagt Mechthild Kiegelmann von der Universität Tübingen. Die Psychologin lehnt die Kurse deshalb keineswegs ab, wirft den Anbietern aber vor, die Eltern mit vollmundigen Versprechen zu ködern.
Eine neue Theorie zur Entstehung von Sprache
Viele Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass die nonverbalen Erfahrungen und interaktiven Fähigkeiten des Säuglings eine wichtige Auswirkung auf seine Entwicklung haben. Was dabei dem Sprechen am zuträglichsten ist, darüber wird viel spekuliert. Aber es mehren sich die Hinweise darauf, dass in der frühkindlichen Sprachentwicklung Gestik und Lautbildung in enger Verbindung zueinander stehen.
Ein Fingerzeig in diese Richtung war die Entdeckung der ersten Spiegelneuronen bei Affen. 1991 bemerkten Forscher aus Parma bei Affen Nervenzellen, die nicht nur dann feuerten, wenn der Makake selbst nach einer Erdnuss griff, sondern auch dann, wenn dieser einen Forscher nur dabei beobachtete, wie er die Nuss in die Hand nahm. Sogleich wollte man den sensationellen Fund auf den Menschen übertragen. Es zeigte sich, dass die Hirnregion des Affen, die für die Verarbeitung von Sprache verantwortlich ist, mit der des Menschen nahezu übereinstimmt. Auch dort fand man Neuronen, die sowohl an der Steuerung von Mund und Händen beteiligt sind und diese Bewegungen des Gegenübers spiegeln. Eine neue Theorie zur Entstehung von Sprache war geboren. Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma und Michael Arbib von der University of Southern Califorina formulierten die provokative These: Die menschliche Sprache hat sich aus der Gestik entwickelt.
Sprache entwickelt sich aus der Körpererfahrung
„Bildgebende Verfahren zeigen heute sehr deutlich, dass Handbewegungen und Sprache neuronal sehr ähnlich verarbeitet werden“, sagt Ferdinand Binkofski, Leiter der neurologischen Abteilung der Universitätsklinik Schleswig-Holstein, der einige Jahre mit Rizzolatti gearbeitet hat. Die Bilder vom Gehirn bestärken die Vertreter des sogenannten „Embodiment“. Diese Theorie geht davon aus, das sich kognitive Fähigkeiten, wie etwa Sprache, aus Körpererfahrungen entwickeln, die in unserem Gehirn repräsentiert sind.
Eine Anhängerin der Embodiment-Theorie ist Jana Iverson von der University of Pittsburgh. Die Entwicklungspsychologin ist davon überzeugt, dass Babys über das frühe Zusammenspiel von Hand- und Mundbewegungen die Fähigkeit zum späteren Sprechen erwerben. Als Beispiel nennt die Forscherin die rhythmischen Bewegungen der Arme und Hände, die bei Babys in der Regel ab dem sechsten Lebensmonat zu beobachten sind. Zu dieser Zeit beginnen die Kleinen zudem, verbal ähnlich rhythmisch zu brabbeln. „Erste Studien zeigen, dass die Handbewegungen und Sprechlaute der Babys häufig sogar im Rhythmus übereinstimmen“, sagt Iverson. Solche Beobachtungen nutzen Säuglingsforscher, aber auch Kinderärzte, um entlang der gestischen Fähigkeiten des Kleinkindes seine geistige Entwicklung einzuschätzen.
Der Fingerzeig: ein Meilenstein
Einer Geste scheint dabei eine ganz besondere Bedeutung zuzukommen: dem Fingerzeig. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leizpig konzentrieren sich seit einiger Zeit auf diese zunächst sehr simpel erscheinende und für Kleinkinder typische Geste. Die Forscher haben beobachtet, dass Babys meist im Alter von etwa 12 Monaten beginnen, mit dem Zeigefinger auf Gegenstände zu deuten. Vorher greifen die Kleinen gezielt nach Dingen in ihrer Umgebung.
„Der Fingerzeig markiert einen äußerst komplexen kognitiven Entwicklungsschritt, der soziale Kommunikation erst möglich macht“, sagt Ulf Liszkowski. Wenn ein Kind auf etwas zeige, dann verberge sich dahinter nicht nur eine Aufforderung, etwa „Gib mir den Ball!“. Darin spiegele sich meist eine soziale Intention, wie etwa „Schau, ein Baum!“. Nun wissen die Kleinen, dass sie ihre Wahrnehmung mit anderen teilen können - eine wichtige Voraussetzung für zwischenmenschliche Kommunikation. „Man hat sogar herausgefunden, dass Kinder häufig kurz nach dem ersten Fingerzeig ihr erstes Wort sprechen“, sagt Liszkowski. Gerade mal kognitiv bereit, mit anderen zu kommunizieren, produzieren die Kleinen auch schon die ersten mit Bedeutung belegten Äußerungen. Der Kleinkindforscher beweifelt deshalb, dass es sinnvoll ist, Babys schon mit sechs Monaten Handzeichen beizubringen, wie es Kursanbieter empfehlen.
„Das merken wir auch so“
Und später? „Es gibt gute praktische Erfahrung mit Down-Syndrom-Kindern, deren Sprachstörungen sich mit Hilfe von Gebärdensprache deutlich bessern“, sagt Mechthild Kiegelmann. Aber macht das Handtraining deshalb gleich gesunde Kinder redegewandter? Darauf gibt es bislang keine wissenschaftliche Antwort.
Sicher scheint: Die Fingerübungen nehmen vor allem den Eltern den Frust. Warum schreit mein Kind bloß? Hat es Hunger oder ist seine Windel voll?, fragt sich Victorias Mutter. Das Zeichen für Milch konnte die Kleine schon früh. Ob das Höschen voll ist, vermag sie der Mutter noch nicht zu signalisieren. „Macht nichts“, sagt die, „das merken wir auch so.“
Zeichensprache hilft auf alle Fälle in den Monaten vor der Lautsprache
Martin Klocke (mampo)
- 19.02.2008, 10:17 Uhr
Sprache gepaart mit Gesten unterstützt Kinder beim Lernen
Luise Huber-Böhm (LuiseHB)
- 20.02.2008, 15:13 Uhr
