02.01.2009 · Auf Diät gesetzt, leben Würmer, Fliegen und Mäuse länger und gesünder als ihre normalen Artgenossen. Worauf dieser Effekt beruht und ob er auch auf den Menschen übertragbar ist, gehört zu den zentralen Fragen der Altersforschung.
Von Georg RüschemeyerWenn sich April Smith mal etwas gönnen will, macht sie sich und ihrem Freund Lasagne. Ihre Version des Pastaklassikers enthält allerdings weder Nudelplatten noch Bechamelsauce. Sie besteht im Wesentlichen aus einer sehr übersichtlichen Menge diverser Gemüse in Tomatensauce und - in einer besonderen Variante - noch dem Fleischersatzprodukt Quorn. Einzige Reminiszenz an das Original sind exakt 90 Gramm fettfreier Mozzarella. "Das Ganze enthält etwas mehr gesättigte Fettsäuren, als gut wäre", räumt die Mittdreißigerin aus Philadelphia in ihrem Internet-Blog ein. "Aber nachdem es in Sachen Kalzium rockt, kann man sich das schon mal erlauben."
In "April's CR Diary" erhält man einen intimen Eindruck vom Leben der "Cronies", jener Menschen also, die sich der "Calorie Restriction with Optimal Nutrition" (Cron) verschreiben. Dieses idealerweise lebenslange Diätregime sieht zwar die empfohlene Menge an Vitaminen und Spurenelementen vor, aber nur rund zwei Drittel der Kalorien, die die Medizin für gesund hält. Doch Gesundheit und vor allem ein außergewöhnlich langes Leben sind das erklärte Ziel dieser Selbstkasteiung, während der Gewichtsverlust bis zum Body-Mass-Index einer Bohnenstange eher als Nebeneffekt in Kauf genommen wird.
Alte neue Verheißungen
Mit 70 eine neue Karriere beginnen und diese mit jugendlicher Kraft verfolgen? Alt werden, ohne sich alt zu fühlen? Dies alles verheißt die amerikanische CR-Society auf ihrer Website. Und selbst die Unsterblichkeit scheint manchem dieser modernen Asketen in Reichweite.
Die kaum zu erschütternde Vorfreude auf ein schier endloses Leben beruht dabei auf einer sehr selektiven Wahrnehmung aktueller Forschungsergebnisse. Denn tatsächlich leben streng auf Diät gesetzte Würmer, Fliegen und Mäuse länger und gesünder. Zu den unfreiwilligen Hungerkünstlern in den Labors der Biogerontologen gehört auch Canto, der zusammen mit 75 weiteren Rhesusaffen seit bald 20 Jahren an einem Langzeitexperiment zur Kalorienrestriktion an der Universität von Wisconsin in Madison teilnimmt. Canto wurde dabei jenen Tieren zugeteilt, die mit wenig mehr als 500 Kalorien am Tag auskommen müssen, während sich seine Artgenossen in den Kontrollkäfigen den Bauch mit Futterpellets vollschlagen dürfen.
Zwei Affenmachen noch keine Studie
Welcher Gruppe nun die glücklicheren Affen angehören, lässt sich angesichts des tristen Versuchstieralltags kaum sagen. Doch an körperlicher Vitalität hat der bereits zu den Alten zählende Canto einiges vorzuweisen: Sein Fell ist glatt, die Körperhaltung aufrecht, das Verhalten lebhaft. Müde wirkt dagegen der nur ein Jahr ältere Owen, der nicht darben musste, aber nun mit zersaustem Fell und eingesackter Haltung wie ein Greis erscheint. Nun machen diese beiden Affen, deren Bilder vor zwei Jahren in der New York Times für Aufsehen sorgten, noch keine wissenschaftliche Studie. Aber immerhin repräsentieren sie im reifen Alter von 25 und 26 Jahren einen deutlichen Trend: Hungerleider haben die besseren Vitalparameter. Das dürfte sich auch auf die durchschnittliche Lebenserwartung der Tiere auswirken.
Ob aber, wie es die Kalorienverweigerer für sich erhoffen, auch das maximal erreichbare Lebensalter steigen, lasse sich erst in einigen Jahren beantworten, gibt Studienleiter Richard Weindruch zu: "Da die meisten Tiere noch leben, können wir noch keine Aussagen über einen lebensverlängernden Effekt der Kalorienrestriktion machen."
Ein Blick auf die Altersstatistiken
Welcher Unterschied zwischen durchschnittlicher und maximaler Lebenserwartung besteht, lässt sich an den Altersstatistiken der Industrieländer erkennen. Denn dank besserer Lebensbedingungen und medizinischer Fortschritte nahm die durchschnittliche Lebenserwartung in den letzten 150 Jahren fast linear zu: Australierinnen des Geburtsjahrgangs 1900 konnten nur mit rund 60 Lenzen rechnen; im den Altersrekord haltenden Japan von heute werden Frauen jetzt 85. Sie profitieren - und damit ebender Durchschnittswert - vor allem von einem verringerten Risiko, als Kind oder junger Mensch an Krankheiten zu sterben. Die magische Altersgrenze von 100 Jahren überschreiten nach wie vor nur wenige, und die meisten Altersforscher vermuten eine biologisch bedingte Obergrenze der menschlichen Lebenszeit irgendwo bei 120.
Solange unklar ist, wie eine CR-Diät dieses Limit für langlebige Primaten wie Mensch und Rhesusaffe beeinflusst, kann sich die Gemeinde der Cronies nur wünschen, dass für sie dieselben Regeln gelten wie für Hefezellen, Fadenwürmer, Fruchtfliegen und Mäuse. Zweifel an dieser Annahme sind allerdings schon deshalb angebracht, weil es sich bei all diesen Organismen um extrem schnelllebige handelt. "Da besteht möglicherweise auch entsprechend mehr Potential für eine Verlängerung als bei ohnehin langlebigen Arten wie dem Menschen", meint der Entwicklungsbiologe Christoph Englert vom Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena. Problematisch sei auch, dass Hefe, Wurm und Fliege das größte Risiko der Zelle - anders als der Mensch - nicht fürchten müssen: den Krebs. Doch gerade diese Versuchstiere dienen der Biologie als Modelle. Von ihnen stammen nicht nur die meisten gesicherten Befunde zur lebensverlängernden Wirkung einer kalorienarmen Ernährung, sondern nahezu das gesamte Wissen über molekulare Mechanismen des Alterns.
Metabolische Stressreaktion
"Das große Problem ist es, dabei Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten", sagt Altersforscher Englert. Ähnlich wie das Altern wird zum Beispiel der Hunger selbst von einer unübersichtlichen Vielzahl biochemischer Veränderungen begleitet. Lange Zeit galt etwa die griffige Regel "Live fast, die young"; eine auf Sparflamme gesetzte Zelle lebe länger, weil sie einfach weniger schädliche Abfallprodukte produziere. Tatsächlich kann Hunger den Stoffwechsel an den Mitochondrien der Zelle aber sogar steigern, wie Versuche mit Hefezellen und Fadenwürmern zeigen. Zudem kann die metabolische Rate, also der Umsatz, bezogen auf das Körpergewicht, in einem hungernden und besonders leichten Organismus erhöht sein. Mehr und mehr zeichnet sich ab: Der Kalorienmangel wirft in der Zelle ein Überlebensprogramm an, das offenbar sehr früh in der Evolution entstanden ist und - bei den verschiedensten Organismen - den Körper durch schlechte Zeiten bringen soll.
Eine zentrale Rolle beim Anschalten dieser universellen Stressreaktion scheinen bestimmte Proteine zu haben. Diese sogenannten Sirtuine steuern an übergeordneter Stelle die Aktivität von Enzymen und das Ablesen der in der DNA gespeicherten Erbinformationen. Hungernde Zellen produzieren mehr Sirtuin, und auch eine künstlich erhöhte Sirtuinaktivität besitzt einen lebensverlängernden Effekt.
Wie das alles genau zusammenhängt, ist zwar noch unklar, trotzdem suchen Forscher wie der Harvard-Professor David Sinclair nach Wegen, das Sirtuinprogramm ohne Hunger zu aktivieren. Sinclair glaubt sich dabei kurz vorm Ziel: Resveratrol, ein komplexes Biomolekül, das in geringen Mengen in Rotwein enthalten ist, regt die Sirtuinproduktion der Zelle an und erhält die klassischen Versuchstiere länger am Leben.
Würmer und Nager als Gegenbeispiele
Um diesen Effekt durch einfaches Weintrinken zu erzielen, bedürfte es mehrerer Hektoliter am Tag. Und die in den Vereinigten Staaten bereits übliche Einnahme von Resveratrol-Kapseln ist ebenfalls fragwürdig - vermutlich kommt kaum etwas von dem Wirkstoff in den Zellen an. Mit seiner 2004 gegründeten Firma Sirtris Pharmaceuticals sucht Sinclair deshalb nach chemisch verwandten und patentierbaren Stoffen, sogenannten CR-Mimetics, mit der vielfachen Wirkung und Bioverfügbarkeit von Resveratrol.
Nicht alle Biogerontologen teilen Sinclairs Enthusiasmus, mit den Sirtuinen die Tür zur Lebensverlängerung und mit Resveratrol den passenden Dietrich gefunden zu haben. "Die Datenlage ist durchaus mehrdeutig", meint Matt Kaeberlein von der University of Washington in Seattle: "Bei Würmern und Hefen funktioniert die Kalorienrestriktion auch ohne erhöhte Sirtuinpegel als Lebensverlängerung, gleichzeitig hat eine künstliche Überexpression von Sirtuinen bei Nagern keinen Effekt auf die Lebenszeit." Das widerspreche der Annahme, dass es sich um Schlüsselmoleküle im Alterungsprozess handelt. "Zudem ist nicht einmal klar, dass Kalorienrestriktion überhaupt zur Produktion von Sirtuinen führt", sagt Kaeberlein. "Einige Forschergruppen fanden diesen Zusammenhang, andere konnten ihn aber nicht belegen."
Auch für die im Internet kommunizierenden Cronies sind Resveratrol und andere CR-Mimetics noch kein Grund zum Fastenbrechen. April Smith etwa vertraut auf das Urteil ihres Freundes Michael Rae, eines Mitarbeiters des britischen Langlebigkeitsgurus Aubrey de Grey: "Michael ist da sehr konservativ: Solange er sich nicht sicher ist, dass es hilft, nehmen wir das Zeug nicht."
Alle wissenschaftlichen Einwände und auch die Häme von Normalessern, die sich durch die dünnen Gestalten der Cronies in ihrem Fett- und Fleischkonsum kritisiert fühlen, beeindrucken Smith und ihren Freund nicht. Wie Franz Kafkas Hungerkünstler fühlen sie sich vom Rest der Welt missverstanden. Selbst wenn ihre Ernährung nicht zum ewigen Leben führt, lassen Studien mit Affen und Menschen zumindest ein geringeres Risiko für Diabetes und Arteriosklerose erhoffen. Und von den oft beobachteten Nebenwirkungen wie ständiges Frieren oder dem Verlust der Libido will das Paar laut "April's CR Diary" noch nichts bemerkt haben. So geben die beiden weiterhin jedes Gramm, das sie verzehren, in das Cron-O-Meter ein: Dieses Computerprogramm der "Life-Extensionists" soll sicherstellen, dass die Speisen ihren Regeln für die Anteile von Protein, Fett und Kohlehydraten entsprechen und ausreichend Vitamine und Spurenelemente enthalten. Man will schließlich nicht vor der Zeit verhungern.