Home
http://www.faz.net/-gx3-6kany
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vorsorgeuntersuchung Augen zu und durch

 ·  Sehfehler in jungen Jahren treten häufig auf. Wird nicht frühzeitig behandelt, ist eine lebenslange Beeinträchtigung die Folge. Für das Sehscreening von Kindern im Vorschulalter wurde eine Lösung gewählt, die keine ist.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Augenerkrankungen, die bereits im Vorschulalter auftreten, sind nicht selten. Etwa 70.000 Kinder leiden an einer Hornhautverkrümmung oder an Weitsichtigkeit, weitere 35.000 schielen, und 21.000 leiden an Schwachsichtigkeit (Amblyopie). Behandelt man sie nicht, lernt das Auge, das beeinträchtigt ist oder sein Bild nicht optimal scharf stellen kann, nicht richtig sehen. Es überlässt dem besseren Partner die gesamte Arbeit. Das bedeutet, dass die Betroffenen lebenslang nur über ein einziges sehtüchtiges Auge verfügen.

In den Vereinigten Staaten ist die Schwachsichtigkeit die häufigste Ursache eines einseitigen Sehverlustes bei Menschen unter 40 Jahren. Meistens bemerken weder das Kind noch seine Eltern oder die Erzieherin im Kindergarten das einseitige Defizit, so gut kann das bessere Auge dies kompensieren. Erkennen lassen sich diese frühen unscheinbaren Beeinträchtigungen lediglich durch professionelle Untersuchungen. Ein systematisches Sehscreening im Vorschulalter durch die Augenärzte ist jedoch vorläufig gescheitert. Wie Wolf A. Lagrèze von der Universitätsklinik in Freiburg im „Deutschen Ärzteblatt“ schreibt, können offensichtlich selbst professionelle Gutachter nicht entscheiden, ob eine solche Vorsorgeuntersuchung sinnvoll und nützlich wäre.

Wie geht man Sehstörungen bei Kindern am besten an?

Beauftragt durch den Gemeinsamen Bundesausschuss hatte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG, vor zwei Jahren einen Bericht veröffentlicht, der den Nutzen eines augenärztlichen Screenings in Frage stellte. Der Bericht war von Seiten der Augenärzte massiv kritisiert worden. Fast gleichzeitig wurde in England vom National Institute of Health Research ein ähnlich umfassender Bericht vorgelegt, der letztlich dasselbe Datenmaterial zur Verfügung hatte und zu dem Schluss gelangt ist, dass ein flächendeckendes Sehscreening die Häufigkeit von einseitiger Schwachsichtigkeit senken könnte.

Zum einen stellt sich also die Frage, wie verlässlich Antworten einer nationalen Prüfinstanz sind. Zum anderen ist damit immer noch keine Lösung gefunden, wie man kindliche Sehstörungen am besten angeht. Einig ist man sich immerhin darin, dass die Häufigkeit der kindlichen Sehstörungen es rechtfertigt, nach ihnen zu suchen. Klar ist auch, dass es eine wirksame Behandlung gibt. Denn wenn man entweder eine Verkrümmung der Hornhaut mittels Brille ausgleicht oder das schwächere Auge quasi zu Sehübungen zwingt, indem man mit einer Augenklappe das stärkere abdeckt, holt das Kind den Rückstand wieder auf. Zudem lässt sich Schielen operativ durch Verkürzung der Augenmuskeln angehen. Das IQWiG bewertet indes den möglichen psychischen Schaden, den die Kinder erleiden können, weil sie etwa von anderen gehänselt werden, deutlich höher als die britische Kommission.

Schwarzer Peter an die Kinderärzte

Der Gesamtnutzen einer Vorsorgeuntersuchung hängt ebenfalls davon ab, wie man das Risiko für das sehtüchtige Auge beziffert. Geht es durch einen Unfall oder infolge der im Alter häufigen Makuladegeneration verloren, bedeutet dies den Verlust des gesamten Sehvermögens. Je nachdem, wie man die Lebensqualität bei Erblinden einschätzt, bemisst sich der Nutzen eines Screenings jeweils anders. Da aber die Datenlage offenbar keine definitive Entscheidung zulässt, sind die Beteiligten auf andere Kriterien angewiesen. In Deutschland hat man den Schwarzen Peter den Kinderärzten zugeschoben und ein zusätzliches, aber letztlich minderwertiges Sehscreening in die neue Vorsorgeuntersuchung U7a hineingepackt - ohne dass die geforderten Untersuchungen auch nur annähernd honoriert würden. Denn schon für Augenärzte ist eine solche Untersuchung keine Anfängerübung.

Lagrèze verweist auf eine von der Bertelsmann-Stiftung geförderte Studie, in der 665 Kindergartenkinder im Alter von dreieinhalb bis viereinhalb Jahren untersucht wurden. Spezialisten für das Schielen sind bestens darin geschult, die Sehfähigkeit von Kindern zu testen. Sie sind beispielsweise in Augenkliniken oder bei einem niedergelassenen Augenarzt tätig. 28 Prozent der von ihnen untersuchten Kinder zeigten Auffälligkeiten beim Sehen, aber diese waren zu 70 Prozent bei der U-Untersuchung von den Kinderärzten nicht entdeckt worden.

Die Berufsverbände der Kinderärzte und der Augenärzte sind sich darin einig, dass ein Vorschul-Sehscreening in die Hand der Augenärzte gehört hätte. Das nützt Eltern, die um diese Hintergründe wissen, aber wenig. Sie sind gut beraten, wenn sie im Kindergartenalter eine umfassende Vorsorgeuntersuchung von Spezialisten, die sich auf rund fünfzig Euro beläuft, selbst bezahlen. Denn auch dann, wenn das sehtüchtige Auge vieles zu kompensieren vermag, ist doch das räumliche Stereosehen schlechter oder funktioniert gar nicht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Gurken für Garfield

Von Christina Hucklenbroich

Ethisch motivierte Vegetarier kommen regelmäßig in Konflikte, dann nämlich, wenn sie die Näpfe ihrer fleischfressenden Haustiere füllen. Eine Studie untersucht nun, wie sie das Problem lösen. Mehr 38 36