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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Verbreiteter Vitamin-D-Mangel Vergiss nicht die Sonnenvitamine!

 ·  Ärzte und Wissenschaftler sind besorgt: Immer mehr Menschen haben zu wenig Vitamin D im Blut. Das zeigen neue Studien. Die Folgen können gravierend sein.

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Vitamin D, am besten bekannt für seine knochenstärkende Wirkung, spielt unter anderem bei der Abwehr von Krankheitserregern eine bedeutsame Rolle. Wie das bei Sonneneinstrahlung in der Haut erzeugte Hormon - die Bezeichnung Vitamin ist eigentlich irreführend - dem Immunsystem genau den Rücken stärkt, lässt sich erst bruchstückhaft beantworten. Einen neuen Mosaikstein in dem noch unvollständigen Puzzle haben nun Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und Südkorea gefunden. Demnach erteilen die sogenannten T-Lymphozyten, wichtige Immunzellen des spezifischen Abwehrsystems, dem Sonnenhormon bei einer Feindesattacke den Auftrag, die Produktion tödlicher Immunwaffen in Gang zu bringen. Das berichten die Studienautoren um den Dermatologen Mario Fabri von der University of California im Journal "Science Translational Medicine".

In der aktuellen Untersuchung sind die Forscher der Frage nachgegangen, welche "Mittelsmänner" die T-Lymphozyten einsetzen, um den Erreger der Tuberkulose, Mycobacterium tuberculosis, zur Strecke zu bringen. Besonderes Augenmerk richteten sie dabei auf ein von den T-Lymphozyten freigesetztes Signalmolekül namens Interferon-Gamma, das für den Vernichtungsschlag unerlässlich zu sein scheint. Jedenfalls sind Personen mit genetisch bedingtem Mangel oder Funktionsausfall dieses Botenstoffs außergewöhnlich anfällig für eine Tuberkulose. Rätselhaft war bislang gleichwohl, weshalb das von Interferon-Gamma vermittelte Alarmsignal nicht immer die erwünschte Wirkung zeigt. Mitunter können nämlich selbst hohe Konzentrationen dieses Signalmoleküls die für die Zerstörung des Feindes zuständigen Fresszellen nicht dazu bewegen, zum Angriff überzugehen.

Wie Fabri und seine Kollegen herausgefunden haben, nehmen die Mikroben vertilgenden Immunzellen den von Interferon-Gamma vermittelten Kampfaufruf nur wahr, wenn ihnen ausreichende Mengen an Vitamin D zur Verfügung stehen. Über eine Aktivierung einschlägiger Gene sorgt das Sonnenhormon dann dafür, dass die Waffenproduktion in den Fresszellen anläuft und die benötigten immunologischen Geschütze herstellt. Ist der Gehalt von Vitamin D im Blut hingegen zu gering, kommen die Invasoren ungeschoren davon. Dieselbe von Vitamin D betriebene Waffenschmiede nutzt im Übrigen auch das entwicklungsgeschichtlich alte, angeborene Immunsystem. Im Unterschied zu seinem spezifischen Geschwister geht dieses weniger zielgenau vor, kämpft dafür aber an vorderster Front. Beide Säulen des menschlichen Abwehrsystems - das spezifische und das angeborene - scheinen somit auf die tatkräftige Unterstützung des Sonnenhormons angewiesen zu sein.

Wenig verwundern kann es vor diesem Hintergrund, dass ein Mangel des Cholesterinabkömmlings Vitamin D mit einem erhöhten Risiko für Tuberkulose und andere Infektionen einhergeht. Nicht ohne Grund hätten sich die ehemaligen Tuberkulose-Kliniken in Gegenden mit hoher Sonneneinstrahlung befunden, schreibt Joan Lappe vom Zentrum für Osteoporoseforschung der Creighton University in Omaha im "Journal of Evidenced-Based Complementary & Alternative Medicine" (Bd. 16, S. 58). Schon damals habe man die immunstärkende Wirkung von Sonnenlicht erkannt. Beunruhigend sei daher auch, dass zunehmend mehr Menschen einen Vitamin-D-Mangel aufweisen. In Nordamerika betreffe dieser mittlerweile 65 bis 80 Prozent der Gesamtbevölkerung; bei den dunkelhäutigen US-Bewohnern liege der entsprechende Anteil noch höher, zumal das Sonnenlicht in stark pigmentierte Haut weniger gut eindringe.

Wie Untersuchungen in Deutschland ergeben haben, ist die Situation hierzulande offenbar vergleichbar. Als den wichtigsten Grund für diesen verbreiteten Missstand bezeichnet die Osteoporoseforscherin Lappe eine zu geringe Sonnenexposition. So hielten sich die meisten Menschen kaum noch im Freien auf und wendeten aus Angst vor Hautkrebs obendrein beständig Sonnencremes an. Schon bei einem Lichtschutzfaktor von lediglich 8 gehe die Vitamin-D-Herstellung in der Haut aber um rund 95 Prozent zurück. Die mit der Nahrung zugeführten Mengen des Hormons seien zugleich zu gering, um dem Körper ausreichende Mengen an Vitamin D zuzuführen.

Eine Unterversorgung mit dem in fast allen Zellen aktiven Botenstoff beeinträchtigt indes möglicherweise nicht nur den Knochenaufbau und das Abwehrsystem. Etliche Beobachtungen sprechen vielmehr dafür, dass dabei außerdem die Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Krankheit, Autoimmunleiden und Krebs zunehmen könnte. In welchen Konzentrationen Vitamin D im Blut vorhanden sein muss, um den Organismus vor solchen Leiden zu schützen, lässt sich zwar noch nicht mit Sicherheit sagen. Als erstrebenswert gelten gleichwohl Konzentrationen von 20 bis 30 Nanogramm pro Milliliter Blut (ng/ml), zumal die Stabilität der Knochen dabei weitgehend gesichert ist. Das Optimum dürfte laut Einschätzung von Experten allerdings darüber liegen. Denn wie aus vielen Untersuchungen hervorgeht, wirkt das Sonnenvitamin erst bei Werten von deutlich über 32 ng/ml der Entstehung von Krebserkrankungen entgegen. Um solche Blutspiegel zu erzielen, müsse man sich entweder regelmäßig der Sonne aussetzen oder aber Vitaminpillen einnehmen, schreibt Lappe. Wie lange sich der Einzelne im Freien aufhalten muss, um seine Vitamin-D-Speicher hinreichend zu füllen, hängt von vielen Faktoren ab. Neben der Hautpigmentierung zählen hierzu insbesondere das Alter und die Intensität des Sonnenlichts. Viele Experten halten eine künstliche Zufuhr von Vitamin D daher für größtenteils unumgänglich. Blutwerte im Bereich von 30ng/ml lassen sich vielfach aber nur mit höher dosierten Vitaminpillen erreichen, wie die Wissenschaftlerin zu bedenken gibt. Um den Blutgehalt etwa von 15 auf 30 ng/ml anzuheben, müsse man täglich rund 1500 Internationale Einheiten (IU) des Hormons zuführen.

Die einschlägigen Fachgesellschaften zeigen sich bislang eher zurückhaltend. Gemäß der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sollten Personen bis zum 65. Lebensjahr täglich 200 IU und danach 400 IU Vitamin D aufnehmen. Demgegenüber hat das American Institute of Medicine seine einschlägigen Empfehlungen kürzlich auf entsprechend 600 und 800 IU aufgestockt. Zugleich warnt die zur Nationalen Wissenschaftsakademie zählende Einrichtung vor einer unkritischen Anwendung von Vitamin D. So könne ein Blutgehalt über 50ng/ml möglicherweise schädliche Auswirkungen haben. Dass diese Befürchtung berechtigt ist, wird zwar von vielen Ernährungswissenschaftlern bezweifelt. Vorsicht scheint dennoch angebracht. Denn auch die vermehrte Aufnahme von Vitamin E galt lange Zeit als gesundheitsfördernd, bis eine aktuelle Studie das Gegenteil zutage gefördert hat ("Jama" 2011, Bd. 306, S. 1549): In Pillenform eingenommen, schützt das natürlicherweise mit Pflanzenkost zugeführte Vitamin Männer demnach nicht vor Prostatakrebs, sondern treibt das Risiko für diese häufigste Tumorart des männlichen Geschlechts vielmehr in die Höhe.

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