Dass verengte Herzkranzarterien oft unnötigerweise mit Herzgefäßstützen, sogenannten Stents, versehen werden, ist in medizinischen Fachkreisen ein offenes Geheimnis. Was indes viele nicht ahnen: Das Ausmaß der Überversorgung liegt vermutlich noch weitaus höher als vermutet. Denn Stent-Implantationen scheinen, zusätzlich zu der ohnehin erforderlichen Arzneimitteltherapie, einem erheblichen Anteil der Betroffenen überhaupt keinen Nutzen zu bringen.
Was schon früher gelegentlich beobachtet wurde, zeigen nun auch die Ergebnisse einer von amerikanischen Forschern vorgenommenen Analyse. Eingegangen sind darin die Daten von acht Studien, an denen zusammen 7229 ältere Männer und Frauen mit stabiler koronarer Herzkrankheit beteiligt gewesen waren. Bei ihnen besteht keine unmittelbare Gefahr, dass einer der Gefäßablagerungen aufbricht und einen Infarkt auslöst. Was das Protokoll der acht Studien betrifft, waren alle Studienteilnehmer mit den gängigen Arzneimitteln behandelt worden. Eine Hälfte von ihnen hatten die Ärzte darüber hinaus mit Gefäßstützen versorgt. Wie die Kardiologin Kathleen Stergiopoulos vom University Medical Center in Stony Brooks in New York und ihr Kollege David Brown in den „Archives of Internal Medicine“ (Bd. 172, S. 312) schreiben, erlagen im Verlauf von etwas mehr als vier Jahren neun Prozent aller Patienten einem schweren Leiden - und das unabhängig davon, ob sie lediglich Medikamente eingenommen oder sich obendrein einer Stent-Implantation unterzogen hatten.
Auch erlitten in beiden Gruppen ähnlich viele Probanden einen Herzinfarkt. Keinen nennenswerten Unterschied gab es zwischen den Kollektiven ferner, was die Häufigkeit schmerzhafter Durchblutungsstörungen des Herzmuskels am Ende der Beobachtungszeit angeht. So klagten jeweils rund 30 Prozent der Teilnehmer weiterhin über Anfälle von Brustenge, eine Angina pectoris. Indes zählt die Beseitigung derartiger Beschwerden zu den wichtigsten Gründen für die Implantation von Herzgefäßstützen.
Grundsätzlich verbessert die Aufweitung verengter Herzadern mit einem Stent oft die Brustenge sofort, während die einschlägigen Medikamente erst nach einiger Zeit wirken. Allerdings sei eine sachgerechte Arzneimitteltherapie oft in der Lage, die Entstehung einer Angina pectoris von vorneherein zu verhindern, sagt Martin Middeke vom Hypertoniezentrum München. Viele Patienten erhielten gleichwohl nicht die nötigen Medikamente. Auch andere Maßnahmen würden zu wenig berücksichtigt. Hierzu zählen etwa mehr körperliche Bewegung und das Abspecken. Wie Middeke hinzufügt, können auch zu hohe Blutdruckwerte eine Angina pectoris hervorrufen. In dem Fall beruhten die Beschwerden auf dem Unvermögen der Kranzarterien, den krankhaft verdickten Herzmuskel - eine Folge des ständigen Überdrucks - ausreichend zu ernähren. Mit einer konsequenten Hochdrucktherapie ließen sich die Beschwerden wirkungsvoll angehen.
Wie William Boden vom Department of Medicine am Veterans Affairs Medical Center in Albany/New York in einem Editorial anmerkt, ist es an der Zeit, die koronaren Stents gezielter einzusetzen. Nachweislich von Vorteil seien diese lediglich für Patienten mit akuter Herzattacke. Demgegenüber kommen sie Personen mit stabiler koronarer Herzkrankheit kaum zugute. Schon früher hätten einige Forscher einschlägige Bedenken geäußert, doch seien ihre kritischen Stimmen ungehört verhallt. Zu den Gründen hierfür dürfte laut Boden die verbreitete Neigung zählen, an persönlichen Überzeugungen und liebgewonnenen Praktiken festzuhalten. Zudem gibt es immer noch falsche finanzielle Anreize. So begünstigt das derzeitige Vergütungssystem die Tendenz, Maßnahmen wie die Implantation von Stents eher häufiger als seltener vorzunehmen.
