14.03.2005 · Weil Aids überall auf dem Vormarsch ist, setzt man sich in den Vereinigten Staaten wieder mit dem Für und Wider der Früherkennung auseinander. Aber was in Amerika sinnvoll sein könnte, wäre hierzulande verfehlt.
Von Hildegard KaulenWeil Aids überall auf dem Vormarsch ist, setzt man sich in den Vereinigten Staaten wieder mit dem Für und Wider einer bevölkerungsweiten Früherkennung auseinander. Solche Überlegungen sind dort schon vor zehn Jahren angestellt worden. Damals kamen die Experten überein, daß sich der finanzielle Aufwand nur dann rechtfertigen läßt, wenn mindestens jeder hundertste Amerikaner mit dem Aidsvirus infiziert ist. Erst bei einer solchen Infektionsrate - so die damalige Überlegung - würde die öffentliche Gesundheit von einem Screening profitieren.
In den Vereinigten Staaten hat sich zwar bislang nur jeder zweihundertfünfzigste Einwohner mit dem Aidsvirus angesteckt, trotzdem scheint aber eine Neubewertung notwendig zu sein. Das liegt zum einen an den verbesserten Therapiemöglichkeiten, zum anderen daran, daß in absehbarer Zeit kein Impfstoff zur Verfügung stehen dürfte.
Ansteckung vermeiden
In einer neuen Kosten-Nutzen-Analyse kommen nun Gillian Sanders von der Duke University in Durham (North Carolina) und A. David Paltiel von der Yale School of Medicine in New Haven (Connecticut) zu dem Schluß, daß im Abstand von fünf Jahren vorgenommene Reihenuntersuchungen schon bei einer viel geringeren Infektionsrate gerechtfertigt sind ("New England Journal of Medicine", Bd.352, S.570 u. 586). Sie geben dafür mehrere Gründe an.
Zum einem ist die Zahl derer, die von ihrer HIV-Infektion nichts wissen, hoch. Diese Menschen tragen erheblich zur weiteren Ausbreitung bei. Zum anderen werden die meisten Infektionen erst dann erkannt, wenn erste Begleitinfektionen auftreten. Die Aidserkrankung bricht dann meistens bald nach der Diagnose aus. Den neuen Berechnungen zufolge könnten durch ein nationales Screening mindestens zwanzig Prozent der Ansteckungsfälle vermieden werden. Außerdem ließen sich durch einen früheren Therapiebeginn eineinhalb Jahre Überlebenszeit gewinnen. Die Forscher weisen darauf hin, daß sich über eine bevölkerungsweite Früherkennung vermutlich auch eine effizientere Behandlungskette aufbauen läßt, was wiederum zu einer deutlichen Senkung des Ansteckungsrisikos und zu einer längeren Überlebenszeit führen dürfte. Berücksichtigt man zudem die volkswirtschaftlichen Kosten der Erkrankung, fällt die Kosten-Nutzen-Rechnung noch günstiger aus.
Finanzielle Mittel
Was aber nicht berücksichtigt wird, ist der Umstand, daß nahezu ein Drittel der mit HIV infizierten Amerikaner nicht krankenversichert ist und erst bei einer fortgeschrittenen Aidserkrankung Anrecht auf eine kostenlose Behandlung hat. Wie mit den nicht krankenversicherten Personen im Falle einer Früherkennung verfahren werden soll, ist unklar. Bislang ist nur an einen kostenlosen Test, nicht an eine kostenlose Behandlung gedacht. Ohne auf diese Frage einzugehen, plädieren die beiden Forscher dafür, die Wirkung einer bevölkerungsweiten Früherkennung in Regionen mit einer besonders hohen Infektionsrate zu erproben. Die meisten amerikanischen Ärzte sowie ein Großteil der amerikanischen Bevölkerung sind der Umfrage eines Meinungsforschungsinstitutes zufolge ohnehin für ein nationales Früherkennungsprogramm.
In der jüngsten Analyse wird auch die Angst vor Diskriminierung durch das Bekanntwerden der HIV-Infektion nur am Rande berücksichtigt. In Rußland, wo man schon vor vielen Jahren ein nationales Früherkennungsprogramm begonnen hat, haben diese Ängste zum Scheitern der Initiative geführt. Menschen mit einem äußerst geringen Risiko haben sich massenweise testen lassen, während die tatsächlich gefährdeten Personen vor der Untersuchung zurückgeschreckt sind. Die Folge war, daß sich das Aidsvirus weiter ausgebreitet hat und die finanziellen Mittel für eine Prävention durch die Reihenuntersuchungen gebunden waren. In Deutschland, wo der Anteil der HIV-Infizierten noch wesentlich geringer ist als in den Vereinigten Staaten, gibt es nach Auskunft von Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut in Berlin keine Überlegungen zu einem bevölkerungsweiten Screening. Die Kosten, die dabei entstünden, ständen hierzulande in keinem vernünftigen Verhältnis zum erwarteten Erfolg.