Home
http://www.faz.net/-gwz-73tkl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Therapie beim Herzinfarkt An der Notaufnahme vorbei

Die Herzinfarkttherapie kann verbessert werden. Konkrete Strategien, die mehr Menschen vor dem Tod bewahren, zeigt eine neue deutsche Studie.

© dpa

Die Behandlung des akuten Herzinfarkts ist ein Wettlauf mit der Zeit. Gewinnen lässt er sich nur, wenn alles wie am Schnürchen klappt - angefangen von der Erstversorgung des Patienten bis hin zur Aufdehnung der verstopften Kranzarterie mit dem Katheter. Denn mit jeder Minute, die ungenutzt verstreicht, verschlechtern sich die Aussichten des Patienten, ohne größere Einbußen der Herzkraft zu überleben. Nur in einer Minderheit der Fälle gelingt es, die verschlossene Ader leitliniengerecht innerhalb von 90 bis spätestens 120 Minuten nach Eintreffen des Notarztes zu öffnen.

Die hierfür verantwortlichen Gründe sind vielfältig. Sie reichen vom Ansteuern einer ungeeigneten Klinik über eine zu lange Verweildauer in der Notaufnahme bis hin zur verspäteten Verständigung des Behandlungsteams. Meist den schwierigen äußeren Umständen angelastet und daher gleichsam schicksalhaft hingenommen, sind derartige Verzögerungen aber keineswegs unabänderlich. Sie lassen sich vielmehr deutlich verringern. Wie sich das erreichen lässt, haben Ärzte und Rettungskräfte um Karl Heinrich Scholz vom St. Bernward Krankenhaus in Hildesheim zunächst in einer kleinen Studie bei 144 Patienten und jetzt in einer größeren bei knapp 1200 Infarktkranken vorgeführt. Waren am ursprünglichen Projekt erst eine Akutklinik - das sind Kliniken, die Infarktkranke rund um die Uhr mit dem Katheter behandeln können - und zwei Hospitäler ohne derartige Ausstattung beteiligt, basiert die zweite Studie auf einer deutschlandweiten Kooperation von sechs Akutkliniken und 29 in deren Einzugsgebieten befindlichen Krankenhäusern.

Wirklichkeitsferne Studien

Bei den Patienten der aktuellen Untersuchung handelt es sich um ein typisches Abbild des klinischen Alltags. Einbezogen wurden alle Infarktkranken, die während der Aufnahmephase spätestens 24 Stunden nach Beginn der Beschwerden an eine der teilnehmenden Kliniken gelangten. Nach dieser Zeit gilt ein Kathetereingriff als nicht mehr nutzbringend. Demgegenüber mussten die Probanden der für die Leitlinien relevanten Studien meist mehr oder weniger strengen Selektionskriterien genügen. Sehr alte Personen fanden darin vielfach ebenso wenig Beachtung wie besonders kranke. Die wirklichkeitsferne Zusammensetzung der Studienteilnehmer ist auch ein wesentlicher Grund, weshalb die in den Leitlinien festgelegten Behandlungszeiten den Ruf haben, unrealistisch zu sein.

Was das Protokoll der Studie betrifft, stützte sich das neue Projekt auf das bewährte Rezept des ersten: Über einen Zeitraum von fünfzehn Monaten kamen vierteljährlich alle an der Infarkttherapie beteiligten Berufsgruppen zusammen, um die zuvor im Detail dokumentierten Abläufe zu diskutieren. „Positiv erstaunt hat mich“, sagt Karl Heinrich Scholz, „wie konstruktiv sich die Teilnehmer der gemeinsamen Treffen - ob nun Sanitäter, Feuerwehrleute, Notärzte, Kardiologen oder Pflegekräfte - um Lösungen bemühten.“ Als die treibende Kraft habe sich dabei die wiederholte Rückmeldung der Ergebnisse erwiesen. „Werden die Teammitglieder in regelmäßigen Abständen mit den eigenen Leistungen konfrontiert, sind sie sehr viel motivierter, Verbesserungen vorzunehmen, als ohne ein solches Feedback.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nachts in der Notaufnahme In stressigen Zeiten braucht es Routine

Wenn nachts viele Notfälle ins Krankenhaus kommen, müssen Pflegekräfte rasch entscheiden. Routine hilft. Und ein gewisses psychologisches Geschick ist unabdingbar. Eine Schicht im Hospital zum Heiligen Geist. Mehr Von Angelika Fey, Frankfurt

18.08.2015, 20:06 Uhr | Rhein-Main
Hamilton in Australien Koala besucht Notaufnahme

Ein Koala hat die Notaufnahme einer australischen Klinik besucht. In Hamilton drehte er seine Runden, wie das Überwachungsvideo zeigt. Mehr

06.05.2015, 12:35 Uhr | Gesellschaft
Tödliches Gartengemüse Mann stirbt nach Zucchini-Mahlzeit

In Heidenheim stirbt ein Mann nach dem Verzehr einer selbst angebauten Zucchini. Das Gemüse habe ungewöhnlich bitter geschmeckt, berichtete das Opfer vor seinem Tod. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Mehr

20.08.2015, 15:34 Uhr | Gesellschaft
Finanzkrise Eine Frage von Leben und Tod

In vielen griechischen Krankenhäusern spitzt sich die Lage wegen der Schuldenkrise zu. Medikamente werden knapp, der Druck auf das Budget der Kliniken wächst weiter. Schwer kranke Patienten fürchten, sie werden nicht mehr ausreichend medizinisch versorgt. Mehr

09.07.2015, 15:25 Uhr | Politik
Havelland Flüchtlingsunterkunft in Nauen niedergebrannt

Im brandenburgischen Nauen ist eine Sporthalle, die Flüchtlinge aufnehmen sollte, komplett abgebrannt. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Bürgermeister und Landesregierung sind tief betroffen. Mehr

25.08.2015, 15:27 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 25.10.2012, 07:00 Uhr