Home
http://www.faz.net/-gx3-77185
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Studien zu Alternativen ADHS ohne Medikamente behandeln

Weltweit überprüft man Therapien für die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS, die ohne Arzneimittel auskommen. Eine Übersichtsstudie zeigt nun, wie wenig aussagekräftig die Forschung zu dem Thema noch ist.

© dpa Vergrößern Ein Zehnjähriger bei den Hausaufgaben: Immer mehr Kindern sollen Medikamente helfen, sich zu konzentrieren

Die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS hat unlängst wieder viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen durch eine Studie der Krankenkasse Barmer/GEK, der zufolge die Zahl der Fälle bei den unter 19 Jahre alten Kindern und Jugendlichen in den Jahren 2006 bis 2011 um 42 Prozent gestiegen ist. Im Alter von elf Jahren erhalten demnach sieben Prozent aller Jungen und zwei Prozent der Mädchen das Medikament Ritalin. Die frühe medikamentöse Behandlung ruft immer wieder Kritiker auf den Plan. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat nun im „American Journal of Psychiatry“ erstmals Studien zu ADHS-Therapien analysiert, die ohne Medikamente auskommen (doi: 10.1176/ appi.ajp.2012.12070991).

Christina Hucklenbroich Folgen:    

In die Meta-Analyse flossen Daten von 54 Studien mit insgesamt 3000 Patienten ein. Die Untersuchungen kontrollierten zum einen die Auswirkung einer Ernährungsumstellung. Dabei wurden künstliche Lebensmittelfarben aus der Ernährung ausgeschlossen, die Nahrung wurde mit Omega-3-Fettsäuren ergänzt, oder man hielt eine spezielle Diät ein, bei der diejenigen Lebensmittel fehlten, gegen die die ADHS-Patienten eine Unverträglichkeit besaßen. Zum anderen ging es in den ausgewerteten Studien um drei psychologische Ansätze: kognitives Training, bei dem zum Beispiel das Arbeitsgedächtnis verbessert wird, Verhaltenstherapie und Neurofeedback. Bei Letzterem wird die Hirnaktivität auf einem Bildschirm dargestellt; der Patient lernt, sie selbst zu verändern und so etwa die Impulskontrolle zu stärken. Die Symptome der Störung besserten sich bei allen sechs Arten von Intervention - allerdings nur, sofern die Studie unverblindet war, das heißt, die beurteilenden Ärzte wussten, ob der Patient eine Therapie oder nur ein Placebo erhielt. Doch dieses Wissen des Arztes kann das Urteil beeinflussen. Und tatsächlich kamen die Wissenschaftler zu einem anderen Ergebnis, als sie nur die verblindeten Studien - in denen die Ärzte unvoreingenommen sind - heranzogen.

„Die Datenlage ist nicht gut“

Eine leichte Besserung verzeichneten in diesen Studien Patienten, die eine spezielle Diät mit mehr Omega-3-Fettsäuren erhalten hatten. Einen noch etwas größeren Erfolg erzielten Therapiekonzepte, in denen auf künstliche Farbstoffe verzichtet wurde - allerdings meistens bei Patienten, die man schon aufgrund ihrer Lebensmittelunverträglichkeiten ausgewählt hatte. „Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Therapien nicht wirken“, sagt Martin Holtmann, einer der Autoren und ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm der Ruhr-Universität Bochum, „sondern dass die Datenlage nicht gut ist. Wir brauchen mehr wissenschaftlich hochwertige Studien.“ Außerdem seien nur die drei Kernsymptome einer ADHS in den Studien berücksichtigt worden: Impulsivität, Unaufmerksamkeit und Unruhe. Doch ADHS beeinflusse auch die Lebensqualität und das Selbstwertgefühl. Es sei durchaus möglich, dass die nichtmedikamentösen Therapien auf diese Bereiche wirkten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Patienten erfolgreich behandelt Die Zellen gegen Blindheit

Zum ersten Mal sind Patienten, denen die Erblindung droht, erfolgreich mit Netzhaut-Gewebe behandelt worden, das aus Stammzellen erzeugt worden war. Viele konnten bald nach der OP deutlich besser sehen. Und die Mediziner wollen noch mehr. Mehr Von Joachim Müller-Jung

16.10.2014, 11:01 Uhr | Wissen
Ebola-Patient flüchtet aus Klinik

In der liberianischen Hauptstadt Monrovia brach ein Mann aus einer Quarantänestation für Ebola-Patienten aus und suchte auf dem Wochenmarkt nach Essen. Mehr

02.09.2014, 13:27 Uhr | Gesellschaft
Lebertumoren Vom Fett zum Krebs

Hohe Blutfettwerte schädigen die Leber. Wie genau die Verfettung des Organs schließlich Krebs entstehen lässt, klären jetzt erste Studien. Dabei wird auch deutlich, wie massiv Fruktose - etwa aus Softdrinks - zur Leberverfettung beiträgt. Mehr Von Stephan Sahm

13.10.2014, 00:59 Uhr | Wissen
Ebola-Patient trifft in Frankfurt ein

Der Mann soll in der dortigen Uniklinik behandelt werden. Mehr

03.10.2014, 11:55 Uhr | Gesellschaft
Kongress für Altersmedizin Opa fährt sicherer als Papa

Zu Unrecht gelten ältere Menschen als schlechte Autofahrer. Auch in anderen Disziplinen sind Hochbetagte oft noch leistungsfähiger als wir denken. Dafür kann auch ein gutes Maß an Stress sorgen. Mehr Von Ingrid Karb

08.10.2014, 21:24 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.02.2013, 10:46 Uhr