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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wissenschaftsevaluation Die Bestseller in deutschen Kliniken

26.04.2010 ·  Die klinische Forschung in Deutschland kann auf beachtliche Erfolge im internationalen Wettbewerb verweisen. Messen kann man sie mit einem Index, der die Zitierung von Publikationen auswertet. Die Zahlen zeigen allerdings auch, dass es für das Spitzenfeld selten reicht.

Von Rainer Flöhl
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Die klinische Forschung in der Bundesrepublik hat - international gesehen - noch immer keinen besonders guten Ruf. Sie gilt weithin als provinziell. Heftiger Widerspruch gegen diese Einschätzung kommt vor allem von jenen Forschern, die sich dadurch diskriminiert fühlen: den wenigen Spitzenforschern, die es auf diesem Gebiet zweifellos gibt. Dass deren Klagen durchaus berechtigt sind, belegen zwei Studien, die in diesem April und im Oktober vergangenen Jahres in Deutschland erschienen sind. Darin belegen Psychiater, Neurowissenschaftler und Allgemeinchirurgen, dass es auf diesen Gebieten mehrere international führende Forschergruppen gibt. Zu den Medizinern, die in ihren Fächern die Ranglisten anführen, gehören Helmut Friess und Markus W. Büchler (Heidelberg) in der Pankreaschirurgie, Volker Schumpelick (Aachen) bei den Hernien, Peter Neuhaus (Berlin) für die Leber- und Nierentransplantation sowie Henning Dralle (Halle) für die Schilddrüsenchirurgie.

Zu den erfolgreichsten allgemeinen chirurgischen Zentren zählen die Universität Heidelberg, die Universität und die Technische Universität München, die Medizinische Hochschule Hannover und die Universität Erlangen. In der Psychiatrie und den Neurowissenschaften sind Heidelberg/Mannheim, München, Würzburg, Münster und Tübingen unter den Kliniken, die es immer wieder in die oberen Ränge schaffen. Beachtlich vor allem die Vertigo-Forschung in München, die Epileptologie in Bonn und die Schlaganfallforschung in Heidelberg. Teilweise werden die besser ausgestatteten amerikanischen Hochschulen - darunter sogar Harvard - bei den Forschungsleistungen von deutschen Kliniken übertroffen.

Der h-Index

Erstaunlich ist allerdings, wie selten Großforschungseinrichtungen in den internationalen Bestsellerlisten zu finden sind. So schafft es den Literaturanalysen zufolge das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg bei den Themen Krebs, Brustkrebs oder Strahlentherapie noch, unter die ersten 50 Topeinrichtungen zu kommen, aber nicht in die Spitzengruppe der zehn besten. Nur wenige Institute der Max-Planck-Gesellschaft erreichen, auf übergeordnete Themen bezogen, die Top 50. "Auch deren Präsenz in den großen Journalen ist nicht so herausragend, wie man es bei der immer hochlobenden Einstellung zur Grundlagenforschung in Deutschland annehmen könnte. Auch da machen es einige Kliniken besser", urteilen der Heidelberger Schlaganfallforscher Werner Hacke und seine Kollegen Hans-Christoph Diener (Essen), Hans Peter Hartung (Düsseldorf), Christian Elger (Bonn) und Thomas Brandt (München) in einem Beitrag im "Nervenarzt" (10/2009, S. 1226).

Es ist das Verdienst von Hacke, sich intensiv mit der "Messung von Publikationsleistungen" beschäftigt zu haben. Er stützt sich überwiegend auf den sogenannten h-Index, den der Amerikaner Jorge E. Hirsch vom Department of Physics der University of California in San Diego im Jahr 2005 eingeführt hat ("Proceedings of the National Academy of Sciences", Bd. 102, S. 16569). Der h-Index ist ebenso wie weitere wichtige Angaben zum Publikationsverhalten einzelner Wissenschaftler und ganzer Institutionen vom "Institute for Scientific Information" (ISI) zu erhalten. Für die Analyse der Leistungsfähigkeit deutscher Allgemeinchirurgen hat sich die Gruppe um Büchler ebenfalls vor allem auf den h-Index gestützt ("Der Chirurg", 4/2010, S. 365).

Ein repräsentativer Parameter

Mit dem h-Index wurde ein repräsentativer Parameter zur Bewertung von Forschungsleistungen geschaffen, wenngleich auch dieser nicht kritiklos ohne Einschränkung allgemein angewendet werden darf. Er eignet sich beispielsweise nicht dazu, Forschungsleistungen verschiedener Fächer miteinander zu vergleichen, da deren Publikationsverhalten und Zeitschriftenwesen erhebliche Unterschiede aufweisen können. Insgesamt hat er aber viele Unsicherheiten beseitigt, die bisher die Bewertung der Qualität einzelner Forscher beeinträchtigt haben.

Der h-Index fasst gewissermaßen die Publikationshäufigkeit und Zitierhäufigkeit in einer Kenngröße zusammen. Ihn zu ermitteln, bedarf es keiner großen Mathematik. Man benötigt lediglich eine Liste der Veröffentlichungen eines Wissenschaftlers in allgemein akzeptierten, mit Gutachtern arbeitenden Zeitschriften sowie Angaben über die Häufigkeit, mit der die einzelne Arbeit in den beiden Jahren nach Erscheinen von anderen Wissenschaftlern zitiert wurde. Ein h-Index von 10 bedeutet beispielsweise, dass der Wissenschaftler zehn Arbeiten publiziert hat, die jeweils mindestens zehnmal zitiert wurden. Ein h-Index von 20 entspricht 20 Publikationen mit mindestens 20 Zitaten.

Der h-Index liegt bei den führenden deutschen Neurowissenschaftlern zwischen 56 und 68, bei den Allgemeinchirurgen zwischen 23 und 69. Für die Physiknobelpreisträger hat Hirsch Werte zwischen 22 und 79 ermittelt. Besonders hoch liegt der h-Index mit fast 200 bei den Lebenswissenschaftlern (Solomon H. Snyder, 191, oder David Baltimore, 160). Will man das Alter der Forscher berücksichtigen, kann man den h-Index durch die Zahl der Jahre dividieren, die seit dem Erscheinen der ersten Veröffentlichung vergangen sind. Dies ist gewissermaßen eine standardisierte Zahl, die sich zwischen 1 und 2 - eventuell 3 - bewegt.

Spitzenjournale meist außer Reichweite

Allerdings schränkt Büchler die Bilanz ein: "Diese Ergebnisse erlauben uns ... nicht, mit der Situation restlos zufrieden zu sein, sondern sie sind ein Ansporn, die chirurgische Forschung in Deutschland weiter zu fördern und zu verbessern. Nur wenige Arbeiten aus chirurgischen Zentren schaffen es in die klinischen und grundlagenwissenschaftlichen Spitzenjournale."

Seine Ansicht wird durch eine Veröffentlichung im "Chirurgen" (4/2010, S. 328) gestützt, in der Volker Fendrich und Matthias Rothmund von der Chirurgischen Klinik Marburg eine Analyse vorlegen, die summarisch die Forschungsdefizite der deutschen Chirurgie aufzeigt. Viele aufwendige Studien haben schon vor Jahren ergeben, dass die deutschen Forschungsleistungen, gemessen am Bruttosozialprodukt, nicht den Erfordernissen entsprechen. Deutschland liegt immer wieder weit hinter kleineren Nationen wie den Niederlanden oder der Schweiz auf unteren Plätzen. Auch eine neuere Erhebung von Fendrich und Rothmund hat diese Bilanz bestätigt. Die Gründe sehen die beiden Chirurgen vor allem darin, dass bei uns die Krankenversorgung dominiert, die jüngere Generation sich nicht mehr so stark für den Beruf engagiert und schließlich die Mittel für Forschung und Lehre nicht ausreichen.

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Jahrgang 1938, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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