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Weltpremiere Teurer Jubel über Tumor-Impfstoff

04.05.2010 ·  Fast hunderttausend Dollar für eine Lebensverlängerung um vier Monate. Die Börse jubelt. Doch ist die weltweit erste Zulassung eines therapeutischen Krebsimpfstoffs, in dem Fall gegen Prostatatumore, ein geeignetes Vorbild für die Zukunft der Krebsmedizin?

Von Hildegard Kaulen
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Was darf das vorläufige Überleben dank einer Krebstherapie kosten? Sind 23 000 Dollar für einen weiteren Monat vertretbar? Auch dann, wenn sie zu Lasten einer Gemeinschaft gehen, in der sich die Zahl der Krebskranken rasant nach oben bewegt. Die Summe wird die amerikanische Krankenversicherung Medicare für den weltweit ersten therapeutischen Impfstoff gegen fortgeschrittenen Prostatakrebs bezahlen müssen, der jetzt unter dem Namen "Provenge" zugelassen wurde. Therapeutische Impfstoffe verhindern keinen Krebs, sie geben dem Immunsystem einen Kick für die Tumorabwehr. Provenge heilt auch keinen Patienten, sondern verlängert dessen Überlebenszeit im Schnitt um 4,1 Monate.

Drei maßgeschneiderte Spritzen

Drei Injektionen zum Preis von 93 000 Dollar sind notwendig. Jede Spritze wird maßgeschneidert. Dem Patienten werden Immunzellen entnommen, gegen den Tumor in Stellung gebracht und wieder ins Blut zurückgegeben. Provenge ist damit ein neues Musterbeispiel für die individualisierte Therapie. Kein anderer Patient kann mit einer einmal gefertigten Spritze behandelt werden, außer demjenigen, dem die Immunzellen entnommen worden waren. Rechtfertigt das den exorbitanten Preis?

Versicherung muss zahlen

Medicare muss ihn in jedem Falle zahlen, weil die Versicherung für alle Infusionen aufkommt, die Älteren über 65 Jahren - und dazu zählen die meisten Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs - verschrieben werden. Gleichgültig, was der Hersteller verlangt. Wäre Provenge eine Pille, sähe die Situation ganz anders aus. Dann müssten sich die Patienten an den Kosten beteiligen. So wird jede Spritze von den amerikanischen Steuerzahlern bezahlt. Das Unternehmen erwartet einen drastischen Ansturm auf die therapeutische Impfung und beeilte sich mitzuteilen, dass in diesem Jahr aus Kapazitätsgründen nur zweitausend Patienten behandelt werden könnten. Wie darüber entschieden wird, wer den therapeutischen Impfstoff erhält und wer nicht - per Los, nach Reihenfolge oder Dringlichkeit - alles offen bislang. Damit wirft Provenge ein grelles Licht auf das, was die Krebsmedizin in Zukunft erwartet: Spezialpräparate mit sicher oft marginalen Verbesserungen der Überlebensrate, Preisexplosionen und Verteilungskämpfe.

Keine Publikation, aber Jubel in der Börse

Die wissenschaftlichen Ergebnisse zu Provenge sind noch in keiner Fachzeitschrift veröffentlicht worden, sondern wurden lediglich auf dem jüngsten Kongress der amerikanischen Urologen vorgestellt. Große öffentliche Diskussionen gab es bisher nicht. Die Börse hingegen hat die Zulassung von Provenge mit einem kräftigen Kurssprung für die Aktie des Herstellers belohnt. Schon in wenigen Jahren soll ein Umsatz in Milliardenhöhe erreicht werden. Wie unterschiedlich doch die Reaktionszeiten sind, wenn es um Geld geht oder um Sinn und Grenzen.

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