Home
http://www.faz.net/-gx3-whm6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vitaminmangel Sonne für ein gesundes Herz

 ·  Jüngste Beobachtungen zeigen: Durch einen Mangel an Vitamin D können Diabetes, Bluthochdruck, einige Autoimmunleiden, Infektionen und Krebs begünstigt werden. Das „Lichthormon“ scheint dabei Balsam für die Blutgefäße zu sein.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Eine unzureichende Menge an Vitamin D scheint arteriosklerotisch bedingte Durchblutungsstörungen zu begünstigen, etwa Herzattacken, Schlaganfälle und schmerzhafte Gefäßverengungen der Beine. Das legen zumindest die Ergebnisse einer Studie nahe, die amerikanische Wissenschaftler um den Kardiologen Thomas Wang vom Massachusetts General Hospital in Boston vorgenommen haben. Die gesundheitlichen Wirkungen des durch Sonneneinstrahlung in der Haut erzeugten und – meist zu einem geringeren Anteil – mit der Nahrung aufgenommenen Vitamins sind seit geraumer Zeit Gegenstand intensiver Forschung.

Etlichen Beobachtungen zufolge beeinträchtigt ein Mangel an diesem Hormon die Knochenstabilität und viele physiologische Abläufe. So gibt es Hinweise darauf, dass unter anderem Diabetes, Bluthochdruck, einige Autoimmunleiden, Infektionen sowie Krebs begünstigt werden. Die Teilnehmer der amerikanischen Studie, knapp 2000 Männer und Frauen mittleren Alters, hatten zu Beginn keine Herz-Kreislauf-Erkrankung aufgewiesen.

Im Verlauf von durchschnittlich fünfeinhalb Jahren erlitten 120 von ihnen eine teilweise tödliche Herzattacke, einen Schlaganfall oder schwere Durchblutungsstörungen der Beine. Wie die Autoren in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Circulation“ (doi:10.1161/CirculationHA.107.706127) berichten, waren Personen mit wenig Vitamin D im Blut – höchstens 15 Nanogramm pro Milliliter – nahezu doppelt so häufig betroffen wie Teilnehmer mit höheren Konzentrationen der Substanz.

Beklagenswerte Datenlage

Mit den gesundheitlichen Folgen einer niedrigen Vitamin-D-Konzentration im Blut haben sich unlängst auch Forscher um David Martins und Keith Norris von der Charles Drew University in Los Angeles befasst. Sie werteten dazu Daten von rund 15 000 Männern und Frauen aller Altersgruppen aus. Es zeigte sich, dass Personen mit geringen Mengen des Vitamins im Blut tatsächlich vermehrt an Diabetes und hohem Blutdruck litten. Außerdem wiesen sie häufiger übermäßige Fettmengen im Blut auf („Archives of Internal Medicine“, Bd. 167, S. 1159).

Ob ein Mangel an Vitamin D arteriosklerotische Erkrankungen tatsächlich fördert oder lediglich eine Begleiterscheinung darstellt, geht aus den beiden Studien allerdings nicht hervor. Die Substanz gibt noch viele Rätsel auf – und das, obwohl sich zahlreiche Wissenschaftler schon lange mit den Wirkungen dieses an etlichen zellulären Prozessen beteiligten Botenstoffs befassen. Dass man erst über wenige klinisch brauchbare Erkenntnisse verfügt, bezeichnete der Endokrinologe Johannes Pfeilschifter von der Klinik für Innere Medizin III am Alfried Krupp Klinikum in Essen als frustrierend. Einer der Gründe für dieses Manko sei eine unzureichende Standardisierung der Messverfahren.

Vier Stunden Sonne zu wenig?

Die Testergebnisse der einzelnen Labore unterschieden sich mitunter erheblich. Somit ließen sich die Resultate verschiedener Studien schwer vergleichen. Ebenfalls ungeklärt ist nach wie vor, wie lange man sich im Tageslicht aufhalten muss, damit die körpereigenen Vitamin-D-Speicher hinreichend aufgefüllt werden. Bisher gilt der Rat, täglich mindestens eine halbe Stunde im Freien zu verbringen. Aus einer neueren Studie geht indessen hervor, dass selbst vier Stunden Sonnenlicht am Tag nicht in allen Fällen ausreichen, den derzeit empfohlenen Wert von rund 30 Nanogramm pro Milliliter Blut zu erzielen.

Bei der Hälfte der rund einhundert gesunden jungen Männer und Frauen, die an der Studie teilgenommen hatten, lag der Wert darunter, zum Teil sogar deutlich (“Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism“, Bd. 92, S. 2130). Eine Schwierigkeit besteht freilich darin, die tatsächliche Sonneneinstrahlung genau zu erfassen. Wie viel Licht der Körper abbekommt, hängt etwa von der Größe der exponierten Hautfläche, der Pigmentierung sowie der Art und Menge der verwendeten Sonnenschutzmittel ab.

Vitaminpillen für Jedermann

Als bislang wichtigster Grund, den Vitamin-D-Gehalt im Blut zu erhöhen, gilt der Schutz vor Knochenbrüchen. Auch hierbei bestehen allerdings noch viele Unklarheiten. Offen ist unter anderem, welche Konzentration mindestens erreicht werden sollte. Verschiedenen Beobachtungen zufolge könnte dieser Wert zwischen 20 und 30 Nanogramm pro Milliliter Blut liegen, wenn man dem Körper zudem rund ein Gramm Kalzium pro Tag zuführt. Beweise stehen indes noch aus.

Durch das Sonnenlicht lässt sich eine so hohe Konzentrationen oft nicht erreichen, wie Pfeilschifter zu bedenken gibt. Strebte man solche Werte an, müsste hierzulande ein erheblicher Teil der Bevölkerung Vitaminpillen einnehmen, denn durchschnittlich fänden sich nur etwa 20 Nanogramm Vitamin D im Blut. Angesichts der dünnen Datenlage sei eine so weitreichende Behandlung derzeit aber kaum vertretbar.

Das „Lichthormon“
Vitamin D scheint
neuen Erkenntnissen zufolge Balsam für Blutgefäße zu sein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen

Die Bändigung des Klons

Von Joachim Müller-Jung

Das Klonen von Embryonen muss gezügelt werden. In der Praxis dürfte sich der biotechnische Fortschritt ohnehin als unbrauchbar erweisen. Die Alternativen sind vielversprechend. Mehr 23 60