19.05.2008 · Alzheimerkranke finden sich in ihrer Umgebung meist nicht mehr zurecht. Manchmal kann ihnen eine passende Architektur dabei jedoch helfen. Ärzte, Gedächtnisforscher und Architekten arbeiten daran, die richtigen Lösungen zu finden.
Von Tania GreinerAls der emeritierte Chemieprofessor im Dunkeln die Toilette nicht mehr fand, ahnte er, dass etwas nicht stimmte. Auch in den folgenden Nächten suchte er den Weg, ohne den Lichtschalter zu betätigen. Wieder verlief der 78-Jährige sich in seiner Wohnung. Ein Besuch in der Gedächtnisambulanz des Universitätsklinikums der TU Dresden bestätigte seinen Verdacht: Morbus Alzheimer.
Verwirrtheit im Dunkeln gilt als ein frühes Warnsignal: Die Alzheimerkrankheit löscht nicht nur schrittweise das Kurzzeit- und schließlich das Langzeitgedächtnis der Betroffenen aus, sie raubt ihnen zudem stufenweise die Fähigkeit, sich im Raum zu orientieren.
Rund sechzig Prozent aller Altenheimbewohner leiden an einer Form von Demenz, die vom Typus Alzheimer ist dabei die häufigste. Geeignete Wohn- und Betreuungsformen sind dringend geboten. Zu den milieutherapeutischen Maßnahmen, die den Wahrnehmungsfähigkeiten dementer Menschen entgegenkommen sollen, gehören schon heute Orientierungshilfen wie Handläufe oder Hinweisschilder zur Toilette. Jugendfotos an der Tür geben Hinweise auf das eigene Zimmer, auch Wohnzimmersessel oder Blümchentapete helfen bei der Frage: Wo bin ich gerade? Doch viele dieser Versuche, die Orientierung zu erleichtern, sind aus medizinischer Sicht wenig sinnvoll.
Wohnformen für Demenzkranke
"In der Milieutherapie wird zu häufig einfach nach dem gesunden Menschenverstand gehandelt", sagt Vjera Holthoff, Leiterin der Gedächtnisambulanz des Universitätsklinikums der TU Dresden. Systematische Studien dazu, wie gelungene Demenzarchitektur aussehen kann, fehlten bislang. Doch eine wichtige Grundregel steht neuerdings fest: "Eine vertraute Gebäudestruktur bietet die wichtigste Hilfe in Sachen Orientierung", sagt Gesine Marquardt, und zwar weit mehr noch als vertraute Innendeko. Die Architektin am Institut für Sozial- und Gesundheitsbauten der TU Dresden analysierte dreißig Pflegeeinrichtungen in Deutschland. Sie verglich die Grundrisse unterschiedlichster Wohnformen für Demenzkranke und befragte die Pflegekräfte der Heime über das Orientierungsvermögen von 450 Bewohnern. Sie sollten Auskunft geben, wie sich die Erkrankten, je nach Grad der Demenz, in den Wohnstrukturen zurechtfinden und welche Hilfe sie benötigen, um etwa den Weg zur Toilette, zum Essbereich oder ins eigene Zimmer zu finden.
Marquardts Ergebnisse bringen das Erfahrungswissen der Fachkräfte ins Wanken. Vieles davon hatte man aus den Vereinigten Staaten übernommen. Dort öffnete in Philadelphia in den 1970er Jahren das erste vorgeblich demenzgerechte Altenpflegeheim. Im Weiß Institute sind zwanzig Doppelzimmer um einen großen Gemeinschaftsbereich gruppiert - dazwischen verläuft ein Rundweg. Die offene Hallenform sollte die Orientierung erleichtern und Raum für Bewegung bieten. Da Alzheimerpatienten sehr häufig Kontakt zu anderen Menschen suchen, rückten die Planer den gemeinschaftlichen Aufenthaltsort ins Zentrum der Wohneinheit. Diese baulichen Elemente wurden für viele Neukonzeptionen wegweisend - auch in Deutschland, wo seit Mitte der 1990er Jahre separat gestaltete Demenzwohngruppen entstehen.
Geometrisch einfache Formen
"Die Idee war damals ausgesprochen fortschrittlich", sagt Gesine Marquardt. Doch heute wisse man, dass derartige Grundrissstrukturen das von Alzheimerkranken geschädigte Orientierungsvermögen wenig unterstützen. "Ein gemeinsamer Essbereich in einem offenen Atrium wird von den Bewohnern häufig in seiner Funktion nicht erkannt", sagt die Architektin. Klar durch Wände abgetrennte Gemeinschaftsräume würden sie dagegen erheblich einfacher finden. Auch Rundwege stören die Orientierung. "Je häufiger die Richtung auf einem zurückgelegten Weg wechselt, umso wahrscheinlicher ist es, dass sich Demenzkranke verlieren", sagt Marquardt.
Die Studie zeigt, dass sich Alzheimerkranke in geometrisch einfach aufgebauten Wohnformen deutlich besser und länger zurechtfinden. Also ein gerader Gang in der Mitte, von dem jeweils rechts und links einzelne Zimmer abgehen. Die Bewohner benötigen dort auch bei fortgeschrittener Erkrankung weniger Hilfe, um einzelne Wege zurückzulegen. Im frühen Stadium der Alzheimererkrankung scheint die bauliche Struktur jedoch kaum Einfluss auf den Orientierungssinn zu nehmen. Denn noch besitzt das betroffene Gehirn die Fähigkeit, eine mentale Karte, einen Plan von jeder neuen Raumsituation im Kopf zu erstellen und abzuspeichern.
Orientierung mit Landmarken
Unzählige solcher kognitiver Karten sind im Scheitellappen abgespeichert, Karten vertrauter Räume, die wir jederzeit vor dem inneren Auge abrufen können. Mit ihrer Hilfe gehen wir den täglichen Weg von der Arbeit nach Hause wie im Schlaf, ohne nachzudenken. Experten nennen das egozentrische oder auch prozedurale Orientierung, denn sie läuft ohne äußere Impulse ab - der Körper, so scheint es, geht seinen Weg von selbst.
Gehen wir aber einen Weg, der uns nicht so vertraut ist, orientieren wir uns bewusst mit Hilfe äußerer Landmarken. Dann zeigt uns etwa der Bäckerladen an, dass wir rechts abbiegen müssen. Eine Leistung, bei der besonders der Schläfenlappen im Spiel ist - ein Hirnareal, in dem Experten den Abruf von deklarativem Wissen vermuten, also das Wissen über Tatsachen oder Ereignisse. "Diese allozentrische Orientierung ist bei Alzheimerpatienten sehr früh geschädigt", sagt die Gedächtnisforscherin Holthoff.
Wer zum ersten Mal an einer Kreuzung steht und sich merken möchte, dass er dort rechts gehen muss, wird sich ein markantes Merkmal suchen, um es sich später wieder in Erinnerung zu rufen. Demenzkranken bereitet bereits die Auswahl der Landmarke schon sehr früh große Schwierigkeiten. Ihre Aufmerksamkeit ist gestört. Das zeigt sich bei neurologischen Tests etwa darin, dass sie ein wichtiges Detail neben vielen unwichtigen - beispielsweise einen Kreis unter vielen anderen Formen - nicht mehr ausmachen können. "Im zweiten Schritt muss die Landmarke gespeichert werden und an eine Episode geknüpft abrufbar sein", erklärt Holthoff. Das Gedächtnis merke sich also: "Das ist der Bäckerladen, hinter dem ich rechts abbiegen muss, wenn ich in die Straße gehen will, wo die Arztpraxis ist."
Landkarten im Kopf
Ein komplizierter Vorgang, der bei Alzheimerpatienten bereits in einem frühen Stadium ihrer Erkrankung nicht mehr zuverlässig funktioniert. Im Dunkeln ist die Situation, selbst wenn sie vertraut ist, noch anspruchsvoller, da die visuellen Eckpunkte fehlen. Die mentale Karte muss komplett aus dem Gedächtnis abgerufen werden. Wer sich nicht erinnern kann, bekommt jetzt Orientierungsschwierigkeiten.
Vor allem der Hippocampus scheint für den Orientierungssinn von großer Bedeutung zu sein, wie Eleanor Maguire vom University College London herausfand, indem sie mit Hilfe eines Computertomografen in die Hirne von Taxifahrern blickte. Ihr Hippocampus war im Vergleich zu dem von Nichttaxifahrern übermäßig groß. Wer ständig neue Landkarten im Kopf erstellen muss, trainiert die Nervennetze dieses Hirnareals und bringt sie zum Sprießen.
Die Alzheimerkrankheit befällt diese Nervenzellen des Hippocampus zuerst, später degenerieren auch die Leitungsbahnen zur Hirnrinde. "Wie lange sich Alzheimerpatienten in einer neuen Umgebung orientieren können, hängt deshalb auch davon ab, wie sehr sie das in ihrem Leben trainiert haben", sagt Vjera Holthoff. In gewohnten Strukturen fänden sich Demenzkranke aber meist länger zurecht, denn das prozedurale Wissen und Orientieren erlischt erst in einem sehr späten Krankheitsstadium.
An Erinnerungen anknüpfen, die zuletzt verloren gehen
Aber was heißt gewohnt? "Bei Alzheimerpatienten bleibt die Erinnerung an das in jungen Jahren Erlebte am längsten erhalten", sagt Gesine Marquardt. Vermutlich würden sich heutige Alzheimerkranke deshalb gerade in Pflegeheimen, die den baulichen Strukturen der vierziger und fünfziger Jahre entsprechen, besser zurechtfinden. Jung waren die Betroffenen in Häusern mit geraden Fluren und aneinandergereihten Zimmern. "Architekten wollen aber vor allem modern bauen. Der Pflegealltag zeigt dann, dass auch Gutgemeintes nicht funktioniert", sagt Hans Gutzmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie.
Mit einer Toilette etwa, die, in einer Ecke des Zimmers untergebracht, das nächtliche Wasserlassen erleichtern soll, ist wohl niemand groß geworden. "Ein WC, das nicht direkt vom Zimmer aus zugänglich ist, sondern über einen Vorflur, wird von schwer Demenzkranken deutlich häufiger gefunden", sagt Marquardt. Ein Pfleger habe ihr dazu die Geschichte eines Mannes erzählt: Musste der Alzheimerkranke nachts raus, verließ er sein Zimmer, ging auf den Flur - und in der Nachbarwohnung zur Toilette.