Man muss viel trinken, das sei gut für die Gesundheit, die Schönheit, den Geist, so heißt es. Und um das tägliche Quantum zu bewältigen, solle man sich am besten einen Trinkplan zulegen. Durst allein scheint danach kein geeignetes Maß für den Wasserbedarf zu sein. Wer trotz aller Warnungen die Wasserflasche leicht aus dem Blick verliert, kann sich deshalb jetzt auch eine Trink-App aufs Handy runterladen. Ein schriller Piepton erinnert dann in regelmäßigen Abständen daran, dass der körpereigene Wasserpegel schon wieder gefallen ist und somit Nachschub benötigt wird. Von der Getränkeindustrie meisterlich orchestriert, trägt das Hohelied auf die wundersamen Wirkungen prall gefüllter Flüssigkeitsspeicher inzwischen stattliche Früchte. Wohin der Blick auch schweift - überall stehen, gehen, rollen und laufen sie, die um ihr Wohl besorgten Wasserträger.
Nur manchmal ist viel Wasser therapeutisch sinnvoll
Die beachtliche Anhängerschaft des modernen „Wasserkults“ darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Viel-trinken-Müssen wissenschaftlich auf äußert wackligem Fundament steht. Sicherlich, ohne Wasser kann der Mensch nur wenige Tage überleben und muss Flüssigkeitsverluste daher ausgleichen. Wie viel Wasser ein Individuum benötigt, hängt aber von etlichen Faktoren ab, wie dem genetischen Hintergrund, der herrschenden Außentemperatur und dem Ausmaß an körperlicher Aktivität. Mitunter kann ein erhöhter Wasserverbrauch aus therapeutischer Sicht geboten sein, etwa wenn es darum geht, den Abgang von Nierensteinen zu begünstigen.
Viel weniger klar ist, ob ein erhöhter Flüssigkeitskonsum auch gesunden Menschen zugutekommt. Die einschlägigen Fachgesellschaften raten, täglich mindestens eineinhalb Liter - das sind sechs bis acht Gläser - Flüssigkeit aufzunehmen. Solche vom Durst unabhängige Trinkvorgaben hält die britische Allgemeinärztin Margaret McCartney aus Glasgow für Unsinn. Wie sie im „British Medical Journal“ erklärt (doi: 10.1136/bmj. d4280), entbehren derartige Empfehlungen einer soliden wissenschaftlichen Grundlage.
Woher die Trinkempfehlungen stammen, ist unbekannt
Ähnlich kritisch äußern sich die amerikanischen Nephrologen Dan Negoianu und Stanley Goldfarb von der Universität in Philadelphia (Pennsylvania) im „Journal of the American Society of Nephrology“ (Bd. 19, S. 1041). Nicht nachvollziehbar ist demnach, wer die mittlerweile etablierten Trinkmengenempfehlungen in Umlauf gebracht hat und auf welchen Forschungserkenntnissen diese beruhen. Denn die Fachliteratur enthalte keine Daten, die solche Vorgaben rechtfertigten. Auch die Behauptung, ein erhöhter Flüssigkeitskonsum beuge verschiedenen Krankheiten vor und lasse die Haut straffer erscheinen, steht laut den beiden Nierenärzten wissenschaftlich auf tönernen Füßen. Für einen solchen Zusammenhang gebe es keine stichhaltigen Beweise.
Was bei den Diskussionen um den echten oder vermeintlichen Wasserbedarf oft sprichwörtlich untergeht: Der menschliche Organismus verfügt über eineReihe von Regulationsmechanismen, die Flüssigkeitsverlusten äußerst effizient entgegenwirken. Durst ist einer davon. Dass dieses entwicklungsgeschichtlich bewährte Alarmsignal nicht richtig funktionieren soll, wie von der Trinklobby insinuiert, erscheint aus Evolutionssicht aber wenig plausibel.
Zu viel Trinken kann Natriummangel hervorrufen
Eine Missachtung des körpergesteuerten Trinkverlangens kann mitunter sogar Schaden anrichten. Wie die Erfahrungen im Ausdauersport zeigen, führt eine übermäßige Flüssigkeitszufuhr bei manchen Menschen zu einer kritischen Verdünnung des Elements Natrium im Blut. Im Extremfall mündet ein solcher Natriummangel, eine Hyponatriämie, in Wasseransammlungen in den Organen bis hin zu einer - unter Umständen tödlichen - Hirnschwellung.
Die Häufigkeit von sportbedingten Hyponatriämien habe Ende des vergangenen Jahrhunderts auf einmal stark zugenommen, schreibt Timothy Noakes vom Institut für Sportwissenschaften der Universität in Cape Town/Südafrika im „British Journal of Sports Medicine“ (Bd. 45, S. 475). Denn die tonangebenden sportmedizinischen Fachgesellschaften hätten damals empfohlen, bei der Ausübung von - schweißtreibenden - Sportarten viel zu trinken.
Die Fachgesellschaften rudern zurück
Wie neuere Untersuchungen zeigen, weisen mittlerweile bis zu 13 Prozent aller Marathonteilnehmer, darunter vorwiegend unerfahrene Läufer, Anzeichen einer Hyponatriämie auf. Der Verlust von Natrium über den Schweiß scheint dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Maßgeblich verantwortlich für diese Störung ist vielmehr ein übermäßiger Flüssigkeitskonsum - ob mit oder ohne Zusatz von Elektrolyten. Darauf verweisen der amerikanische Sportmediziner James Winger vom Medizinischen Zentrum der Universität in Maywood ( Illinois) und zwei Kollegen im „British Journal of Sports Medicine“ (Bd. 45, S. 646).
Viele der einflussreichen sportmedizinischen Fachgesellschaften sind inzwischen bereits wieder zurückgerudert und haben ihre Trinkmengenempfehlungen gleichsam eingedampft. Einige Experten halten solche Vorgaben insgesamt für kontraproduktiv, zumal der Flüssigkeitsbedarf individuell unterschiedlich ist. So empfiehlt die International Marathon Medical Directors Association (IMMDA) sportlich aktiven Personen, die Flüssigkeitsaufnahme vornehmlich nach dem Durstgefühl zu richten (“Clinical Journal of Sports Medicine“, Bd. 16, S. 283). Mitunter könne es allerdings sinnvoll sein, mehr zu trinken, als der Körper fordert. Das sei etwa der Fall, wenn hohe Außentemperaturen herrschen und der Sportler nicht an Hitze gewöhnt ist.
Verbindungen von Forschern zur Getränkeindustrie?
Im Gegensatz hierzu propagiert das American College of Sports Medicine (ACSM), die weltweit größte sportmedizinische Fachgesellschaft, die Trinkmenge nach den Schweißverlusten und nicht nach dem Durstgefühl zu bemessen. Interessanterweise pflegen etliche Verfasser des betreffenden Positionspapiers enge Verbindungen mit der Getränkeindustrie, die den Flüssigkeitskonsum offenbar gern noch weiter ankurbeln würde. Ein solcher Verdacht entsteht jedenfalls, wenn man sich etwa die Website der „Hydration for Health Initiative“ des französischen Nahrungs- und Mineralwasserherstellers Danone ansieht. Unter der Überschrift „Wir trinken nicht genug Wasser“ wird hier suggeriert, dass viele Menschen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen würden, weil sie zu wenig Wasser trinken (www.h4hinitiative.com/about-healthy-hydration/we-dont-drink-enough-water/).
Zwar entstehen tatsächlich immer mehr Studien, deren Autoren Hinweise darauf sehen, dass selbst eine geringe Dehydrierung an der Entstehung verschiedener Krankheiten mitwirken kann. Doch es handelt sich bisher fast ausnahmslos um Studienergebnisse, die, wenn überhaupt, nur geringe Aussagekraft besitzen.
Wissenschaft und Wahrheit
Michael Germer (MGermer)
- 25.07.2011, 10:00 Uhr
Na, na, der Artikel ist jetzt ein wenig seicht!
Matthias Böhme (matthias.boehme)
- 24.07.2011, 06:47 Uhr
Es ist schlicht lächerlich,
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 24.07.2011, 04:37 Uhr
tja, Grimms Märchen
joachim tarasenko (truthful)
- 23.07.2011, 23:49 Uhr
Wird das Rad jetzt neu erfunden?
Stefan Schaller (hnosteve)
- 23.07.2011, 21:55 Uhr
