Sie sind mit Ihrer Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung zu einem der einflussreichsten Mitspieler geworden, wenn es um Global Health, um die Förderung der Gesundheit insbesondere in den Ländern der Dritten Welt geht. Was erwarten Sie von Elite-Studenten in dieser Hinsicht, welche Botschaft bringen Sie mit nach Lindau?
Das Wichtigste ist, dass die jungen Leute erkennen, welches Potential in Innovationen steckt, vor allem zum Nutzen der Ärmsten. Ich denke dabei vor allem an Impfstoffe, neues Saatgut und die Versorgung mit neuen Medikamenten. Ich finde, der Nachwuchs sollte sich die Frage stellen, wo genau wegweisende Innovationen wirklich fehlen. Ich denke da beispielsweise an Malaria. Die ist in den reichen Ländern eliminiert, gleichzeitig haben die Ärmsten eine extrem schwache Stimme auf dem Markt. Es sterben aber gut eine Million Kinder in den armen Ländern an Malaria.
Ihre jüngste Kampagne galt der Verbreitung und Entwicklung von Impfstoffen. Tun die reichen Länder inzwischen genug, Impfstoffe bereitzustellen?
Absolut nicht. Als wir in die Malaria-Impfstoff-Forschung mit einer 50-Millionen-Dollar-Spende eingestiegen sind, bedeutete das eine Verdoppelung der Mittel auf einen Schlag. Es hat in den vergangenen zehn Jahren einen gewaltigen Umschwung gegeben, es wird inzwischen deutlich mehr getan. Die Botschaft lautet heute: Lasst uns Hilfe wirklich und konkret messbar machen. Es werden nicht mehr nur einfach Hilfsgelder verteilt. Dennoch Wandel, aber wir sind noch lange nicht da, wo ich die reichen Ländern gern sehen würde.
Sie haben selbst inzwischen einen ansehnlichen wissenschaftlichen Stab und tiefe Einblicke in die Forschungsszene. Wie schätzen Sie den Fortschritt bei der Entwicklung neuer Impfstoffe ein?
ANTWORT: Der Maßstab für mich ist die Zahl der Kinder, die an den fünf großen Killerkrankheiten sterben müssen. In den sechziger Jahren starben daran 20 Millionen Kinder jedes Jahr, 2010 waren wir bei unter neun Millionen. Und zwar hauptsächlich dank der Impfstoffe. Pocken sind in den sechziger Jahren noch zwei Millionen zum Opfer gefallen, 2010 waren wir bei null. Masern forderte zwei Millionen Opfer, heute sind wir bei 300 000. Und die neuen Vakzinen, die wir vor zwei Wochen in der globalen Impfstoff-Initiative GAVI vorgestellt haben, werden helfen, allein in Afrika viele weitere Millionen Tote zu verhindern. Das sind die drei Vakzinen gegen den Meningitis-Erreger, Rotavirus und Pneumococcus. Polio könnten wir in zwei bis vier Jahren besiegen.
Polio - Kinderlähmung - ist nicht gerade die größte Erfolgsgeschichte. Sie sollte nach Aussagen der offiziellen Gesundheitsbehörden eigentlich schon seit vielen Jahren eliminiert sein.
Ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen. Es stimmt, die Leute, auch viele Spender, sind müde geworden. Wir haben 1988 begonnen, den ersten Impfstoff zu verteilen. Damals hat die Virusinfektion jährlich zu 300000 Lähmungen bei Kindern geführt. 2002 waren wir schon bei 3000 Fällen. Da stehen wir heute noch in etwa. Dieses letzte eine Prozent auszurotten erweist sich als extrem schwierig. Nigeria, Pakistan sind sehr schwierig. Auch Indien war lange ein Problem, dort hat man es aber mit intensiveren Kampagnen auch von Regierungsseite aus bekämpft. Wir hatten in Indien, speziell im Norden, vor ein paar Jahren noch Tausende Poliofälle, dieses Jahr gibt es bisher nur einen einzigen Fall.
Tut die Industrie genug?
Sie könnte mehr tun. Es gibt schon Aktionen wie von GSK jüngst, das den Preis für den Rotavirus-Impfstoff für die armen Länder um zwei Drittel gesenkt hat. Wir haben in unserer Stiftung ein eigenes Industrieranking eingeführt. Da zeigt sich, dass selbst GSK mehr tun könnte. Ich treffe die Vorstandsvorsitzenden der Pharmakonzerne zweimal im Jahr. Von ihnen verlange ich nicht mehr, als dass sie ein paar Prozent ihrer Profite abgeben, mehr nicht. Wir machen da langsam Fortschritte, immerhin.
Als ich Sie vor ein paar Jahren bei Ihren regelmäßigen Besuchen in den von Ihnen mitfinanzierten Instituten fragte, wann Impfstoffe gegen Aids, Malaria oder Tuberkulose zur Verfügung stünden, waren Sie sehr optimistisch und haben von zehn bis zwanzig Jahren gesprochen. Wie denken Sie heute darüber, Impfstoffe gibt es immer noch nicht?
Diese drei großen Krankheiten sind besonders problematisch. In der Aids-Vakzinentwicklung hat es Fortschritte gegeben, aber sie sind nicht so groß, dass wir heute eine Jahreszahl nennen könnten. Es gibt vielversprechende Kandidaten und immer mehr Daten. Aber es braucht noch Zeit. Bei Tuberkulose ist es ähnlich. Mit Malaria ist man am weitesten. Es gibt einen Impfstoff, der zumindest teilweise effektiv ist. Er ist alles andere als perfekt, aber er ist immerhin in der letzten Phase der klinischen Studien. Und weil die Therapie gegen Aids inzwischen einigermaßen wirkt, fließt inzwischen auch weniger Geld in die Impfstoffentwicklung. Dabei kostet in den Vereinigten Staaten die Behandlung eines Aidskranken jedes Jahr gut achttausend Dollar. Ein Impfstoff würde sich also auch da lohnen. Entscheidend ist aber die Notfallsituation in vielen armen Ländern.
Sie sind mit Ihrer Stiftung nicht nur einer der größten, sondern auch mächtigsten Mitspieler in der Gesundheitsförderung der Drittweltländer. Ihnen wird deshalb zuweilen vorgehalten, dass Sie als einzelne Institution im Grunde zu viel tun, weil Sie damit die Agenda der Forschung in bestimmte Richtungen lenken und andere Gebiete vernachlässigt werden. Sehen Sie sich auch als eine Art Privatweltgesundheitsorganisation?
Nein. Tatsache ist, dass viel weniger Geld in die armen Länder fließt als dort gebraucht wird. Wir brauchen viel mehr Spender, klar. Natürlich ist es ungut, dass es in der Malariaforschung so wenige Sponsoren gibt. Wir finanzieren viele verschiedene Projekte und natürlich ist es möglich, dass wir da auch manchmal falsche Entscheidungen treffen. In der Malariaforschung gibt es einige interessante Ansätze, die wir nicht finanzieren. Aber wenn wir nicht wären, gäbe es überhaupt keine Finanzierung. Wenn es sechs Forschungsansätze gibt, und wir drei davon unterstützen, dann ist das doch immer noch besser als die Alternative: sechs Optionen, null Finanzierung. Wir müssen eine Auswahl treffen.
Hat zwei Seiten
Christoph Weber (christoph+1)
- 04.07.2011, 16:53 Uhr
Achtung.
Daniel Grün (danielgruen)
- 04.07.2011, 20:23 Uhr
Paradebeispiel
Alexander Rauch (kugelfisch123)
- 04.07.2011, 23:39 Uhr
@Christoph
Bernd Potthoff (Selberdenker)
- 05.07.2011, 00:36 Uhr
Vitalität der Kinder: Impfen UND gut ernähren
Rolf Mueller (raem)
- 05.07.2011, 10:17 Uhr
