20.01.2012 · Das gab es noch nie: Hochsicherheitslabors aus aller Welt wollen ein 60-Tage-Moratorium. Es geht um Versuche mit extrem gefährlichen H5N1-Viren. Eine Notbremse?
Von Joachim Müller-JungIst das die erste Notbremse, oder doch vielleicht nur ein weicher, der von vielen erwartete Kompromiss? Drei Dutzend Virusforscher aus aller Welt, die Leiter von Sicherheitslabors der höchsten Schutzkategorie, haben an diesem Freitagabend in einem gemeinsam veröffentlichten „Letter“ ein 60-Tages-Moratorium für Experimente mit den künstlich erzeugten und mutmaßlich gefährlichsten Influeanzaviren der Welt angekündigt. Es solle Zeit gewonnen werden, so heißt es in dem von den Zeitschriften „Science“ und „Nature“ publizierten Brief, „damit Regierungen und Organisationen diskutieren können, wie man mit den Herausforderungen umgeht und zu den besten Lösungen kommt“.
Vor wenigen Wochen war ein teils heftiger Streit unter Forschern, Behörden und Regierungen ausgebrochen. Auslöser waren Berichte, dass schon vor Monaten in zwei amerikanischen und niederländischen Hochsicherheitslabors in Wisconsin-Madision und in Rotterdam Viren vom extrem gefährlichen Vogelgrippe-Stamm H5N1 erzeugt worden waren, die offenbar besonders leicht übertragbar sind. Jedenfalls unter den entsprechenden Versuchstieren - Frettchen, die als geeignetes Modell für die Influenzaübertragung beim Menschen gelten. Es waren minimale genetische Veränderungen, Mutationen, die aus dem in Teilen der Welt kursierenden, jedoch auf Säugetiere schwer übertragbaren Virusstamm einen extrem leicht übertragbaren Stamm gemacht haben. Geringste Veränderungen des Oberflächenmoleküls Hämagglutinin machen es möglich. Damit wurde im Labor gezeigt, dass der seit Jahren vor allem noch in Asien und Nordafrika kursierende Typ H5N1 durchaus das Potential hat, zu einem extrem gefährlichen und in wenigen Tagen um die Welt sich ausbreitenden Influenzastamm zu werden. Gut die Hälfte der Menschen, die mit H5N1 durch engen Kontakt mit Geflügel infiziert wurden, sind an den schweren Grippesymptomen gestorben.
In den beiden Labors sollte untersucht werden, welche Mutationen und wie viele im Virus
nötig sind, um aus dem tödlichen, aber schwer übertragbaren Erreger einen extrem gefährlichen – vielleicht den denkbar gefährlichsten überhaupt – zu konstruieren. Nachdem den amerikanischen und niederländischen Forschern in dieser Hinsicht ein entscheidender Fortschritt gelungen war und die solcherart hergestellten Kunstviren seitdem in den beiden Labors gelagert werden, kam es zu einem politisch bisher einzigartigen Eingriff: Das amerikanische „National Science Advisory Board for Biosecurity“ (NSABB), der nach den Bioterrorangriffen und entsprechenden, vor einigen Jahren erlassenen Gesetze im Land die Gesundheits- und Sicherheitsbehörden in Washington berät, forderte die Forscher sowie die beiden Zeitschriftenredaktionen von „Science“ und „Nature“ auf, sensible Teile der wissenschaftlichen Publikationen nicht zu veröffentlichen – solche Beschreibungen zu den Mutationen und Herstellungsmethoden, die geeignet sind, als Matrize für die Produktion von Biowaffen aus Influenzaviren zu dienen. Eine heftige Diskussion entbrannte. Viele Wissenschaftler witterten staatliche Zensur, wollten zum Wohle eines möglichst schnellen wissenschaftlichen Fortschritts alles publiziert sehen. Fast ebenso viele aber, sogar in einigen mit Influenzaviren beschäftigten Sicherheitslabors, sprachen sich für eine teilweise Geheimhaltung auf – zum Schutz der Bevölkerung. Sicherheit oder uneingeschränkte Forschungsfreiheit lauteten die Alternativen.
Dass die Forderung der amerikanischen Gesundheitsbehörden nach Unterdrückung technischer Informationen zumindest rechtens und mit der amerikanischen Verfassung durchaus in Einklang steht, haben zwei Juristen der Georgetown University in Washington in der aktuellen Ausgabe von „Science“ deutlich gemacht. Statt über Machtmissbrauch und versuchte Zensur zu diskutieren, sollten sich die Forscher und Behörden überlegen, wie die Hochrisikoforschung besser organisiert und so koordiniert werden könne, dass die gefährlichen Experimente innerhalb der Forschungsgemeinde sorgfältig begutachtet und gleichzeitig die Gefahr des Missbrauchs minimiert werde.
Der Brief mit der Selbstverpflichtung der Wissenschaftler für ein Moratorium ist in der Geschichte der Virusforschung bisher einmalig. Auch der Marburger Institutsleiter Hans-Dieter Klenk hat seine Unterschrift unter das Dokument gesetzt. Unklar bleibt, was sich die Virologen von einem zweimonatigen Aussetzen der Experimente politisch versprechen. Es sollen lediglich Versuche mit den künstlich hergestellten, sogenannten H5N1-HA-Viren unterbleiben. Experimente mit anderen H5N1-Viren, die Aufschlüsse geben könnten zur Übertragbarkeit der Erreger auf den Menschen, sollen fortgesetzt werden. Lediglich sechzig Tage Aufschub sollen offenbar verhindern, dass es zu einer extremen Publikationsverschiebung der noch immer unter Verschluss gehaltenen, bei „Nature“ und „Science“ eingereichten Manuskripte kommen kann. Zumindest will man in diesen zwei Monaten zu einem „Internationalen Forum“ aller betroffenen Wissenschaftler zusammen sitzen und über das Sicherheitsbedürfnis von Regierungen und Bevölkerungen diskutieren. In einem jüngst organisierten Expertenchat sprachen sich etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer für die ungekürzte Veröffentlichung der Virusmanipulationen aus, etwas weniger appellierte an die Forscher, sensible Daten unter Verschluss zu halten.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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