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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.03.2012, 10:00 Uhr

Umweltchemikalien Kunststoff im Kinderurin

Weichmacher wirken wie Hormone und finden sich fast überall, etwa in Plastikpielzeug und Kosmetik. Bei Kindern und Schwangeren werden alarmierend hohe Werte festgestellt.

© AFP Weichmacher finden sich oftmals in Plastikspielzeug

Es ist nicht alles Hormon, was hormonell aktiv ist. Endokrine Disruptoren nennt die Fachwelt jene Umweltchemikalien, die bei Tier und Mensch vorwiegend die Sexual- und Schilddrüsenhormone, aber auch andere Stoffwechselwege durcheinanderbringen. Es leuchtet unmittelbar ein, dass dies geschieht, wenn Arzneimittel, etwa östrogenhaltige Verhütungsmittel, ins Abwasser gelangen. Weit weniger ist ersichtlich, dass auch solche Substanzen Hormonwirkungen entfalten, die sich wie Tributylzinn in antimikrobieller Sportbekleidung finden, dass es Alkylphenole in Rasiercremes sein können oder das fast ubiquitäre Bisphenol A, das in der weißen Innenbeschichtung von Konservendosen, in Plastikkontaktlinsen, in weißen Zahnfüllungen oder in Datenträgern vorkommt.

Immer häufiger interessieren sich Mediziner für die Gefahren, die von Umweltchemikalien ausgehen - allen voran die Endokrinologen als Spezialisten für den Hormonhaushalt. Auf ihrem Jahreskongress in Mannheim konnte man in der vergangenen Woche von dem Chemiker Holger Koch lernen, wie schwierig es ist, diese Risiken genau zu beziffern. Koch, der am Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung an der Ruhr-Universität Bochum tätig ist, deklinierte am Beispiel der Phthalate durch, wie sehr es auf eine ausgefeilte Messmethodik ankommt, um Belastungen zu erfassen.

In Folien, Schuhsohlen, Spielzeug

Phthalate werden hauptsächlich als Weichmacher PVC-Kunststoffen zugesetzt, sie kommen in jedermanns Alltag vor. Folien zum Abdichten und Dämmen enthalten sie ebenso wie Bodenbeläge, Kabel oder Bauteile in Fahrzeugen. Sie finden sich in Schuhsohlen, im Spielzeug, in Kosmetika und in Plastikdosen zur Aufbewahrung des Pausenbrots. Nicht zuletzt sind sie überall im Medizinbetrieb zu finden, in Schläuchen, Blutbeuteln, Handschuhen, Kathetern, Sauerstoffmasken und als Überzug von Medikamentenkapseln, die der Magensäure widerstehen sollen. Prinzipiell nehmen wir aus der Luft, durch die Haut und über die Nahrung Phthalate auf. Vom Phthalatgehalt in einem Produkt lässt sich jedoch nicht zwingend auf dessen Gefahrenpotential schließen. Das gilt auch für den Gehalt in der Raumluft. Deshalb hatte zwar jene Studie vom Bund für Umwelt und Naturschutz im letzten Jahr viel Aufsehen erregt, die zeigte, dass die Phthalatkonzentration in der Raumluft von Kindertagesstätten um ein Vielfaches höher ist als in privaten Haushalten. Nur: Was das für den Organismus der Kinder bedeutet, ist weit weniger klar. So hatte sich schon in der Pilotphase einer großen Kinder-Überwachungsstudie gezeigt, dass Hausstaub trotz hohen Phthalatgehaltes nicht unbedingt eine Hauptbelastungsquelle für Kinder und Heranwachsende darstellt.

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