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Mehr Transparenz für die Forschung : Alles hochladen?

„Die Zellen werden trainiert“: George Kensah vor den Bioreaktoren mit Herzgewebe Bild: Burkert, Christian

Offene Daten, offene Begutachtung, offene Experimente - ein Transparenzvirus geht um. Löst das die Probleme mit Geheimniskrämerei, schlechter Forschung und trägen Publikationen? Wie viel Zeit zum Nachdenken bleibt noch?

          Nichts ist mehr, wie es war. Die Zeitabstände, für die dieser Spruch Gültigkeit hat, werden immer kürzer, erst recht in den Wissenschaften. Alles bewegt sich, alles verändert sich. Forschung nach dem Popperschen Konzept, so war man sich lange sicher, sei ein selbstregulierendes System, das nach Abzug aller unbelegbaren Thesen am Ende eine quasiobjektive Sicht auf die Welt erlaubt und auch im Hinblick auf die Transparenz kaum zu überbieten ist - zumindest im nichtkommerziellen Sektor. Inzwischen ist klar: Erstens gibt es immer weniger Forschung, die völlig frei von kommerziellen Interessen und Geheimniskrämerei ist, und zweitens ist die Forschung inzwischen von einem neuen Transparenzvirus erfasst, der ihr eigenes Immunsystem radikal auf den Prüfstand stellt. In der digitalen Welt von heute wächst der Druck, sich komplett zu öffnen. „Data Sharing“, „Open Data“, Open Review“ - das alles folgt auf ein Kapitel „Open Access“, das schon die Landschaft des Publizierens massiv verändert hat.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Man kann die Veränderungen, die sich abzeichnen, leicht an den Reaktionen der Beteiligten festmachen. Hervorragend dokumentiert ist das im Fall der Neuraminidase-Hemmer Tamiflu und Relenza, die als vermeintlich effektives Vogelgrippemittel Karriere gemacht haben. Als die Cochrane Collaboration vergangene Woche in einer Artikelserie im „British Medical Journal“ dokumentierte, wie man fünf Jahre lang darum ringen mussten, an geheim gehaltene Daten aus klinischen Studien zu kommen, die nach der Zulassung zumindest halbwegs verlässliche Aussagen über das Nutzen-Risiko-Verhältnis zulassen, war klar: Die Landschaft hat sich in fünf Jahren dramatisch verändert.

          Ein gutes Dutzend Gründe hatte das Pharmaunternehmen angegeben, um die unabhängige Prüfung von einer Mehrzahl der Studien zu verhindern. Am Ende haben die Pharmafirmen nachgegeben und selbst eine Internetseite

          (ClinicalStudyRequest.com) gegründet, auf der unabhängige Forscher anonymisierte klinische Rohdaten herunterladen können. Das „British Medical Journal“, das heute den Willen zur Offenlegung aller klinischen Daten zur Voraussetzung für eine Veröffentlichung macht, hat den Fall zum „Testfall für die Transparenz“ erklärt. Auch die Politik hat reagiert. Die Europäische Kommission etwa hat kürzlich eine Neufassung für die Registrierung von klinischen Versuchen verabschiedet, die die Vorlage von „Clinical Study Reports“ verlangt und den Dokumentationsumfang jeder Studie um Hunderte, ja Tausende Seiten erweitert.

          Der Jubel über die Flut an Rohdaten könnte also verfrüht sein. Der gewaltige Mehraufwand könnte die Abhängigkeit öffentlicher Forscher vom guten Willen und Geld der Industrie noch verstärken. Transparenz hat ihren Preis. Das lässt sich auch in der Initiative des sozialen Netzwerks „Research Gate“ erkennen, das inzwischen mehr als vier Millionen Mitglieder hat. Mitte März war Ijad Madisch, einer der Gründer, mit seiner Initiative „Open Review“ online gegangen. Sein Ziel: eine Revolution des Peer Review - des klassischen Gutachterwesens durch Fachkollegen. „Mittlerweile kann ich Schuhe online kaufen, aber das Peer Review hat sich seit dem Start des Internets vor 25 Jahren nicht verändert“, sagt Madisch. Die Wissenschaft, meint er, verschwende zu viel Zeit und Ressourcen durch Fehler, die zu spät oder gar nicht erkannt werden. Deshalb sollen Ergebnisse und Protokolle möglichst laufend schon während der Experimente dokumentiert und - quasi basisdemokratisch im laufenden Forschungsprozess - kommentiert werden.

          Ein Umdenken sei gefordert. Der Lohn: „Schnelleres Publizieren“ und „mehr Partizipation“, sagt Madisch. Sein Vorbild ist die Computerwelt mit dem „Open Source“-Modell für Softwareprodukte Von Verbesserungsvorschlägen im Kommentarfeld profitiere auch der Forscher. „Jedes Ergebnis ist ein Ergebnis, auch das aus fehlgeschlagenen Experimentschritten.“. Der Haken ist: Zeit ist ein knappes Gut in der Spitzenforschung, Überdruss leicht möglich. Der chinesische Stammzellforscher Kenneth Ka-Ho Lee, der Mitte März die erste Open-Review-Arbeit auf Research Gate postete, hat sich nach einigen Beiträgen aus dem Echtzeitprozess verabschiedet. „Ich glaube, dieses Live-Bloggen ist eine gute und schlechte Idee.“ Einerseits stimuliere es junge Forscher, sich an der Forschung zu beteiligen, andererseits „schlecht in dem Sinne, dass du nicht mehr die Zeit hast, gründlich nachzudenken und die Daten sorgfältig zu bearbeiten“. Das gründliche Arbeiten leidet.

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