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Anthropologie Vetter aus uralten Zeiten

03.11.2008 ·  Anthropologen gelingen mittlerweile erstaunliche Einsichten in die Geschichte von menschlichen Populationen: Ob das nun die Wanderungsbewegungen der alten Phönizier, die Nachfahren der Etrusker oder auch des Tiroler Gletschermanns Ötzi sind.

Von Georg Rüschemeyer
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Genealogie, die Suche nach den eigenen Vorfahren, ist in den vergangenen Jahren zum Volkssport geworden. Anstatt mühsam alte Melderegister und Kirchenbücher zu wälzen, kann man heute im Internet nach Ahnen und entfernten Verwandten fahnden. Doch spätestens in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges versiegen auch dort die meisten Quellen zur Rekonstruktion eines Stammbaums.

Abhilfe versprechen inzwischen Biotech-Firmen, die dem Interessierten für drei- bis vierstellige Eurobeträge eine Analyse seines Erbguts anbieten. Dafür untersuchen sie zum Beispiel die DNA des männlichen Y-Chromosoms, die praktisch unverändert vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Für Aussagen über die mütterliche Linie eignet sich dagegen das Erbgut der Mitochondrien, winziger Organellen, die den Energiehaushalt der Zelle regeln und nur von der Mutter vererbt werden.

Gentest im großen Stil

In diese sonst weitgehend unveränderlichen Teile des menschlichen Erbguts schleichen sich immer wieder Mutationen ein. So entstand im Laufe der Menschwerdung eine Vielzahl sogenannter Haplogruppen, die sich jeweils durch ein identisches Muster der angesammelten Mutationen auszeichnen. In eben diese Gruppen ordnen die kommerziellen Gentester den Kunden ein. Die Aussagen, die sich damit machen lassen, begeistern aber wohl nur echte Hardcore-Genealogen: Mitglieder der mitochondrialen Haplogruppe K etwa erfahren nicht viel mehr, als dass sie sich in der Gesellschaft von rund drei Millionen Menschen befinden und vermutlich mitteleuropäische Wurzeln haben.

Während die Erbgutanalyse für reine Hobbyzwecke also eher unbefriedigende Ergebnisse liefert, sind ihre Resultate für Anthropologen umso interessanter. Ausgesprochen ehrgeizig ist das von National Geographic und IBM finanzierte "Genographic Project", das mit Hilfe von Gentests an Hunderttausenden von Freiwilligen aus aller Welt die großen Wanderungsbewegungen der Menschheitsgeschichte rekonstruieren will. In der Novemberausgabe des American Journal of Human Genetics berichten Forscher des Konsortiums nun von ihren Bemühungen, das Schicksal der Phönizier zu klären, eines antiken Seefahrervolkes des Nahen Ostens, das nach seiner Blütezeit vor rund 3000 Jahren praktisch spurlos verschwand. Die Forscher analysierten dazu die DNA des Y-Chromosoms von 1330 Männern aus Orten mit archäologisch belegter phönizischer Vergangenheit und verglichen diese mit Literaturdaten aus anderen Gebieten. Sie identifizierten ein typisch phönizisches Mutationsmuster, das heute noch bei mindestens sechs Prozent der an den ehemals phönizischen Orten lebenden Männer zu finden sei.

Rückgriff auf „alte DNA“

Wesentlich klarere Aussagen über den Verbleib eines alten Volkes lassen sich machen, wenn neben dem Genmaterial möglicher Nachkommen auch originale DNA-Sequenzen der Ahnen vorliegen. Inzwischen gelingt die Isolierung solcher "alten DNA" sogar für die ganz graue Vorzeit: Forscher des Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie präsentierten im August im Fachblatt Cell die komplette Sequenz des mitochondrialen Genoms des Neandertalers, die sie aus DNA-Resten in mehr als 30 000 Jahre alten Knochen rekonstruiert hatten.

Regelrecht jung erscheinen da die rund 2500 Jahre alten Knochen aus etruskischen Gräbern, aus denen italienische Forscher ansehnliche Mengen DNA isolieren konnten. Die Analyse ergab vor zwei Jahren Erstaunliches: Offenbar sind die heutigen Bewohner der Toskana, anders als sie selbst es gern behaupten, keine direkten Nachfahren der Etrusker.

Ahnen aus der Bronzezeit

In seltenen Ausnahmefällen lassen sich mit Hilfe alter DNA sogar doch direkte Verbindungen von lebenden Menschen zu ihren Altvorderen herstellen. Dies gelang zuletzt Anthropologen der Universität Göttingen, in deren Kühlräumen die Knochen von vierzig bronzezeitlichen Menschen lagern, die 1980 in der Harzer Lichtensteinhöhle gefunden wurden. Nachdem die Analyse des in der kühlen Höhle hervorragend konservierten Erbguts gezeigt hatte, dass die dort vor rund 3000 Jahren beigesetzten Frauen, Männer und Kinder einem großen Familienclan angehört hatten, gingen die Forscher 2007 an die Öffentlichkeit, um nach heute lebenden Nachfahren der Höhlenmenschen zu suchen. 273 Bewohner der umliegenden Dörfer folgten dem Aufruf und ließen sich mit einem Wattestäbchen eine Probe aus der Mundschleimhaut entnehmen. "Tatsächlich fanden wir zwei Männer, deren Y-Chromosom die gleiche, bisher unbekannte Kombination genetischer Marker besitzt, wie wir sie bei zwei männlichen Skeletten aus der Lichtensteinhöhle nachgewiesen haben", sagt Susanne Hummel, die Leiterin des Projekts. "Es gibt zwar minimale Abweichungen zwischen den alten und neuen Gensequenzen, diese entsprechen aber genau der Rate spontaner Mutationen, wie man sie nach 3000 Jahren erwarten würde."

Der Berufsschullehrer Manfred Huchthausen aus dem Dorf Förste und der Landvermesser Uwe Lange aus Nienstedt entstammten deshalb mit größter Wahrscheinlichkeit derselben männlichen Linie wie die beiden Bronzezeitmenschen - ob nun als direkte Nachkommen oder Großcousins bleibt jedoch offen. Noch sind Hummels Daten allerdings nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Erst dann aber wird sich zeigen, ob auch andere Wissenschaftler die neugefundenen Familienbande für plausibel halten.

Ötzis Nackommen

Ebenso schwer zu bewerten sind vorerst die jüngsten Neuigkeiten über den Tiroler Gletschermann Ötzi. Am Donnerstag veröffentlichte ein italienisches Team um Franco Rollo von der Universität Camerino die Ergebnisse der ersten kompletten Sequenzierung des mitochondrialen Genoms der 5300 Jahre alten Eismumie, die 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden worden war. Die Daten bestätigen eine zwei Jahre zurückliegende Studie, nach der Ötzi zwar der europäischen Haplogruppe K1 angehört, sich aber in keine der drei heute noch existierenden Untergruppen einordnen lässt.

In den Medien wurde diese Nachricht umgehend unter der Überschrift "Ötzi hat keine lebenden Nachfahren" verbreitet. "Das ist eine gleich mehrfach falsche Deutung der durchaus vorsichtig formulierten Studie", meint der Biostatistiker Vincent Macaulay von der Universität Glasgow. Zunächst einmal, weil Ötzis mögliche Kinder ihre mtDNA ohnehin ausschließlich von dessen Partnerin und nicht von ihm selbst geerbt hätten. Zudem erlaubten die Daten keinerlei Aussage über das Schicksal von Ötzis restlichem Genom, von dem sich durchaus noch stark verdünnte Reste im Erbgut heutiger Menschen befinden könnten. Vor allem aber enthalten die Datenbanken, die Rollo zum Vergleich dienten, bisher nur Sequenzen von 115 Angehörigen der Haplogruppe K. Nicht wirklich genug für klare Aussagen, meint der Paläogenetiker Michael Hofreiter vom Leipziger Max-Planck-Institut: "Ich halte es für unplausibel, dass eine ganze Sub-Haplogruppe in 5000 Jahren ausgestorben sein soll, während die menschliche Bevölkerung ständig gewachsen ist."

Inzwischen behauptet der Australier Alan Cooper von der Universität Adelaide, er habe eine Studie zur Veröffentlichung eingereicht, die neben einer unabhängig erstellten mtDNA-Sequenz von Ötzi auch die "sehr, sehr ähnliche" Sequenz eines lebenden Menschen präsentiert. Woher dieser Mensch stammen soll, ist noch unklar - Cooper war am Samstag für weitere Auskünfte nicht erreichbar.

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