27.05.2011 · Beschleunigt mangelnde Zuwendung in der Kindheit den Alterungsprozess? Eine Studie an rumänischen Heimkindern legt einen solchen Schluss nahe. Weitere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
Von Nicola von LutterottiEmotionale Entbehrungen in der frühen Kindheit führen offenbar zu einer vorzeitigen Verkürzung der Chromosomen-Enden, der Telomere, und beschleunigen daher möglicherweise den Alterungsprozess. Das folgern zumindest amerikanische Forscher aus den Ergebnissen ihrer jüngsten Studie, in der sie das Schicksal von 136 rumänischen Heimkindern verfolgt haben. Wie lang die Telomere sind, hängt maßgeblich vom Alter ab. So verkürzen sich die schützenden Endstücke der Chromosomen mit jeder Zellteilung, bis sie schließlich so klein sind, dass die Zelle den Alterstod stirbt. Dieser Vorgang läuft allerdings nicht bei allen Menschen gleich schnell ab. In Abhängigkeit von verschiedenen Einflüssen schreitet er vielmehr bei einigen Personen rascher voran als bei anderen.
Zu den Faktoren, die mit einer beschleunigten Verkürzung der Telomere - und zugleich einer vorzeitigen Alterung - in Verbindung stehen, zählen der Konsum von Tabak, Bewegungsmangel und oxidativer Stress. Dieselben ungünstigen Wirkungen besitzt offenbar auch mangelnde Zuwendung in der frühen Kindheit. Hinweise auf einen solchen Zusammenhang liefern zumindest die Beobachtungen der Kinderpsychiaterin Stacy Drury von der Tulane University in New Orleans und ihrer Kollegen.
Die Erkenntnisse der Wissenschaftler gründen auf den Ergebnissen eines von der rumänischen Regierung unterstützten Forschungsprojekts, das den seelischen und körperlichen Folgen von Heimbetreuung auf den Grund geht. Die darin einbezogenen Kinder - insgesamt 136 gesunde Jungen und Mädchen im Alter zwischen sechs Monaten und drei Jahren - hatten kurzzeitig oder längerfristig in einem Heim für vernachlässigte Kinder in der rumänischen Hauptstadt Bukarest gelebt. Eine Hälfte von ihnen war frühzeitig von Pflegeeltern aufgenommen worden, die andere Hälfte nicht. Die Zuteilung zu einer der Familien erfolgte dabei nicht nach persönlichen Vorlieben, sondern nach den Regeln des Zufalls. Mit dieser Vorgehensweise wollten die Projektleiter vermeiden, dass vornehmlich Kinder mit bestimmten charakterlichen oder körperlichen Eigenschaften ein neues zuhause finden und die Studienergebnisse somit an Aussagekraft verlieren.
Die Aktivität bestimmter Gene wird dauerhaft verändert
Wie Frau Drury und die anderen Autoren in der Zeitschrift „Molecular Psychiatry“ (doi: 10.1038/mp.2011.53) berichten, bestand eine enge Beziehung zwischen der Dauer des Aufenthalts in einem der rumänischen Heime und der Länge der Telomere. Je mehr Zeit die Kinder in einer solchen Institution verbracht hatten, desto kürzer waren ihre Chromosomen-Enden im Alter von viereinhalb Jahren. Dieser Zusammenhang erwies sich zudem als unabhängig von potentiellen „Störeinflüssen“, darunter dem Geburtsgewicht und dem Geschlecht. Laut den Forschern zeigen die Ergebnisse ihrer Studie einmal mehr, welche weitreichenden Folgen die langfristige Unterbringung in einem Heim haben kann. Eine frühere Untersuchung derselben Gruppe von Kindern hatte nämlich ergeben, dass diese unter anderem erhebliche kognitive Defizite aufweisen. Die intellektuellen Fähigkeiten der betroffenen Mädchen und Jungen gediehen andererseits umso besser, je früher sie die Institution verlassen und in einer Familie leben konnten.
Ob rumänische Heime besonders ungünstige Voraussetzung für eine gesunde Kindesentwicklung bieten, wie Berichte in den Medien häufig suggerieren, geht aus der Erhebung der amerikanischen Wissenschaftler nicht hervor. In vielen zumal ärmeren Ländern dürfte freilich allein der Mangel an finanziellen Mitteln einer persönlichen, die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes berücksichtigenden Betreuung im Wege stehen. Und es besteht kein Zweifel mehr daran, dass unzureichende Zuwendung, insbesondere in den ersten Lebensjahren, die seelische und körperliche Gesundheit von Heranwachsenden nachhaltig beeinträchtigt. Einer der Gründe hierfür scheint zu sein, dass belastende Eindrücke am Lebensanfang die Aktivität bestimmter Gene dauerhaft verändern. Wie die Beobachtungen von Frau Drury und ihren Kollegen nahelegen, gehen solche Kindheitserlebnisse darüber hinaus mit einer beschleunigten Verkürzung der Chromsomen-Endstücke einher. Ganz ähnliche Erkenntnisse erzielte vor kurzem ein weiteres amerikanisches Forscherteam in einer kleineren Studie, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Biological Psychiatry“ (doi:10.1016/j.biopsych. 2011.01.035) erschienen sind. Demnach weisen Erwachsene, die in ihrer Kindheit schwere Traumata erlitten haben, auffallend oft verkürzte Telomere auf. Ungewiss ist bislang allerdings, auf welche Weise erschütternde Erfahrungen im Kleinkindalter den Verschleiß der Chromosomen-Schutzkappen fördern und wie sich die beschleunigte Abnutzung der Telomere auf den Alterungsprozess und die Gesundheit der Betroffenen auswirkt. Diese Fragen gilt es in weiteren Studien zu klären.
Telomere - Schalter des Lebens
Ein häufig gebrauchter Ausdruck für Telomere ist „Schutzkappen“, immer wieder wird auch der Vergleich mit den harten, plastikumwickelten Enden von Schnürsenkeln bemüht. Sie werden außerdem als „Schalter des Lebens“ umschrieben oder, ganz poetisch, als „Hardware der Lebens-Stoppuhr“. Wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt, heißt „Telomer“ schlicht „End-Teil“. Es handelt sich um die Enden von Chromosomen, jenen winzigen Gebilden, zu denen sich die Erbsubstanz formiert. 46 Chromosomen besitzt der Mensch. Die meisten weisen eine längliche Gestalt auf, die beiden Geschlechtschromosomen sind Y- beziehungsweise X-förmig. An ihren Enden sitzen die Telomere wie abschließende Kappen. Sie schützen die Enden und spielen eine wichtige Rolle bei der Erbgutverdopplung, die im Zuge der Zellteilung notwendig ist. Im Bereich der Telomere hört zunächst die Doppelstrangstruktur der DNA auf, der überlappende Einzelstrang faltet sich jedoch sogleich wieder zu einem Doppelstrang - diesmal mit einer ungewöhnlichen Struktur: Die Endsequenz ist durch eine unübliche Guanin-Guanin-Basenpaarung gekennzeichnet. Das Telomer wird zwar bei jeder Zellteilung kürzer. In einigen Zellen, etwa Stammzellen und Krebszellen, kann das Enzym Telomerase aber erneut Telomersequenzen aufbauen und anhängen. Solche Zellen werden auf diese Weise quasi unsterblich.
Die Molekularbiologen Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak erhielten für ihre Arbeiten über die Telomerase im Jahr 2009 den Nobelpreis für Medizin. Damit wurde die enorme Bedeutung der Entdeckung für die weitere Forschung über Alterungsprozesse und Krebserkrankungen gewürdigt. (huch)