15.12.2004 · Der Gipfel der Tabakgegner: Der internationale Feldzug gegen das Rauchertum könnte sich in Zukunft auf die weibliche Zielgruppe richten.
Von Joachim Müller-JungIn weniger als achtzig Tagen wird die Tabak-Konvention der Vereinten Nationen förmlich in Kraft treten. Es ist das erste völkerrechtlich bindende Vertragswerk überhaupt, das auf Initiative der Weltgesundheitsorganisation zustande gekommen ist. Mehr als vierzig der 167 Unterzeichnerstaaten haben das Vertragswerk inzwischen ratifiziert - Deutschland nicht.
Deutschland nimmt auch in einem europäischen Ranking einen der hintersten - den 21. von 28 - Plätze ein, wenn es um die Frage geht, wie der Tabakkonsum reglementiert und kontrolliert wird. Grund genug also für die am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg tätige Medizinerin Martina Pötschke-Langer, die zugleich als Leiterin des Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation fungiert, über die hiesige Situation zu klagen.
Mehr als hundert Frauen sterben jeden Tag als direkte Folge des Rauchens
Gelegenheit dazu hatte sie gestern im eigenen Haus. Dort findet bis zum heutigen Donnerstag die „2. Deutsche Konferenz für Tabakkontrolle“ statt. Nicht alle Mißstände, die Pötschke-Langer und ihre Mitstreiter zu beklagen haben, werden dort besprochen. Ein wichtiger Aspekt aber, der im Vorfeld der Veranstaltung insbesondere bei der in Raucherfragen sensibilisierten amerikanischen Öffentlichkeit registriert worden war, brennt den Tabakgegnern in Heidelberg unter den Nägeln: Es ist die Beobachtung, daß in Europa offenbar die Zahl der rauchenden Frauen ungebrochen zunimmt und die ersten Folgen dieser Entwicklung schon in den Medizinstatistiken zu erkennen sind. „Die Zahl der Todesfälle durch Lungenkrebs sind insbesondere bei jüngeren Frauen in den vergangenen zehn Jahren um sechzig Prozent angestiegen“, berichtete Pötschke-Langer in Heidelberg.
Auch die wachsende Zahl von Herzinfarkten bei jungen Frauen wird zum großen Teil dem Tabakkonsum zugeschrieben. Mehr als hundert Frauen, so wird von den Tabakgegnern grob gerechnet, sterben in Deutschland jeden Tag als direkte Folge des Rauchens. Zahlen, die sich mit den Kalkulationen von Medizinern decken, die insgesamt auf 110.000 bis 120.000 Raucheropfer jährlich kommen. Eine besonders dramatische Zuspitzung zeichnet sich in den östlichen Ländern ab, wo sich die Raucherquote bei den 15- bis 30jährigen seit der Wende verdreifacht hat. Aber auch in Österreich, England, Belgien, der Tschechischen Republik und Finnland - dem europäischen Bildungsmekka - finden entgegen dem Trend bei jungen Männern immer mehr Teenagerinnen zum Glimmstengel.
„Todesfalle und Milliardengrab Zigarettenqualm“
Der internationale Feldzug gegen das Rauchertum also könnte sich in Zukunft, wenn die Tabakkonvention greift und die Länder die Kontrolle von Tabakvertrieb und -werbung kritischer unter die Lupe nehmen, auf die weibliche Zielgruppe richten. Rauchen gilt bei Frauen wie bei Männern als das bedeutendste einzelne Gesundheitsrisiko. Die Tabakgegner können sich dabei auf ein Füllhorn an medizinischen Studien stützen. Studien, wie sie vor wenigen Tagen vom deutschen Rheuma-Forschungszentrum in Berlin präsentiert wurden. Dort berichtete der schwedische Kliniker Lars Klareskog vom Karolinska-Institut über neue Indizien, die das Rauchen als wesentliche Mitursache bei der Entstehung der schwersten Formen von rheumatoider Arthritis identifizierte. Vor allem Menschen mit einer bestimmten Genkonstellation in den sogenannten „Shared-Epitopen“ müssen, wenn sie rauchen, früher oder später mit ausgeprägten Gelenkentzündungen rechnen.
In den Antiraucherkampagnen werden aber längst nicht mehr nur medizinische Geschütze aufgefahren. Auch ökonomische Argumente werden bemüht, wie solche, die gestern von Wissenschaftlern des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit präsentiert wurden. „Todesfalle und Milliardengrab Zigarettenqualm“ titelten die Mitarbeiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen ihre neueste Analyse, die sich auf die volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens bezieht.
Plädoyer für eine rigide Präventionspolitik
Sie nutzten dazu einen, wie sie sagen, international anerkannten und von den amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention entwickelten Untersuchungsansatz. Auf der Basis großer epidemiologischer Studien über die Risiken von Rauchern und ehemaligen Rauchern, an raucherbedingten Krankheiten zu leiden, haben sie die die durch Arbeitsausfall entstehenden Kosten berechnet. Nicht berücksichtigt sind wegen fehlender solider Daten die durch Passivrauchen verursachten Krankheiten und durch „Raucherpausen“ bedingten Arbeitsausfälle sowie die Aufwendungen für Prävention und Forschung.
Alles in allem kommen die Gesundheitsökonomen für das Jahr 2002 auf eine volkswirtschaftliche Belastung Deutschlands von annähernd 20 Milliarden Euro. Eine „vorsichtige Schätzung“ in ihren Augen. Fast ein Drittel davon entfällt auf die medizinische Versorgung, knapp zwölfeinhalb Milliarden auf Arbeitsausfälle durch Krankheit und Tod. Würden die Kosten der unbezahlten Arbeit, also Hausarbeit und Betreuung von Angehörigen, bewertet, käme man nach den Ausführungen der Wissenschaftler auf weitere 19,5 Milliarden Euro. Die Analyse der Wissenschaftler ist also im Grunde ein eindeutiges Plädoyer für eine rigide Präventionspolitik. Im Sinne der Kostenersparnis und der gewonnenen Lebensjahre stimmen sie dieser Schlußfolgerung zwar zu. Was die Folgen für die Sozialausgaben allerdings angeht - ein Argument, das häufig auch genannt wird -, sind sie zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Denn zwar liegen die Gesundheitsausgaben für einen Raucher individuell höher als für einen Nichtraucher. Aber der Raucher stirbt statistisch auch deutlich früher, was die Sozialversicherungen „entlastet“. So finden Raucherdebatten nie ihr Ende, aber immer wieder ihre Höhepunkte: entweder in todtraurigen Zahlen- oder zynischen Rechenspielen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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