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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Umweltchemikalien Kunststoff im Kinderurin

 ·  Weichmacher wirken wie Hormone und finden sich fast überall, etwa in Plastikpielzeug und Kosmetik. Bei Kindern und Schwangeren werden alarmierend hohe Werte festgestellt.

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Es ist nicht alles Hormon, was hormonell aktiv ist. Endokrine Disruptoren nennt die Fachwelt jene Umweltchemikalien, die bei Tier und Mensch vorwiegend die Sexual- und Schilddrüsenhormone, aber auch andere Stoffwechselwege durcheinanderbringen. Es leuchtet unmittelbar ein, dass dies geschieht, wenn Arzneimittel, etwa östrogenhaltige Verhütungsmittel, ins Abwasser gelangen. Weit weniger ist ersichtlich, dass auch solche Substanzen Hormonwirkungen entfalten, die sich wie Tributylzinn in antimikrobieller Sportbekleidung finden, dass es Alkylphenole in Rasiercremes sein können oder das fast ubiquitäre Bisphenol A, das in der weißen Innenbeschichtung von Konservendosen, in Plastikkontaktlinsen, in weißen Zahnfüllungen oder in Datenträgern vorkommt.

Immer häufiger interessieren sich Mediziner für die Gefahren, die von Umweltchemikalien ausgehen - allen voran die Endokrinologen als Spezialisten für den Hormonhaushalt. Auf ihrem Jahreskongress in Mannheim konnte man in der vergangenen Woche von dem Chemiker Holger Koch lernen, wie schwierig es ist, diese Risiken genau zu beziffern. Koch, der am Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung an der Ruhr-Universität Bochum tätig ist, deklinierte am Beispiel der Phthalate durch, wie sehr es auf eine ausgefeilte Messmethodik ankommt, um Belastungen zu erfassen.

In Folien, Schuhsohlen, Spielzeug

Phthalate werden hauptsächlich als Weichmacher PVC-Kunststoffen zugesetzt, sie kommen in jedermanns Alltag vor. Folien zum Abdichten und Dämmen enthalten sie ebenso wie Bodenbeläge, Kabel oder Bauteile in Fahrzeugen. Sie finden sich in Schuhsohlen, im Spielzeug, in Kosmetika und in Plastikdosen zur Aufbewahrung des Pausenbrots. Nicht zuletzt sind sie überall im Medizinbetrieb zu finden, in Schläuchen, Blutbeuteln, Handschuhen, Kathetern, Sauerstoffmasken und als Überzug von Medikamentenkapseln, die der Magensäure widerstehen sollen. Prinzipiell nehmen wir aus der Luft, durch die Haut und über die Nahrung Phthalate auf. Vom Phthalatgehalt in einem Produkt lässt sich jedoch nicht zwingend auf dessen Gefahrenpotential schließen. Das gilt auch für den Gehalt in der Raumluft. Deshalb hatte zwar jene Studie vom Bund für Umwelt und Naturschutz im letzten Jahr viel Aufsehen erregt, die zeigte, dass die Phthalatkonzentration in der Raumluft von Kindertagesstätten um ein Vielfaches höher ist als in privaten Haushalten. Nur: Was das für den Organismus der Kinder bedeutet, ist weit weniger klar. So hatte sich schon in der Pilotphase einer großen Kinder-Überwachungsstudie gezeigt, dass Hausstaub trotz hohen Phthalatgehaltes nicht unbedingt eine Hauptbelastungsquelle für Kinder und Heranwachsende darstellt.

Der Phthalatnachweis in Körperflüssigkeiten wie Blut oder Urin ist deshalb weit aussagekräftiger. Dieses Bio-Monitoring gilt als das bisher beste Maß, um unabhängig von der äußeren Schadstoffbelastung eine Art Integral der inneren Belastung zu bilden. Wie Koch in Mannheim erläuterte, darf man sich nicht damit begnügen, die Belastung anhand einzelner Substanzen oder deren Stoffwechselprodukten zu messen. Man muss den Gesamtphthalatcocktail, die Summenbelastung berücksichtigen, sonst läuft man Gefahr, das Risiko zu unterschätzen. So sind zwar für einzelne Phthalate Tagesdosen definiert, deren Aufnahme als tolerabel eingestuft wird. Untersucht man indes die Wirkung von Gemischen, so stellt sich heraus, dass drei oder vier Substanzen, die jede für sich genommen unterhalb der tolerablen Dosis liegen, in ihrer Summe einen messbaren und schädlichen Hormoneffekt haben können. Im Rahmen einer Untersuchung an elf Schulen wurden Urinproben der dort eingeschulten fünf- oder sechsjährigen Kinder gesammelt. Bei 24 Prozent der Kinder war der Summenindex für die zulässige Höchstbelastung überschritten, mehr als die Hälfte der Kinder überschritt die Fünfzig-Prozent-Grenze der tolerablen Tagesdosen und einige der gemessenen Höchstbelastungen waren um ein Vielfaches höher als die erlaubten Grenzwerte. Ähnlich besorgniserregende Überschreitungen wurden in einem Kollektiv von schwangeren Frauen in den Vereinigten Staaten gefunden. Das bedeutet: wo immer auch die nachgewiesenen Phthalate herkommen mögen, sie sind bei gefährdeten Personen wie Kindern und Schwangeren in alarmierender Konzentration nachweisbar. Diese Ergebnisse gäben derzeit, so Koch in Mannheim, nicht nur Anlass zur Sorge, sondern führten auch zu konkreten Überlegungen, die Verwendung von Phthalaten deutlicher als bisher zu verringern. Zurzeit stehen die Phthalate erneut auf der Prüfagenda der Amerikanischen Kommission für Verbraucherschutz (CHAP).

Fruchtbarkeit eingeschränkt

Phthalate wirken antiandrogen, sie schwächen die Wirkung männlicher Hormone ab, indem sie die Produktion von Testosteron unterdrücken. In der verletzlichen Phase der sexuellen Reifung im Tierversuch bei Ratten zeigt sich dies als Entmännlichung und Verweiblichung der Föten: das „Phthalatsyndrom“. Es kommt zu Missbildungen der äußeren Genitalien, Hodenhochstand, einer mangelhaften Spermienproduktion, die Fruchtbarkeit ist eingeschränkt, die Brustwarzenanlage bildet sich beim Männchen nicht - wie es normal wäre - zurück und als besonders kennzeichnend gilt ein verringerter Abstand zwischen Anus und Genitalien. Obwohl diese Fehlentwicklung große Ähnlichkeit mit dem Testikulären Dysgenesie-Syndrom des Menschen hat und dessen Zunahme mit der steigenden Belastung durch Umweltchemikalien in Verbindung gebracht wird, gibt es keine lückenlose Ursache-Wirkung-Beweiskette hierfür.

Immerhin sind inzwischen vier Phthalate (DEHP, DiBP, DnBP und BBP) als fortpflanzungsgefährdend oder reproduktionstoxisch eingestuft, in Kinderspielzeug und Kosmetika sind sie verboten, in Medizinprodukten ist ihre Verwendung zumindest zu kennzeichnen. Für den Verbraucher ist die Lage gleichwohl verwirrend, gibt es doch eine Vielzahl anderer und neuer Phthalate, die die traditionellen Weichmacher verdrängen, deren Gefahrenpotential aber noch viel weniger untersucht ist. Die schiere Menge der produzierten Kunststoffe macht den Kontakt mit den ihnen beigemischten Weichmachern unausweichlich. Global werden über 250 Millionen Tonnen Kunststoff hergestellt, ein Viertel davon in Europa, siebeneinhalb Prozent in Deutschland. Allein Weich-PVC-Kunststoff besteht zu gut einem Drittel aus Phthalaten, deren Produktion weltweit 2008 bei über fünf Millionen Tonnen lag, Tendenz steigend. In Westeuropa werden jährlich rund eine Million Tonnen Phthalate verbraucht. Auf der Homepage des Umweltbundesamtes ist eine umfassende Darstellung, nicht zuletzt auch eine für den Verbraucher nützliche Auflistung von Alternativprodukten zu finden. Der Druck der Abnehmer und Verbraucher wird inzwischen immer größer. Als Indiz für den anstehenden Wandel und Boykott phthalathaltiger Produkte mag dienen, dass sich manche Firmen schon völlig umgestellt haben und damit werben, dass sie ausschließlich Kunststoffe mit alternativen Weichmachern verwenden.

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