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Anthropologie Die Halblinge von Liang Bua

31.10.2004 ·  Auf einer indonesischen Insel wurden Reste einer zwergenhaften Menschenart gefunden. Eine Sensation mit kleinen Fragezeichen.

Von Ulf von Rauchhaupt
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Spektakuläre Neuigkeiten aus der Paläoanthropologie sind mit Vorsicht zu genießen. Schon so mancher alte Knochen stellte sich am Ende als etwas anderes heraus, als zunächst gedacht - oder sorgt bis heute für Zwist in der Forscherzunft. Kein Wunder, die Wissenschaft von den Kreaturen entlang des evolutionären Weges vom Tier zum Menschen muß ihre Hypothesen oft an äußerst dürftigem Datenmaterial entwickeln.

Das gilt zunächst auch für den Fund, der am Donnerstag in der Zeitschift Nature von einem australisch-indonesischen Team um den Archäologen Michael Morwood und den Anthropologen Peter Brown vorgestellt wurde. Darin geht es um das Skelett eines (vermutlich weiblichen) Zweibeiners sowie einen Zahn eines weiteren Individuums. Die Gebeine kamen vergangenen September in der Höhle Liang Bua auf der indonesischen Insel Flores zutage - zusammen mit Steinwerkzeugen und Resten von Tieren, die offenbar mit solchen Instrumenten erjagt worden waren.

Zwerge von Flores waren Zeitgenossen der Menschen

Die Wesen waren keine Menschen wie wir, sondern eher Halblinge, altsteinzeitliche Hobbits mit einer Körpergröße von höchstens einem Meter - so groß wie bei uns ein dreijähriges Kind. Daher ordnen die Entdecker den Fund einer neuen Art zu, die sie Homo floresiensis tauften. Nun ist die Einführung neuer Frühmenschenarten nichts Ungewöhnliches. Im Zuge immer neuer Funde in Afrika, wo die Primatenfamilie der Hominiden bis vor 1,6 Millionen Jahren ausschließlich vorkam, ist es inzwischen zu einer wahren Flut an neuen Art- und Gattungsnamen gekommen.

Die Knochen von Liang Bua stammen aber weder aus Afrika noch aus der Zeit der Morgendämmerung des Menschen. Kohlenstoff-14-Analysen von Holzkohleresten bei dem Skelett ergaben ein Alter von nur 18000 Jahren. Die Zwerge von Flores waren demnach Zeitgenossen der Menschen, die in Europa damals bereits Höhlen ausmalten und Tonfigürchen formten. Dabei wies bisher alles darauf hin, daß unsere Art seit dem Verschwinden des Neandertalers vor spätestens 25000 Jahren die einzige Hominidenart ist. Andererseits ist die Idee nicht neu, in Südostasien könnte ebenfalls eine andere Seitenlinie der Hominiden bis in die Zeit des Homo sapiens überlebt haben.

Zwischen 30000 und 100000 Jahre alt

Doch bei entsprechenden Funden auf Java, die nur 30000 Jahre alt sein könnten, ist die Zuordnung wie die Datierung umstritten. Letztere ist auch der Schwachpunkt der Nature-Veröffentlichung.
Denn das Skelett selber ist bisher undatiert. „Die Holzkohlen können Reste späterer Wurzeln sein. So etwas ist in tropischen Höhlen häufig“, sagt der Tübinger Frühgeschichtler Hansjürgen Müller-Beck. Ohne die Kohle blieben nur die Lumineszenz-Datierungen von Mineralen in der Fundschicht. Und die sind ungenau. „Das Skelett wäre dann irgendwo zwischen 30000 und 100000 Jahre alt“, schätzt Müller-Beck. Homo floresiensis hätte dann vor dem Neandertaler die Bühne verlassen.

Das mindert den Sensationswert für jene, die nun darüber phantasieren, die Zwerge könnten noch bis in historische Zeit oder gar bis heute irgendwo überlebt haben. An der wissenschaftlichen Bedeutung ändert die Datierungsfrage dagegen wenig. „Selbst wenn die Datierung um Größenordnungen zu jung ist, macht das kaum einen Unterschied“, sagt Tim White von der University of California in Berkeley. „Wie alt diese Art auch ist: Sie war bisher unbekannt.“
Tatsächlich scheint die Interpretation der Knochen überzeugend. „Das Skelett stammt zweifellos von einer Erwachsenen“, sagt Fred Smith von der Loyola University in Chicago, „und es gibt auch keine Hinweise auf Mißbildungen.“

Hobbit-Dame ähnelt einem Homo erectus

Zudem haben die Entdecker in Interviews angegeben, in der Liang Bua inzwischen auf weitere Zwergenskelette gestoßen zu sein. Es sind die kleinsten der Gattung Homo, die je gefunden wurden. Ihre Statur erinnert eher an Australopithecus, eine Gattung, zu der auch die berühmte „Lucy“ gehört, die vor 3,5 Millionen Jahren in Afrika lebte. Doch in Knochenformen und Gebiß ähnelt die Hobbit-Dame von Flores eher einem Homo erectus. Diese Frühmenschenart war die erste, die Afrika verließ und sich vor 1,6 bis 0,8 Millionen Jahren über Eurasien bis nach Indonesien ausbreitete.

Brown und seine Kollegen sehen in den Halblingen daher eine Schrumpfversion des Homo erectus. Ihrer Ansicht nach hat man es mit einem evolutionären Phänomen zu tun, das als „island dwarfing“ von Tieren bekannt ist: Werden Populationen auf Inseln ohne Raubtiere, aber mit beschränktem Nahrungsangebot isoliert, dann ist eine kleinere Statur ein evolutionärer Vorteil, der zu rascher Verzwergung führen kann. Auf Sizilien und Malta hat man Fossilien von Elefanten gefunden, die ähnlich winzig waren wie die Floresianer und sich in weniger als 5000 Jahren aus viermal so großen Vorfahren entwickelt haben dürften. Homo floresiensis wäre das erste echte Beispiel für dieses Phänomen beim Menschen.

Auch Gehirn von Verzwergung betroffen

Denn anders als etwa bei heutigen Pygmänen ist beim Flores-Menschen auch das Gehirn von der Verzwergung betroffen. Sein Denkorgan war - im Verhältnis zum Körper - kleiner als das eines Schimpansen oder eines Delphins. Dennoch stellte er Steinwerkzeuge her und jagte Tiere, die größer waren als er selbst - vorausgesetzt die Steine gehören zu den Knochen.
Doch das ist alles andere als sicher. „Die Fundschichten lassen erkennen, daß die Höhle damals gelegentlich überschwemmt wurde“, bemerkt Gerd-Christian Weniger, der Direktor des Neanderthal-Museums in Mettmann. Und dabei könnten Stücke aus verschiedenen Zeiten durcheinandergeraten sein.

Die Steinwerkzeuge könnten daher auch Werke großhirniger Wesen wie dem Homo sapiens sein, der in Südostasien vor mindestens 40000 Jahren eintraf. Die Frage des Fundkontextes ist nur durch weitere Ausgrabungen zu klären. Hilfreich wäre es natürlich, wenn man auch anderswo auf Flores auf Überreste des kleinen Volkes samt Steinwerkzeugen stieße. Eine restlose Sicherheit gäbe es aber auch dann nicht, glaubt Friedemann Schrenk vom Forschungsinsitut des Frankfurter Senckenberg-Museums: „Dazu müßten wir schon ein Skelett finden, das einen Faustkeil in der Hand hält.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.10.2004, Nr. 44 / Seite 67
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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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