15.07.2009 · Der freie Wille: Mit Internet und E-Mail lassen sich Übergewichtige kaum effektiv zur körperlichen Ertüchtigung animieren. Eher schon mit den klassischen Werbespots in Massenmedien. Ist die Fettsucht-Epidemie zu stoppen?
Von Joachim Müller-Jung„Abnehmen per Chatroom“. Solche Angebote klingen heute schon so selbstverständlich, dass sich die Frage, die sich die Stiftung „Rufzeichen Gesundheit“ für ihr diesjähriges Symposion zum Thema Metabolisches Syndrom gestellt hat, fast zu erübrigen scheint: Sind radikale Verhaltensänderungen möglich oder eine bloße Utopie? Anders gefragt: Ist Abspecken als freiwillige Massenbewegung möglich? Ist es denkbar und machbar in einer Gesellschaft, die dieser „Pandemie mit psychosozialen Wurzeln“, so der Dresdener Diabetes-Experte Markolf Hanefeld, mehr oder weniger wehrlos ausgeliefert zu sein scheint.
Das Klinikum Berchtesgadener Land sucht wie andere eine Breitenwirkung mit modernsten medialen Mitteln, dem Online-Chat. Patienten tauschen sich im Internet mit Fachleuten aus, die ihre Erfahrungen mit diätwilligen Dicken und Fettleibigen weitergeben. Was das außer dem gewünschten Werbeeffekt bringt - keiner weiß es. Zumindest dieses hat vor wenigen Tagen eine in der Online-Zeitschrift „Plos Medicine“ veröffentlichte Vergleichsstudie aus Australien gezeigt: Mit Internet und E-Mail lassen sich Übergewichtige kaum effektiv zur körperlichen Ertüchtigung animieren. Eher schon mit den klassischen Werbespots in Massenmedien oder mit bürgernahen Bewegungsprogrammen auf lokaler Ebene, bei denen Schrittzähler zur Selbstkontrolle eingesetzt werden.
Fachleute sprechen vom Metabolischen Syndrom
Alles schon einmal dagewesen, denkt man, und dennoch setzt sich die Seuche Fettsucht ungehindert fort. In Deutschland vereint schon gut die Hälfte der Fünfundfünfzig- bis Siebzigjährigen jene für die Herzgesundheit so gefährliche Kombination an Risikofaktoren. Kommen zur Fettleibigkeit zwei weitere Risikofaktoren - Diabetes, Fettstoffwechselstörung oder Bluthochdruck - hinzu, sprechen Fachleute vom Metabolischen Syndrom.
Was die genaue Definition des Begriffs angeht, gibt es noch Klärungsbedarf unter den Experten. Wenn es allerdings um die Ursachen für das metabolische Entgleisen geht, sind sich die allermeisten einig: Die luxuriösen Fettpolster im Bauchraum und um die Taille sind der Hauptgrund für das wachsende Übel. Dieses Fettgewebe greift besonders gravierend in den Stoffwechsel ein.
Deutlicher Knick in der Bewegungsbereitschaft der Kinder
Keine Neuigkeit, wenn man so will, doch wie lässt sich möglichst „minimalinvasiv“ dagegen ankämpfen, also weniger pharmakologisch oder operativ denn mit der puren Willenskraft, so lautete die alles entscheidende Frage für das Symposion in Baierbrunn bei München. Wie erreicht man, dass sich die Leute mehr bewegen und maßhalten beim Essen? Für Klaus Bös, Sportwissenschaftler an der Universität Karlsruhe, liegt die Wurzel des Übels in der Erziehung und Bildung. Die Fundamente des trägen Lebensstils würden heutzutage im Kindesalter geprägt. Der Leiter der „Momo-Studie“, einer bundesweiten Untersuchung zur Kinderfitness, hat einen deutlichen Knick in der Bewegungsbereitschaft der Kinder ab dem Alter von elf Jahren festgestellt. Doch schon vorher sind die Sportdefizite greifbar: Schon bei der Einschulung müssten heute die Hälfte der Schüler als inaktiv eingestuft werden.
19 Prozent der Schüler in der dritten und vierten Klasse gelten mittlerweile als übergewichtig oder fett, „ein Wert, der noch in den neunziger Jahren bei etwa zehn Prozent lag“, sagte Bös. Die Leistungswerte der Schüler in den Leichtathletik-Disziplinen habe sich in Tests in dreißig Jahren um ein Zehntel verschlechtert. Und wenn man die Erwachsenen ansieht, so Bös, existiere Bewegungsbereitschaft mehrheitlich auch nur in der Phantasie: Bei Umfragen geben zwar zwei Drittel zwar an, regelmäßig Sport zu treiben, in Wirklichkeit aber bringen es lediglich 13 Prozent auf moderate Bewegungsübungen über wenigstens zwei Stunden wöchentlich mit einem Energieverbrauch von mindestens 780 Kilokalorien.
„Volation“ statt Motivation
Wer also gefragt zu sein scheint, ist der Psychologe. In Baierbrunn versuchte Reinhard Fuchs, Sportpsychologe an der Universität Freiburg, mit den neuen Interventionsmöglichkeiten seiner Zunft zu überzeugen. Keine Neubelebung der ehrwürdigen, mehr als hundert Jahre alten Motivationspsychologie - die hat in Sportbegeisterung heute offenkundig ihre Grenzen. „Die Leute sind oft schon stark motiviert, was dagegen häufig fehlt, ist die Umsetzungskompetenz“, sagte Fuchs. Die Erfolge bisheriger Motivationsversuche unter psychologischer Anleitung jedenfalls seien dürftig: Die vier bislang aussagekräftigsten kontrollierten Studien hätten eine „traurige Bilanz“. Fuchs spricht deshalb lieber abgehoben von „Volation“ statt von Motivation.
Damit ist eine Art nachhaltiger Selbststeuerung oder Selbstmotivation gemeint, mit der letzten Endes der innere Schweinehund überwunden werden soll. In Freiburg hat man entsprechende „MoVo“- Programme aufgelegt. Die beinhalten eine Art Fünf-Punkte-Plan, ein gezieltes Willenstraining, das die Teilnehmer gegen jede Störung ihres Abspeckvorhabens rüsten soll. Dazu gehören ein paar Sitzungen beim Psychologen, der dabei hilft, die Ziele festzusetzen und nicht wieder aus den Augen zu verlieren. Ein Jahr nach Beginn des Projekts, berichtete Fuchs, würden unter den achtundachtzig so geschulten Klinikpatienten immerhin siebzehn Prozent mehr als in der unbehandelten Kontrollgruppe regelmäßig Sport treiben. Langfristig versprechen solche Projekte freilich nur Erfolge, so Fuchs, wenn die psychologische Unterstützung nach einer Weile aufgefrischt würde.
Die wenigsten sehen ihr Gewicht als Krankheit an
Den Psychologen im Arzt vermisste auch der Hauptredner des Baierbrunner Symposions, Julio Licinio von der University of Miami. Der ausgebildete Endokrinologe und Internist, der sich zum Psychiater umschulte, beklagte, dass nirgendwo auf der Welt die Allgemeinmediziner psychologisch geschult seien und die Psychotherapeuten ihrerseits nichts mit dem Metabolischen Syndrom anzufangen wüssten. „Wenn wir effektive Verhaltenstherapien für fettleibige Menschen entwickeln wollen, müssen wir das Wissen zusammenführen, und zwar schon in der Ausbildung“, sagte Licinio.
Was bei solchen gutgemeinten Professionalisierungswünschen unter den Tisch fällt: Die wenigsten Dicken sehen ihr Gewicht und ihren Lebensstil als Krankheit an und tauchen deshalb die längste Zeit erst gar nicht in den Praxen auf - weder beim Internisten noch beim Psychologen. Frühe Interventionen und Breitenwirkung sind so kaum zu erreichen.
Sie essen zuviel...
Alfons Crocusé (ALCR)
- 15.07.2009, 14:55 Uhr
help yourself!
Sylvia Fox (SylviaFox)
- 15.07.2009, 15:01 Uhr
Alles eine Sache der Interpretation!
Michael Bothe (mmbothe)
- 15.07.2009, 21:43 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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