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Anthropologie An unserer Wiege in Afrika

Bis heute sind sich die Forscher nicht vollkommen einig, wo unsere Vorfahren gelebt haben. Amerikanische Forscher haben in der Afar-Region in Äthiopien die mindestens 160.000 Jahre alten Überreste von "beinahe" modernen Menschen gefunden.

© Tim White /Nature Vergrößern Eine Zeitenfolge, die auf unsere Herkunft verweist.

Der moderne Mensch hat viele geistige Leistungen vollbracht, doch gelegentlich ist er auch in seine Schranken verwiesen worden. So sind sich die Forscher bis heute nicht vollkommen einig, wo unsere Vorfahren gelebt haben. Zwar geben die meisten von ihnen Afrika als die einzige Herkunftsregion des modernen Menschen an. Aber eine Minderheit ist weiterhin davon überzeugt, daß sich die anatomischen Merkmale des Homo sapiens sapiens in verschiedenen Regionen der Erde unabhängig voneinander entwickelt haben. Die "Out of Africa"-These, nach der Adam und Eva Afrikaner waren, hat nun eine weitere Stütze bekommen. Eine Gruppe von Forschern um Tim White von der University of California in Berkeley beschreibt in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift "Nature" die fossilen Überreste eines "beinahe" modernen Menschen, die sie im Jahr 1997 in der Nähe der Ortschaft Herto in der Afar-Region (Äthiopien) entdeckt hat.

Der afrikanische Ursprung des modernen Menschen wird vor allem genetisch begründet. Analysen der Mitochondrien-DNS in Fossilien haben unter anderem gezeigt, daß der Homo erectus und der Homo heidelbergensis nichts zum Genom des heutigen Menschen beitragen. Vielmehr dürfte unsere Urmutter erst vor 140 000 bis 290 000 Jahren gelebt haben. Für Afrika als ihre Heimat spricht, daß die genetischen Unterschiede zwischen den heutigen Afrikanern größer sind als in anderen Bevölkerungsgruppen, was mit einer längeren Evolutionszeit erklärt wird. Diese Deutung wird allerdings nicht von allen Forschern akzeptiert, weil sie von zu vielen Unwägbarkeiten abhängt.

Die fossile Beweiskette ist ebenfalls umstritten, auch wenn sie in Afrika außerordentlich lang ist. Sie weist weit in die Vergangenheit zu Fundstücken zurück, die genetisch mit dem modernen Menschen noch nichts gemein hatten. Der Homo erectus wird in Afrika in seiner frühesten Form vom "Turkana Boy" aus Kenia repräsentiert, der 1,7 Millionen Jahre alt ist, und reicht bis zu dem eine Million Jahre alten Daka-Schädel aus Äthiopien. Jüngere Schädel wie der von Bodo, der etwa 600 000 Jahre alt ist, werden dem archaischen Homo sapiens zugerechnet. Vom frühen Homo sapiens in Afrika zeugen 130 000 bis 260 000 Jahre alte Fossilien, die im Süden, Osten und Norden des Kontinents gefunden wurden. Keiner der Überreste kann jedoch vollständig überzeugen. Denn entweder ist ihr Zustand so schlecht - beziehungsweise das Fundstück so klein -, daß eine genaue Einordnung nicht möglich ist, oder die Datierung bereitet Schwierigkeiten.

Die ältesten klar zuzuordnenden Fossilien des modernen Menschen, die man kennt, stammen von zwei Fundorten in Israel - Skhul und der Höhle von Qafzeh. Sie gehören zu Vorfahren, die vor etwa 115 000 Jahren gelebt haben. Die meisten Forscher sind sich einig, daß es deren "Enkel" waren, die sich nach Europa ausbreiteten. Den Nachweis des afrikanischen Ursprungs blieben die Forscher schuldig.

Mit dem neuen Fund scheint nun ein weiterer wichtiger Schritt zur Vollendung der Beweiskette gelungen zu sein. Dabei fing alles mit einer Zufallsentdeckung an. Am 16. November 1997 stieß Tim White östlich von Herto auf den Schädel eines Flußpferdes, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich Steinartefakte befanden. Elf Tage später spürten die Wissenschaftler in dem Areal auch frühmenschliche Fossilien auf.

Auf das aussagekräftigste Stück - den Schädel eines Erwachsenen, dem nur der Unterkiefer fehlt (BOU-VP-16/1) - ist der Doktorand David DeGusta von der University of California in Berkeley als erster aufmerksam geworden. Der türkische Paläontologe Cesur Pehlevan erspähte dann Stücke der Schädeldecke eines zweiten erwachsenen Individuums. Diese lagen bei Steinwerkzeugen und Knochen von Flußpferden, von denen jemand das Fleisch abgeschabt haben muß. Sechs Tage später entdeckte Berhane Asfaw vom Rift Valley Research Service in Addis Abeba schließlich Teile eines Kinderschädels. Außerdem traten Schädelstücke und einzelne Zähne von sieben weiteren Individuen zutage.

Der besonders gut erhaltene Erwachsenen-Schädel steckte noch im Sedimentgestein und mußte sorgfältig herauspräpariert werden. Aber auch die andern Fossilien erforderten eine sorgfältige Bearbeitung. Es hat drei Jahre in Anspruch genommen, die Stücke zu reinigen und zu restaurieren, bis die Forscher mit ihrer Analyse beginnen konnten. Bei der Datierung halfen ihnen Bimsstein- und Obsidianstücke in der Fundschicht, die sich als 160 000 Jahre alt erwiesen und für die Fossilien die obere Altersgrenze darstellen. Die unterste Grenze lieferte die Tuffschicht oberhalb der fraglichen Sedimente, die 154 000 Jahre alt ist.

Von den äußeren Merkmalen repräsentieren die Fossilien den modernen Menschen mit einigen Merkmalen des archaischen Homo sapiens. Die Wissenschaftler ordnen die Fundstücke einer neuen Subspezies "Homo sapiens idàltu" - der ältere Homo sapiens - zu, womit andere Forscher nicht einverstanden sind. Sie meinen, es sei ein eindeutig moderner Mensch mit einigen Merkmalen, wie sie auch bei einigen späteren Individuen aus Australasien bekannt seien.

Bei den Steinartefakten, die bei den Fossilien lagen, handelt es sich um Übergangsversionen zur Mittleren Steinzeit hin. Unter anderem scheinen sie dazu verwendet worden zu sein, die Schädel der Verstorbenen zu bearbeiten. Die fragmentarisch erhaltene Schädeldecke des Erwachsenen zum Beispiel ist mit einem Steinwerkzeug angeritzt worden. Es weist parallele Schnitte auf, die jedenfalls nicht bei der Entfernung des Fleisches entstanden sind. Der Kinderschädel ist sogar an Bruchstellen poliert worden.

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Schädel4 © Tim White /Nature Vergrößern Ein weiterer Fund eines archaischen Homo Sapiens in Afrika: Der Kabwe-Schädel, etwa 500.000 Jahre alt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2003, Nr. 134 / Seite 38

 
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