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Transplantation Als ob Senioren Zeit für Dialyse hätten

23.10.2006 ·  Was heißt schon alt? Wer biologisch jung geblieben ist, kann auch mit 80 Jahren noch eine Transplantation wagen. Die 84 Jahre alte Helga Stödter ist hierfür der beste Beweis.

Von Sabine Löhr
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Für langweilig erklärt zu werden, betrachten Damen jeden Alters kaum als Kompliment. Außer, ein Arzt äußert dies. „Sie sind ein medizinisch langweiliger Fall“ - Helga Stödter hört diesen Satz äußerst gern und regelmäßig. Vor zweieinhalb Jahren wurden ihr zwei Nieren transplantiert, und bei jeder Kontrolluntersuchung in der Asklepios-Klinik in Hamburg-Barmbek ist der Nephrologe Karl Wagner begeistert vom Gesundheitszustand seiner einschüchternd agilen Patientin.

Als nachgerade „märchenhaft“ empfand Helga Stödter allerdings ihren Kurzdialog mit einem anderen Mediziner, dem ebenso bekannten wie charmanten (so Frau Stödter) Transplantationschirurgen Christoph Broelsch am Universitätsklinikum Essen. Sitzt man ihr an einem herbstlichen Nachmittag Tee trinkend in ihrer stattlichen Bibliothek gegenüber, kann man sich genau vorstellen, wie sie - gut frisiert, dezent geschminkt - ihrem Broelsch freundlich, fest und direkt in die Augen sah und die entscheidende Frage stellte: „Halten Sie es für verwerflich oder lächerlich, wenn ich in meinem Alter über eine Nierentransplantation nachdenke? Er antwortete, ich solle ihn doch erst einmal davon überzeugen, daß ich wirklich 81 sei.“

Gefäße jünger als der Körper vermuten läßt

Das war 2003, da war die in allen Lebensbereichen denkbar vielbeschäftigte Juristin, Stiftungsfrau, Landfrau, dreifache Mutter und dreizehnfache Großmutter laut Paß einerseits durchaus schon 81 Jahre alt. Andererseits sprach ihr Körper eine andere Sprache, und das lag nicht nur an ihrer Haltung und auch nicht bloß an ihrer willensstarken Ausstrahlung. „Sie hat eben das Glück, daß ihre Gefäße wesentlich jünger sind, als Jahrgang 1922 vermuten ließe“, sagt Karl Wagner. So um die zwanzig Jahre jünger.

Alle peniblen Voruntersuchungen hatte Helga Stödter mit besten Ergebnissen bestanden, das passende Spenderorgan einer Gleichaltrigen kam schneller als erwartet, die Operation verlief völlig problemlos, und die Patientin hatte ihre Bewegungsfreiheit wieder. Durch strenge Diät hatte sie ihre lange schon kranken Nieren zwar jahrzehntelang disziplinieren können, mußte dann 2003 aber doch zur Dialyse - für die sie eigentlich überhaupt keine Zeit hatte.

Transplantation macht sich auch im Alter bezahlt

„Alle zwei Tage meine Arbeiten unterbrechen zu müssen und meine Reiserouten mit den Standorten von Dialysezentren in Einklang zu bringen, war doch sehr lästig.“ Auch wenn die Dialyse natürlich eine wunderbare Erfindung sei. Bloß eben nichts für ansonsten vitale Charaktere, deren Leben mit zunehmendem Alter nicht langweiliger wird, die vielmehr das Gefühl haben, die Zeit vergehe immer schneller, das Leben verlange daher erst recht nach ungebremstem Vorwärts.

Wenigstens ein Jahrzehnt lang verrichten postmortal gespendete Organe im Durchschnitt ihren Dienst. Das ist halb so lang wie bei lebend gespendeten Organen, aber dennoch und gerade mit fortschreitendem Alter ein großes Geschenk. Angesprochen wird von Helga Stödter dann aber ein anderer Gedanke, der erklärt, warum sich eine Transplantation auch im Alter bezahlt macht: „Bereits nach zwei drei Jahren beginnt meine Krankenkasse Geld zu sparen.“ Dann nämlich haben sich die Operationskosten amortisiert - Nachsorge und Folgemedikation kosten jährlich zwischen 6000 und 12.500 Euro, die Dialyse dagegen je nach Methode zwischen 25.000 und 50.000 Euro pro Jahr und Patient.

Seniorenprogramm ESP verschafft Vorteile

Helga Stödter ist heute die älteste Nierentransplantierte Europas. „Viele ältere Menschen wissen gar nicht, daß sie sowohl als Spender wie auch als Empfänger noch in Frage kommen. Ich warne dringend jeden davor, seinen Organspendeausweis verfrüht wegzuwerfen“, sagt sie. Zu Recht, denn wenn es um Organtransplantationen geht, tritt der seltene Fall ein, daß ein fortgeschrittenes Alter einen erfreulichen Vorteil in der medizinischen Versorgung verschaffen kann: Wer über 65 ist und als postmortaler Spender oder dialysepflichtiger Empfänger bei dem für Deutschland zuständigen Verteilverbund Eurotransplant gemeldet ist, rutscht seit 1999 automatisch in das wenig bekannte Senioren-Programm ESP, auch „Old-to-Old“ genannt.

Ältere Menschen erhalten dabei bevorzugt Organe aus ihrer Generation und ihrer Region. Weil sie seltener zu Abstoßungsreaktionen zu neigen scheinen als jüngere Kandidaten, setzen Mediziner bei Älteren häufig nicht so sehr auf perfektes Zusammenpassen von Spenderorgan und Empfänger in allen definierten Kriterien (gerne auch „Full House“ genannt), sondern vielmehr auf Tempo. Regionaler Austausch erlaubt, das Organ schnellstmöglich durch die blutleere Phase zu bekommen, in der es zu Gefäßschäden kommen könnte.

Gesunde Seniorennieren nicht schlechter als junge

„Eigentlich sollte jeder Dialysepatient jeden Alters zuerst seinen Hausarzt, dann seinen Dialysearzt fragen, ob er ihn für transplantabel hält. Sagen beide nein, würde ich damit beginnen, die Tranplantationszentren aufzusuchen“, sagt Frau Stödter. Sich frühzeitig entmutigen zu lassen wäre tatsächlich falsch, denn daß ein erhöhtes Lebensalter per se keinen Ausschluß von der Nierentransplantation rechtfertigt, zeigt unter anderem eine Dissertation der Universität Göttingen aus dem vergangenen Jahr. Gesunde Seniorennieren müssen auch nicht schlechter arbeiten als die von jungen Spendern, können aber altersgemäße Gefäßveränderungen zeigen. Einen gleich alten Empfänger muß das aber nicht beunruhigen.

Jeder, der über der recht willkürlichen 65er-Grenze liegt, hat sogar Grund zu doppelter Hoffnung: Wegen der erhöhten Sterblichkeit ihrer Erstbesitzer sind diese Nieren schneller verfügbar, man bleibt aber zusätzlich auf der allgemeinen Eurotransplantliste. Das zermürbende Warten auf eine der knappen Spendernieren verkürzt sich für Menschen jenseits der Pensionierungsgrenze auf die Hälfte der im Schnitt üblichen fünf Jahre. Und Zeit spielt die entscheidende Rolle, immerhin sterben pro Wartejahr etwa fünf Prozent der Patienten.

Nieren Mangelware in spendenunwilligen Land

Lebendspenden zwischen Verwandten oder anderen Nahestehenden können diese Zeit des langsamen Siechens verkürzen. Doch im Alter fordert sie mancher wohl nur ungern ein: „Meine Kinder haben selbst Kinder, denen konnte ich keinerlei Risiko zumuten“, sagt Helga Stödter. Auch wenn das bei Nierentransplantationen äußerst gering ist.

Daß lange Zeit vergleichsweise wenige ältere Menschen das begehrte „T“ für transplantabel verliehen bekamen, kann verschiedene Gründe haben. Bis in die neunziger Jahre sahen viele Transplantationszentren über Sechzigjährige nicht gern als Spender oder Empfänger. Nieren sind in diesem eher spendenunwilligen Land stets Mangelware, vielleicht wollte man sie unbewußt den Jüngeren gönnen oder hielt alte Organe für Verschleißware. Doch die Immunsuppressionstherapie wie auch die Anästhesie haben bei geriatrischen Patienten Fortschritte gemacht. „Zwar muß man bei älteren Menschen noch vorsichtiger mit der Dosierung sein, ansonsten erhalten sie aber dieselben Medikamente wie jüngere“, sagt Nierenfachmann Wagner. Und kommen damit genauso gut zurecht. Frau Stödter ist der beste Beweis.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 69
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