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Verordnung von Neuroleptika Wenn Kindern ihre Impulsivität im Weg steht

Stark wirksame Psychopharmaka wie Risperidon werden hierzulande vermehrt für hyperaktive und aggressive Kinder eingesetzt - ein alarmierender Trend?

© dpa Vergrößern „Zappelphilipp“ werden heute Kinder genannt, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde

Alexander ist acht und nimmt Risperidon, damit er nicht mehr so reizbar und aggressiv ist. Sara, zwölf, bekommt das Medikament ebenfalls und „ist seitdem viel aufnahmefähiger und konzentrierter bei der Sache“. Eine Mutter schreibt, ihrem siebenjähriger Sohn habe man das Mittel auch verordnet; der Arzt habe gesagt, der Junge könne seine Impulse dann besser steuern. Was Leser von Internetforen wie „Rehakids“ und „Eltern.de“ längst wissen, ist jetzt durch den Arzneimittelreport der Barmer GEK ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt: Antipsychotika wie Risperidon, ein atypisches Neuroleptikum, werden in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nur noch in einem Bruchteil der Fälle für die klassischen Indikationen wie Schizophrenie eingesetzt und finden hauptsächlich bei anderen Diagnosen Verwendung, etwa bei der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS oder bei einer Störung des Sozialverhaltens.

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Die Studie der Krankenkasse belegt, dass die Verschreibungen von Antipsychotika für Kinder und Jugendliche von 2005 bis 2012 um 41 Prozent gestiegen sind. Diesen Trend hat Gerd Lehmkuhl, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln, schon vor drei Jahren im Fachjournal „Psychiatric Services“ und im „Deutschen Ärzteblatt“ aufgezeigt. Die Daten der Studien stammten von der AOK Hessen und belegten, dass zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2006 die Verschreibung von Antipsychotika um gut fünfzig Prozent zugenommen hatte. Man könne „eine Verschiebung von der Diagnose Schizophrenie hin zu Diagnosen, die mit Verhaltensproblemen in Zusammenhang stehen“, verzeichnen, schrieb Lehmkuhl damals.

Die Schulsituation ist entscheidend

„Kinder, die sozial auffällig sind und oppositionelles Verhalten zeigen, bekommen zunehmend atypische Neuroleptika“, erklärt der Mediziner. „Meist sind es Kinder im höheren Grundschulalter oder während des Übergangs zur weiterführenden Schule, die eine ADHS-Problematik zeigen, die mit Aggression vermischt ist.“ Dementsprechend stieg die Verordnung von Antipsychotika von 2005 bis 2012 vor allem bei Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und neunzehn Jahren. Im Jahr 2011 waren 48 Prozent der Patienten, die Antipsychotika erhielten, der Gruppe derjenigen mit einer ADHS-Diagnose zuzuordnen, 29 Prozent wiesen eine Störung des Sozialverhaltens auf, 26 Prozent litten an einer Depression. Nur sechs Prozent hatten die Diagnose Schizophrenie erhalten.

In den Vereinigten Staaten sei dieser Trend deutlich massiver, sagt Lehmkuhl. „In Deutschland ist die Vorsicht vor Medikation relativ hoch. Viele Eltern googeln, informieren sich, stellen kritische Fragen.“ Anders als in Amerika erhalten Kleinkinder in Deutschland kaum bis gar keine Neuroleptika. Bei den bis vier Jahre alten Kindern sank dem neuen Report zufolge der Anteil der Patienten mit Antipsychotika-Verschreibungen zwischen 2005 und 2012 sogar von 0,15 auf 0,01 Prozent. Der zentrale Punkt bei älteren Kindern sei, ob es in schulischen Zusammenhängen große Schwierigkeiten gebe, sagt Lehmkuhl. „Wenn es da nicht läuft, wird die Medikation eher akzeptiert.“

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