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Freitag, 10. Februar 2012
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Taucherkrankheit Es gibt kein sicheres Tauchen

10.08.2010 ·  Obwohl sie sich an die Regeln halten, erleiden jedes Jahr etwa vierzig Menschen eine ausgeprägte Taucherkrankheit. Diese Unfälle sind Medizinern häufig ein Rätsel. Fest steht: Risiken unter Wasser lassen sich nie ganz ausschließen, aber vielleicht verringern. Ein Bericht von der Forschungsfront.

Von Brigitte Osterath
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Murnau am Staffelsee. „Letzter Check.“ Eine männliche Stimme dringt in die drei mal fünf Meter große Metallkammer. „Keine Armbanduhren an? Keine Feuerzeuge dabei? Und ihr habt auch bestimmt keinen Schnupfen?“ Manuela, Matthew, Jörn und Michael verneinen laut. Die vier Sporttaucher sitzen in der Kammer, Decken, Bücher, Nasentropfen und Kaugummis neben sich. In einer Ecke stehen leere Urinflaschen für den Notfall bereit. „Dann geht es los. Gute Fahrt!“, wünscht die Stimme des technischen Leiters des Druckkammerzentrums Andreas Kanstinger. Eine Krankenschwester verriegelt von außen die schwere Tür für die nächsten Stunden. Der Kontrollraum ist ein paar Meter entfernt, hier drückt Kanstinger nun einen Knopf und lässt Luft in die Kammer strömen.

Die Druckanzeige steigt langsam, bei 4 bar bleibt der Zeiger stehen. Das Rauschen wird leiser und verstummt. „Dieser Überdruck entspricht dem Druck in 40 Meter Wassertiefe“, erklärt Kanstinger. „Da bleiben die vier jetzt erst mal eine Stunde.“ Manuela und ihre Freunde nehmen als Probanden an einer Studie in der Murnauer Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik teil, die Holger Schöppenthau und Bernd Winkler leiten. Die Mediziner testen ein neues Tauchprofil, dafür setzen sie die Freiwilligen in der Kammer jetzt hohem Luftdruck aus und simulieren auf diese Weise bestimmte Wassertiefen. Dann werden die gängigen Regeln außer Kraft gesetzt.

Die Haut rötet sich, die Gelenke schmerzen

Bisher lernen Tauchschüler, dass sie erst zum anvisierten tiefsten Punkt tauchen sollen, um von dort langsam und mit Pausen zur Wasseroberfläche zurückzukehren. Das soll physiologischen Problemen vorbeugen. Auf- und erneutes Abtauchen, ein sogenanntes Jojo-Profil, ist untersagt. Hält sich ein Mensch nämlich längere Zeit tief unter Wasser auf, löst sich durch den höheren Druck sehr viel mehr Stickstoff aus der Atemluft im Körper als an der Oberfläche. Taucht er nun zu schnell wieder auf, wird er den überschüssigen Stickstoff nicht rechtzeitig los: Das Gas perlt im Blut aus wie Kohlensäure in einem Glas Sekt.

Fast bei jedem Tauchgang entstehen solche Blasen im Venensystem, abhängig von Dauer und Tiefe. Normalerweise werden sie problemlos über die Lunge wieder abgegeben. Gelangen sie aber in den arteriellen Blutkreislauf, wird es gefährlich. Die Gasblasen können sich beispielsweise im Gehirn festsetzen, dort die Blutzufuhr drosseln und zu Schwellungen führen. Ärzte sprechen dann von der Dekompressions- oder Taucherkrankheit. In leichten Fällen spüren Betroffene etwa dreißig Minuten nach dem Auftauchen ein Kribbeln; die Haut rötet sich, die Gelenke schmerzen. Es können aber auch Sehstörungen oder Lähmungen auftreten, und mitunter droht Lebensgefahr. In Deutschland erleiden nach Angaben der Versicherungsgesellschaft Aqua Med jedes Jahr etwa vierzig Menschen eine ausgeprägte Taucherkrankheit. Diese Unfälle sind Medizinern häufig ein Rätsel, die Taucher haben sich meist genau an die Regeln gehalten. „Das Problem sind die Blasen“, erklärt Holger Schöppenthau. So viel sei sicher. Daher versuchen die Murnauer das Tauchprofil zu verbessern. Je weniger Blasen im venösen Blut treiben, desto geringer das Risiko.

„Die Blase schrumpft und richtet im Körper weniger Unheil an“

„Jetzt geht es hoch auf 18 Meter“, teilt Andreas Kanstinger den Probanden nach einiger Zeit durchs Mikrofon mit. Er öffnet die Ventile, aus der Kammer strömt Luft. „Wenn wir nachher auf neun Meter angekommen sind“, sagt er, „lassen wir die vier zunächst fünf Meter abtauchen, bevor es weiter nach oben geht. Wir provozieren also ein Jojo-Profil.“

Versuche mit Tieren haben gezeigt, dass ein solcher Tauchvorgang keineswegs immer zu verstärkter Blasenbildung im Blut führen muss. Mediziner der Universität in Trondheim hatten Schweine mittels Druckkammer ab- und wieder auftauchen lassen. Auf unterschiedliche Weise und mit verblüffendem Ergebnis: Im Vergleich zum konventionellen Aufstieg bildeten sich beim Jojo-Profil weniger Blasen im Blut. Ob das für Menschen ebenfalls gilt, wollen Schöppenthau und seine Kollegen in ihrer Studie nun herausfinden. In der Murnauer Druckkammer probieren insgesamt dreißig Taucher zwei Profile im Abstand von ein paar Wochen aus. Nach den physikalischen Gesetzen sollte das neue Profil sicherer sein, glaubt Schöppenthau. „Nehmen wir an, beim Auftauchen bildet sich eine Blase im Blut. Geht der Taucher wieder tiefer, steigt der Druck und dann wird diese zusammengepresst. Vermutlich diffundiert mehr Stickstoff aus der Blase und löst sich im Blut. Die Blase schrumpft und richtet im Körper weniger Unheil an.“

Tauchcomputer schaltet sich ab

Manuela, Matthew, Michael und Jörn sind inzwischen bei neun Metern angekommen. Jetzt geht es für sie wieder nach unten, auf 14 Meter. „Was sagen eure Tauchcomputer?“, fragt Kanstinger. Die Geräte berechnen, auf welcher Wassertiefe und wie lange ein Taucher pausieren muss, damit er von der Taucherkrankheit verschont bleibt. Manuela liest laut vom Display ab: „Auftauchen, auftauchen, auftauchen!“ Kanstinger lacht. Die Hersteller haben konventionelle Profile programmiert – dementsprechend warnt das Gerät. Noch zweimal sinken die Probanden während des Auftauchens wieder fünf Meter ab. Das verwirrt einen der Computer offenbar völlig, er schaltet sich ab.

Auch das „Diver Alert Network“, ein Zusammenschluss von Tauchern, forscht an möglichst sicheren Profilen. Wie das Netzwerk vor einigen Jahren herausfand, senkt ein zusätzlicher Stopp auf halber Tauchtiefe das Risiko für die Taucherkrankheit auf ein Viertel. Allerdings berücksichtigen bisher nur wenige Tauchcomputer diesen Tiefenstopp.

„Es gibt kein sicheres Tauchen“

Nach drei Stunden Druckkammerfahrt sind Manuela, Matthew, Jörn und Michael wieder an der Wasseroberfläche, also bei null Bar Überdruck angekommen. Die schwere Tür zur Kammer öffnet sich. „Wollt ihr zuerst aufs Klo oder zum Ultraschall?“, fragt Andreas Kanstinger. Jörn lässt sich als Erster in der Kardiologie untersuchen. Hier bildet Thomas Ludwig das Herz der Probanden mit Ultraschall im Dopplerverfahren ab und kann erkennen, wie viele Gasblasen sich gebildet haben. Das Gerät wandelt die Messsignale auch akustisch um. Ein lautes Pochen ist zu hören, als der Ultraschallkopf über Jörns Brust fährt und die rechte Herzkammer findet. „Das ist das ganz normale Geräusch“, beruhigt Ludwig. Kurz darauf schmatzt es laut: „Das war gerade eine typische Blase.“ Es sind insgesamt aber nur wenige Blasen im Blut. „Allerdings“, sagt Ludwig, „findet man die maximale Zahl nicht direkt nach dem Tauchgang, sondern erst zwei Stunden später.“

In der Murnauer Klinik werden die Probanden über drei Stunden hinweg im 30-Minuten-Intervall untersucht. Als Michael an der Reihe ist, zeigt Kardiologe Ludwig auf den Monitor: „Hier sieht man relativ viele Bläschen.“ Eine Stunde später nimmt die Zahl wieder ab. Alle vier Sporttaucher können guten Gewissens nach Hause entlassen werden. Nun geht es an die Auswertung ihrer Daten.

Wie die Versuche ausgegangen sind, wird sich in ein paar Wochen zeigen. Bis dahin und wohl auch danach gilt, was Claus-Martin Muth, Tauchmediziner am Universitätsklinikum Ulm, beim jüngsten Bonner Tauchsymposium in Erinnerung gerufen hat: „Es gibt kein sicheres Tauchen. Es gibt nur weniger gefährliches Tauchen.“

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